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Taxi in Verkaufswagen getauscht

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Ozan und Nurcan Aktas sowie eine Helferin am Verkaufsstand, der am Samstag dicht umlagert war. © Schäfer

Honig aus dem Taunus, Oliven aus der Türkei: Nurcan Aktas aus der Gießener Nordstadt hat Pandemie-bedingt das Taxifahren aufgegeben und ist seitdem mit einem mobilem Markt unterwegs.

Gießen. Lutz Perkitny freut sich über eine besondere »kleine Nordstadt-Erfolgsgeschichte«: Der Stadtteilmanager meint damit ein Start-up aus der Marienbader Straße. Doch auch bei einer erfolgreichen Geschäftsidee ist es oft so, dass der Prophet im eigenen Land nichts gilt.

Diese leidvolle Erfahrung musste auch Nurcan Aktas machen, als sie sich Corona-bedingt mit ihrem Mann Ozan selbstständig machte. Beide hatten jahrelang für einen Betreiber Taxi gefahren. Dann brach vor zwei Jahren Corona in ihr Berufsleben ein und beeinträchtigte es immens. Durch die Lockdowns brach das Geschäft mit der Personenbeförderung ein. »Ich war die einzige Frau, die nachts gefahren ist.« Hauptsächlich in der Ludwigstraße habe sie viel Kneipenkundschaft zu vorgerückter Stunde heimgefahren. Pandemie-bedingt lief dann so gut wie nichts mehr. »Wir haben uns gedanklich umgeschaut, was man ansonsten tun könnte, wo es eine Marktlücke gibt«, erzählt Nurcan Aktas dem Anzeiger.

In Gießen in der Nordstadt aufgewachsen, bezeichnet sich die kommunikative, energiegeladene Frau als »echte Schlammbeiserin.«

Ihnen sei aufgefallen, dass es in der Stadt viele ältere Menschen gebe, die aus Angst vor Corona ihre Wohnung nicht mehr verlassen wollten. »Wir haben dann sehr klein angefangen, und begonnen, diese Leute zu beliefern. In der Corona-Zeit waren wir nicht selten von sieben in der Früh bis nachts um elf Uhr auf den Beinen, um Waren auszuliefern.« Wegen Kontaktvermeidung wäre auch mal das Geld unter einem Stein deponiert gewesen.

Als der gebuchte Sommerurlaub vor zwei Jahren wegen der Pandemie ausgefallen ist, haben sie das dafür gesparte Geld in einen kleinen Wagen mit Kühlung, Lager und stationäre Kühlung investiert. Gestartet als Lieferdienst, hätten sie diesen nun als Verkaufswagen für anfänglich einige wenige Produkte genutzt - Eier, Honig, Käse, Butter, Oliven und Olivenöl. Das ließ sich so gut an, dass es mittlerweile mehr als 90 angebotene Artikel sind.

Das Einzelunternehmen nennt sich Aktas Organik. »Organik bedeutet im Türkischen biologisch. Zu 87 Prozent sind unsere Waren bio; außer den Süßspeisen.« Sehr viel Zeit sei darauf verwendet worden, Lieferanten ausfindig zu machen, die gute biologische Lebensmittel anbieten. So käme der Honig - Kastanie und Waldblüte »in einer einzigartigen Mischung« - von einem Bio-Imker aus dem Taunus. Letztes Jahr seien sie zwölf Wochen in der Türkei gewesen, um Produzenten von diversen Marmeladen, Oliven, Olivenöl, Gewürzen und Tomatenmark auszusuchen. Butter und Käse ohne Konservierungsstoffe würden sie aus Holland beziehen. Jeden Mittwoch holen sie dort frische Ware. Ihre Knoblauchwurst stelle ein türkischer Metzger in Werdorf (Lahn-Dill-Kreis) her; Pökelfleisch aus Rind nach ihrer eigenen Rezeptur. Lediglich Eier verschwanden aus dem Sortiment. Auf Kundenwunsch sind griechisches Olivenöl und Kalamata-Oliven hinzugekommen.

Im Juli 2020 legten sie mit ihrem Verkaufswagen los. »Wir sind auf nunmehr fast 20 Märkten freitags bis sonntags unterwegs. 350 Kilometer ist unser Radius.« Ahlen und Oberhausen in NRW, Fulda, Darmstadt, Aschaffenburg und Heidelberg zählen zu den Städten, wo sie regelmäßig ihre Waren anbieten. Sogar in Rheinland-Pfalz verkaufen sie. Ein großer Kühlwagen musste zwischenzeitlich angeschafft werden, um das vielfältige Sortiment in ausreichender Menge transportieren zu können.

Werbemäßig sei ihnen zugutegekommen, dass die türkische Tageszeitung Sabah und türkische TV-Sender über ihren mobilen Verkaufsstand berichtet hätten. Dass erst nach mehr als anderthalb Jahren ihr Verkaufsstand zum ersten Mal in Gießen Halt machte, sei einem eigenartigen Verhalten geschuldet, so die Unternehmerin. »Wir sind vom eigenen Umfeld enttäuscht«, berichtet sie mit etwas traurig klingender Stimme. Das hört sich nach fehlender Wertschätzung durch die Nachbarschaft an.

Doch am vergangenen Samstag war an der Ecke Asterweg/Ecke Sudetenlandstraße vor dem Reisebüro Rising Sun von Gülseren Yilmaz die Nachfrage am Wagen von Aktas Organik alles andere als gering: Zwei Stunden lang waren die Auslagen von Kaufwilligen regelrecht umlagert, nicht nur von Landsleuten. Eine Helferin musste beim Verkaufen sogar noch einspringen.

Und das Fazit der Premiere in Gießen? »Wir werden im März hier wieder stehen«, freut sich Nurcan Aktas über so viel Andrang beim ersten Mal in ihrer Heimatstadt.

Perkitny findet, dass ihr diese neue Herausforderung wie auf den Leib geschnitten sei. »Die kann so etwas sehr gut. Vielleicht hat es erst den An-stups durch Corona bedurft, dass sie etwas Neues begonnen hat, in das sie viel Herzblut stecken kann.« Nur die stark angezogenen Transportkosten bereiten ihr derzeit Sorgen. »Für fünf Kilo Oliven müssen wir einen Euro mehr bezahlen, doch möchten wir diesen Aufschlag nicht an unsere Kunden weitergeben.«

Ansonsten ist Nurcan Aktas sehr zufrieden und zuversichtlich bezüglich ihres Geschäftsverlaufes. Und wenn es irgendwann mal nicht mehr läuft, sich nicht mehr rechnet? »Dann fahren mein Mann und ich halt wieder Taxi.«

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