Surfen in Gießen, vorbildlicher Einsatz und eine gute Übung in Sachen Demokratie

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"Perfekte Wellen" und Gießen passen hervorragend zusammen, das hat die von hier stammende Band "Juli" mit ihrer erfolgreichen Debütsingle im Jahr 2004 eindrucksvoll bewiesen (Mein Gott! Ist das wirklich schon so lange her?!). Warum also sollte das nicht auch für eine "Lahnwelle" gelten? Deren Realisierbarkeit am Stadtwerke-Wehr ist nun zumindest in dem ersten Zwischenbericht einer beauftragten Machbarkeitsstudie bestätigt worden.

Sofern ausgeschlossen werden kann, dass davon negative ökologische Einflüsse ausgehen, ist ein solches Projekt ganz sicher zu begrüßen. Gießen wird dadurch zwar nicht gerade zum Surferparadies werden, wäre aber zweifellos um eine echte Attraktion reicher, die sich touristisch positiv auswirken kann. Denn es ist ja durchaus so, dass Städte, die sich "ihren" Flüssen zuwenden, diese einbeziehen statt sich abzuschotten, davon profitieren, weil sie einfach lebenswerter sind. Wie es aussieht, gibt es auch partei- respektive fraktionsübergreifend großen Zuspruch für die Idee, obwohl zu den Kosten noch wenig bekannt ist. Das mag vielleicht daran liegen, dass die geplante "stehende Welle" mit Turbine zur Stromerzeugung als erste Anlage dieser Art Vorbildfunktion haben würde und Gießen ein Alleinstellungsmerkmal bescheren könnte.*Vorbildlich ist auf jeden Fall wieder der Einsatz derjenigen Bürgerinnen und Bürger gewesen, die anlässlich des "World Cleanup Days" unter der Regie der "Sauberkeitspaten" Müll an den in dieser Hinsicht neuralgischen Punkten der Stadt beseitigt haben - wohlgemerkt: Abfälle und Unrat, den andere hinterlassen haben. Da machen sich zum Beispiel Jungs und Mädels, die noch die Schule besuchen, oder engagierte Seniorinnen wie die 79-jährige Magda Kunkel auf, um Zigarettenkippen, Pappkartons, Becher, allerhand Plastik und sogar Hundekot einzusammeln, weil sich viel zu viele Zeitgenossen im wahrsten Sinne einen Dreck darum scheren, ihren Krempel wegzuräumen oder in den vorhandenen Behältnissen ordnungsgemäß zu entsorgen. Dafür braucht es eigentlich nicht einmal ein übermäßig ausgeprägtes Umweltbewusstsein, sondern das ist schlicht eine Frage von Anstand und Benehmen.*Gar nicht genug gewürdigt werden kann zudem das, was die zahlreichen Helferinnen und Helfer aus der Region in den von der Flutkatastrophe betroffenen Gebieten geleistet haben. Auf den ersten Blick scheint diese Unterstützung beinahe selbstverständlich zu sein. Schließlich ist es ja die Aufgabe von THW, DRK oder Johannitern, anderen Menschen in und aus Notlagen zu helfen. Aber ist das wirklich so selbstverständlich? Denn das, was sie unter anderem im Ahrtal erlebt haben, die Zerstörungen, Verwüstungen und Verletzungen an Körper und Seele, dürfte in dieser Dimension die Vorstellung vieler gesprengt haben. Vermutlich empfinden selbst routinierte Einsatzkräfte diese Erfahrungen, die sich nicht so einfach mal aus den Klamotten schütteln lassen, als belastend und traumatisch. Daher ist es eine hohe Wertschätzung, dass die rheinland-pfälzische Ministerpräsidentin Malu Dreyer ihnen dafür persönlich gedankt, ihnen Respekt und Anerkennung gezollt hat. Sie haben es mehr als verdient! *Dass die junge Hochschulstadt Gießen für die CDU bei Wahlen ein schwierigeres Pflaster darstellt, ist kein Geheimnis. Je nach Ergebnis weisen die Christdemokraten selbst regelmäßig darauf hin. Auf verlorenem Posten sieht sich die Partei deshalb natürlich längst nicht. Auch Kanzlerkandidat Armin Laschet muss wohl überzeugt gewesen sein, hier noch Boden gutmachen und punkten zu können, war er doch nun schon zum zweiten Mal binnen sechs Wochen in dieser, wie er betonte, "besonderen Stadt" - trotz erneuter (verhaltener) Proteste von Klimaschützern. Wenn dann aber im Vorfeld akkreditierte Medienvertreter schriftlich ausdrücklich daran erinnert werden, auf Abstände von mindestens 1,50 Meter zu achten, bei der Veranstaltung selbst aber Teilnehmern zufolge teils ein Gedränge wie auf dem Weihnachtsmarkt herrschte, etliche Zuschauerinnen und Zuschauer keine Masken trugen und auch nicht konsequent dazu aufgefordert wurden, erweckt das keinen guten Eindruck. Zumal in Anwesenheit dreier oberster Anti-Corona-Manager: des nordrhein-westfälischen und des hessischen Ministerpräsidenten sowie des Kanzleramtsministers. Wie soll so glaubwürdig vermittelt werden, dass die Mund-Nase-Bedeckung in vielen Alltagssituationen noch immer notwendig oder gar verpflichtend ist?*Eine schöne Sache sind die wiederholt an Schulen durchgeführten Juniorwahlen, diesmal beispielsweise an der August-Hermann-Francke-Schule. Dabei handelt es sich um ein wichtiges Instrument der politischen Bildung. Dem Schulunterricht kommt hier gewiss eine zentrale Rolle zu. Demokratie kann aber vor allem durch ernst gemeinte Partizipation gelernt und eingeübt werden - und damit sollte früher angefangen werden, als das bisher der Fall ist: etwa in der Form, dass das Wahlalter heruntergesetzt wird. Auch junge Menschen haben ein Anrecht, gehört und wahrgenommen zu werden. Immerhin sind sie diejenige Generation, die ausbaden muss, was jetzt versäumt wird. Das haben sie beim "Klimastreik" am Freitag einmal mehr öffentlichkeitswirksam und sehr deutlich angemahnt (siehe Seite 19). Ihnen per se die Reife abzusprechen, die Tragweite von Entscheidungen zu überblicken, ist jedenfalls ein Argument von vorgestern. Denn das träfe auch für so einige Erwachsene zu. Und mal im Ernst: Die Parteiprogramme sähen bestimmt anders aus, dürften bereits 16-Jährige wählen. Morgen heißt es jedoch zunächst für alle ab 18, von diesem bedeutenden Grundrecht Gebrauch zu machen, um zu verhindern, dass die Nichtwähler erneut die größte Gruppe sind.

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