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Sven Simon soll Doktortitel verlieren

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Von: Benjamin Lemper

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»Rechtlich nicht haltbar«: Sven Simon wehrt sich gegen die Entscheidung des Promotionsausschusses und hat Widerspruch gegen den Entzug des Doktortitels eingelegt. Foto: dpa © dpa

Der Promotionsausschuss der JLU in Gießen attestiert eine vorsätzliche Täuschung »in wesentlichem Umfang«. Aus Sicht des CDU-Politikers ist die Entscheidung aber »rechtlich nicht haltbar«.

Gießen. Frank-Walter Steinmeier durfte seinen Doktortitel behalten, Helge Braun ebenso. Von beiden prominenten Alumni der Justus-Liebig-Universität (JLU) waren bereits die Promotionsschriften einer kritischen Überprüfung unterzogen worden. Eine »Täuschungsabsicht« ergab sich daraus nicht - trotz formaler Fehler und festgestellter handwerklicher Schwächen. Bei dem heimischen Abgeordneten des Europaparlaments, Sven Simon, kommt der Promotionsausschuss des JLU-Fachbereichs Rechtswissenschaft nun allerdings zu einem anderen - eindeutigen - Ergebnis.

Das Gremium ist nämlich »zu der Überzeugung gelangt, dass Simon in seiner Dissertation in wesentlichem Umfang vorsätzlich getäuscht hat, indem er Übernahmen fremder Texte nicht hinreichend durch Quellenangaben offengelegt hat«, teilt die Hochschule mit. Daher sei »in Anbetracht der Schwere der Verstöße [...] nach Abwägung aller widerstreitenden Interessen der Titel zu entziehen«. Die Entscheidung ist noch nicht »bestandskräftig«, denn Simon hält sie für »unzutreffend« und hat Widerspruch eingelegt. Dabei verweist er auf mehrere Professoren, auch innerhalb der JLU, die ihn verteidigen und seine Position stützen. »Plagiatsjäger« Martin Heidingsfelder (»VroniPlag«), der die Defizite selbst entdeckt und angezeigt hatte, glaubt derweil, der CDU-Politiker »sollte sich keine Hoffnungen machen«.

»Krasser Plagiatsfall«

Sven Simon sitzt seit 2019 für die Christdemokraten im Europäischen Parlament, zudem ist er seit 2016 Inhaber der Professur für Völkerrecht und Europarecht mit öffentlichem Recht an der Philipps-Universität Marburg. 2009 war er an der JLU promoviert worden. Seine Arbeit trägt den Titel »Liberalisierung von Dienstleistungen der Daseinsvorsorge im WTO- und EU-Recht«. Und auf dieses Werk war auch Heidingsfelder auf der Suche nach Plagiaten in einer älteren Dissertation »eher zufällig« gestoßen, wie er auf Anfrage des Anzeigers erklärt. Die JLU wies er erstmals im April 2021 zunächst anhand eines einzigen Beispiels darauf hin, dass ihr ehemaliger Absolvent »völlig dreist abgeschrieben« habe. Da er von der JLU »keinerlei Wasserstandsmeldung« erhalten habe und er befürchtete, solche Verfahren sollten »offensichtlich [...] in Hinterzimmern ohne Öffentlichkeit behandelt werden«, adressierte er im Juli diesen Jahres noch einen offenen Brief, der auch auf seiner Internetseite politplag.de veröffentlicht worden ist. Darin bezeichnete er das Plagiat gar als »unverschämt und monströs«. Den Schaden für Wissenschaft und Lehre hätten wiederum die Gesellschaft und die Studierenden zu tragen. Heidingsfelder betrachtet es als »Lebensaufgabe«, Plagiate klar zu benennen und »Plagiateure zum Schutz der Wissenschaft und auch zur Abschreckung« öffentlich anzuprangern. Der jetzige Beschluss sei bei einem »solch krassen Fall« der »einzig richtige«.

Laut JLU hat der Promotionsausschuss die Empfehlungen der Kommission zur Sicherung guter wissenschaftlicher Praxis aufgegriffen, die im Dezember 2021 ihren Abschlussbericht vorlegte. Als »vorwiegend fachfremd besetztes Gremium« sah die Kommission seinerzeit aber davon ab, »eine eigene Ermessensentscheidung zum Titelentzug zu treffen«, heißt es weiter. Sven Simon hatte die JLU zwischenzeitlich selbst gebeten, den Vorwürfen nachzugehen.

Die am Montag bekannt gegebene Entscheidung erachtet der Europaparlamentarier »für rechtlich nicht haltbar«, insbesondere wenn man sie »an den bisher in solchen Fällen angelegten Maßstäben misst«. Der Bescheid des Ausschusses beruhe auf einer »fehlerhaften Rechtsanwendung«, vor allem mangele es »an jeglicher Standardsetzung«, weshalb er den vorläufigen Verfahrensstand nicht hinnehmen und eine »sachlich fundierte Überprüfung« beantragen werde. Als Gewährsleute führt Simon etwa Christoph Benicke, Professor für Bürgerliches Recht, Internationales Privatrecht und Rechtsvergleichung an der JLU, sowie seinen Doktorvater, den Gießener Völkerrechtler Prof. Thilo Marauhn, an. Benicke schreibt in seiner Stellungnahme: »In früheren Verfahren an der Justus-Liebig-Universität, die auch den Fachbereich Rechtswissenschaft betrafen, wurden Standards entwickelt, die ich für maßstabsbildend halte. Legt man diese Maßstäbe an, zeigt sich, dass der Herrn Simon gemachte Vorwurf nicht haltbar ist.« Marauhn urteilt, die Doktorarbeit sei »eine der besten Dissertationen, die ich bisher betreut habe«. An deren »eigenständig erarbeitetem Erkenntnisgewinn« bestehe kein Zweifel. Und für die mit dem Vorwurf »verbundene Rufschädigung« habe er kein Verständnis.

Verfahren läuft noch

Gleich drei Marburger Jura-Professoren (Prof. Steffen Detterbeck, Prof. Hans-Detlef Horn und Prof. Sebastian Müller-Franken) erachteten das Votum als »gänzlich unangemessen«, was sie gegenüber JLU-Präsident Joybrato Mukherjee ebenfalls zum Ausdruck gebracht hätten. So habe der Promotionsausschuss »eine hinreichend differenzierte und verhältnismäßige Beurteilung« vermissen lassen. Kritisiert werden »übersteigerte Maßstäbe«, »unangemessene Wertungen« und »allzu rasche Schlussfolgerungen«. Die »Schwere der Sanktion« - also der Entzug des Doktorgrades - stehe »außer Verhältnis zur Schwere des wissenschaftlichen Fehlverhaltens«. Weiterhin erinnern die Juristen daran, dass es sich um eine »thematisch und inhaltlich äußerst anspruchsvolle Arbeit handelt«, die an der JLU verschiedene Auszeichnungen erhalten habe.

Da das Verfahren noch läuft, mochte die JLU ihrerseits keine Bewertung zu diesen Einschätzungen abgeben. An der Philipps-Universität hält man sich wegen des eingereichten Widerspruchs ebenfalls noch bedeckt, inwieweit Simons Professorentätigkeit in Marburg tangiert sein könnte. »Sobald eine bestandskräftige Entscheidung vorliegt«, so Pressesprecherin Dr. Gabriele Neumann, solle geprüft werden, »ob weitere Schritte notwendig sind«.

Gemäß Promotionsordnung des Fachbereichs Rechtswissenschaft der JLU besteht der Promotionsausschuss aus dem Dekan, drei weiteren Professoren, einem promovierten wissenschaftlichen Mitarbeiter, einem Doktoranden aus der Gruppe der wissenschaftlichen Mitarbeiter sowie einem weiteren Doktoranden, der am Fachbereich eingeschrieben ist. Bei der Bildung des Ausschusses seien die verschiedenen Fachgebiete des Fachbereichs angemessen zu berücksichtigen. Die Entscheidung muss nicht einstimmig fallen. (bl)

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