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Süßer Vogel Jugend

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Geben der Jugend eine Chance: Gitarrist Andy Scott und seine Bandkollegen von The Sweet in der Kongresshalle. Foto: Schultz © Schultz

Die britische Glam-Rock-Legende The Sweet mit Altmeister Andy Scott an der Gitarre gastierte mit jeder Menge Hits aus den 70ern in der Kongresshalle.

Gießen. Die 1970er waren das Jahrzehnt des modischen anything goes. Die Männer konnten sich endlich ihre Haare wachsen lassen, wie sie wollten. Und manch einer trug zur wehenden Mähne sogar hautenge Overalls in knalligen Farben oder absurd lange Stiefel mit Plateausohle. So wie die britische Band The Sweet, die als Vorreiter des Glam-Rock in die Musikgeschichte einging.

Zu ihrem bleibenden künstlerischen Beitrag trugen neben dem optisch ausufernden und bisweilen bizarren Spiel mit Glitz und Glamour natürlich auch jede Menge Hits bei, die damals in jedem Jugendkeller rauf und runter gespielt wurden. Allein in Deutschland kam das Quartett auf 16 Top-Ten-Songs, von denen acht den ersten Platz belegten. Doch 1981 war erst einmal Schluss für The Sweet. Sänger Brian Conolly hatte die Band schon zwei Jahre zuvor wegen schwerer Alkoholprobleme verlassen, danach wollte sich der Erfolg nicht mehr recht einstellen und auch die anderen Mitglieder gingen allesamt eigene Wege. Mittlerweile haben sich neben dem 1997 verstorbenen Schotten Conolly auch Bassist Steve Priest und Schlagzeuger Mick Tucker in den Rockhimmel verabschiedet, doch Gitarrist Andy Scott steht mit wechselnden Besetzungen auch im gesetzten Alter von mittlerweile 73 Jahren als letztes Gründungsmitglied noch immer munter auf der Bühne. Nun kam er mit seiner aktuellen, stark verjüngten Formation von The Sweet in die Kongresshalle, um die alten Zeiten aufleben zu lassen.

Der rund 90-minütige Auftritt machte noch einmal deutlich, welchen künstlerischen Stellenwert sich die Band in den 70ern - dem wohl bedeutendsten Jahrzehnt für die Entwicklung der Rockmusik - erspielt hat. Zu hören gab es natürlich die ab 1970 veröffentlichten Klassiker wie »Ballroom Blitz«, »Blockbuster«, »Hellraiser« oder »Wig-Wam Bam«, die zeigten, welche ausgefeilten Arrangement hier zum Tragen kommen. Diese Stücke bewegen sich irgendwo zwischen dem treibenden Rock von Led Zeppelin und der operettenhaften Ornamentik von Queen. Auch den musikalischen Witz der »Rocky Horror Picture Show« meinte man bisweilen aus den Stücken herauszuhören. Hinzu kamen in Gießen einige spätere Titel, die mit ihren Powerchords auf den Hard Rock der 80er Jahre verweisen und erklären, warum The Sweet nachfolgenden Bands wie Def Leppard oder Mötley Crüe als Inspirationsquelle gilt.

In Ehren ergrautes Gründungsmitglied

Dennoch ging es in Gießen vornehmlich um das Frühwerk und die großen Hits. Der noch immer überaus langmähnige, aber längst in Ehren ergraute Scott gab dazu den souveränen Altmeister, während sich der 2019 hinzugekommene und ein paar Jahrzehnte jüngere Sänger Paul Manzi nicht nur als gut gelaunter Frontmann erwies, sondern auch bestens bei Stimme war. Für Bandleader Scott ist gar er »der derzeit beste Rocksänger in U.K.«, wie er irgendwann schwärmte. Und tatsächlich beherrscht Manzi auch die schwierigen Falsett-Passagen, die eine Art Markenzeichen der großen Sweet-Hits sind.

Seine Bühnenshow wusste das zumeist mit The Sweet ergraute Publikum ebenfalls zu überzeugen. Es wurde immer wieder fröhlich mitgeklatscht, von Anfang an verließen zahlreiche Fans ihre Sitzplätze, um sich an den Seitengängen ausgelassen bis selbstvergessen zur Musik zu bewegen. Und alle konnten sie hier in meist lange vergangenen Jugendzeiten schwelgen, in denen die Mehrzahl der Besucher wohl einst zu den Sweet-Hits in Partykellern oder Disco-Clubs getanzt hat.

Der überaus sympathische Andy Scott kokettierte dabei ein wenig mit der Diskrepanz zwischen seinem wahren Alter und den Botschaften, die seine Songs vermitteln. Seine Augen seien jetzt über 70 Jahre alt und ohne ausreichend Licht würde er die richtigen Saiten seiner Gitarre nicht mehr finden, scherzte er.

Erinnerungen an die wilde Jugend

Doch zugleich ging es hier natürlich um den süßen Vogel Jugend, den The Sweet in der Kongresshalle beschwor. Etwa mit dem Song »Teenage Rampage«, der die 16-Jährigen feiert. Sinngemäß heißt es darin: »Sie kommen weiter, machen nichts falsch / Und sie machen weiter, es dauert nicht mehr lang / Bis sie gehört werden, sie haben Argumente die wirklich zählen«. Dieser »Aufstand der Jugend« sorgte wie das gesamte Set schließlich dafür, dass sich in der Kongresshalle alle von ihren Sitzen erhoben, um zu klatschen, zu johlen oder zumindest im Takt mitzuwippen. »Ihr seid 16 im Herz und im Geist«, lobte Sänger Manzi anschließend das Publikum. Aber vielleicht war ja auch jemand aus der Generation Fridays for Future unter den Besuchern, der sich von diesem Auftritt auf ganz direkte Weise angesprochen fühlte.

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