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Teilhabe wichtiger als das Radeln

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Ganz schön wackelig: Gar nicht so leicht, als Erwachsener den sicheren Umgang mit einem Fahrrad zu lernen. Foto: Spannagel © Spannagel

Sechs zugewanderte Frauen haben an einem vom städtischen Sportamt und Büro für Integration in Kooperation mit dem Verein »Das ALLrad« veranstalteten Kurs teilgenommen.

Gießen . Eine kleine Unsicherheit, kurz der Bodenkontakt mit den Füßen und dann geht es auch schon los: So langsam gewöhnen sich die Frauen an den fahrbaren Untersatz, dessen Meisterung ihnen in Zukunft einige neue Freiheiten bieten wird. Sechs zugewanderte Frauen haben an einem vom städtischen Sportamt und Büro für Integration in Kooperation mit dem Verein »Das ALLrad« veranstalteten Kurs auf dem Gelände der Jugendwerkstatt teilgenommen. Sie lernen dort auf erwachsenengerechte Art das Fahrradfahren. Ein Einblick in das Übungskonzept, die Gedanken hinter dem Integrationsprojekt sowie das Ganze aus Teilnehmerinnen-Perspektive.

Zunächst mit Rollern geübt

Die sechs Teilnehmerinnen, von denen einige schon recht sicher kleinere Strecken zurücklegen, haben bereits einen Lernprozess mit mehreren Schritten hinter sich. Als Erstes haben sie mit Rollern geübt, überhaupt ein gewisses Vertrauen in ein Gefährt zu entwickeln, womit und nicht wogegen sie umgehen lernen.

Oliver Moschner-Schweder, der als professioneller Übungsleiter engagiert worden ist, erklärt, dass dies im Gegensatz zum Lernprozess bei Kindern ein notwendiger Schritt sei. »Erwachsene versuchen, mit dem Kopf zu lernen«, erklärt Moschner-Schweder. Davon gelte es, wegzukommen, wofür auch »Anfassen, Schieben und Spüren« hilfreich seien. Am Schwierigsten seien zudem »Anfahren und Anhalten«, einfacher hingegen, »wenn es einmal rollt«.

Ein Konzept, was bei einer Teilnehmerin, die anonym bleiben möchte, Gefallen findet. »Man hat nicht das Gefühl, das man ins kalte Wasser geworfen wird«, erklärt sie. Außerdem sei das Üben mit dem Roller gut für das Gleichgewicht gewesen. Moschner-Schweder betont des Weiteren, dass es bei dem Kurs nicht nur darum gehe, dass die Frauen Fahrradfahren lernen, sondern auch darum, dass sie »sozial und kulturell teilhaben« können.

Nach zwei Wochen Praxis sollen sie dafür fit sein, anschließend soll ein Verkehrskompetenztraining auf eine sichere Teilhabe am Straßenverkehr vorbereiten. Die Übungen werden bis dahin auf dem Gelände der Jugendwerkstatt in der Weststadt durchgeführt - ein vergleichsweise ruhiger Ort zum Erlernen des Fahrradfahrens. Was auch daran liegt, dass Mitarbeiter zu Rücksichtnahme angehalten worden sind, worauf Leiterin Anette Schmidt hinweist. Einen Pausenraum wurde ebenfalls zur Verfügung gestellt.

Warum wird der Kurs für zugewanderte Frauen angeboten? Julia Huttenhausen vom Büro für Integration erklärt dies mit den Regeln in vielen Herkunftsländern. »Es gibt ein Verbot für Frauen, Rad zu fahren oder sie dürfen nicht alleine unterwegs sein«, so Huttenhausen. Des Weiteren wurden in der Vergangenheit gute Erfahrungen mit Kursen wie etwa zum Schwimmenlernen gemacht, die exklusiv für Frauen angeboten wurden. »Frauen sind mobilitätsbenachteiligt«, erklärt sie weiter. Es liegt zudem eine gewisse Hoffnung in der Zukunft. »Frauen sollen gestärkt und unabhängig werden. Im Hinblick auf Familie«, so Eibelshäuser. Die Kommune beteilige sich aus dem Grund, dass auch deren Kinder somit Radfahren lernen.

Die Motivation ist jedenfalls hoch, berichtet die genannte Teilnehmerin. Ihre sechsjährige Tochter wollte Radfahren erlernen und sie konnte es ihr nicht beibringen. Mittlerweile sei das Kind schon auf zwei Rädern unterwegs, nun könne sie »aufholen«. Auch angesichts der derzeitigen Dieselpreise ist sie mit dem Kurs, auf den sie über Gruppen der arabischen Gemeinde in den sozialen Medien aufmerksam geworden sei, »mehr als zufrieden«. Die Nachfrage ist hoch, sodass er nun bereits schon mehrfach durchgeführt wurde. Die Zahl der Teilnehmerinnen ist nichtsdestotrotz absichtlich gering, um eine adäquate Betreuung zu gewährleisten.

Wenn es nach Wolfgang Witt vom Verein »Das ALLrad« geht, dann ist damit auch noch nicht Schluss. Für die von ihm vorgestellte Idee, dass es auch nach der Teilnahme am städtischen Kursprogramm einen offenen Kurs anzubieten fehle es derzeit nur noch an einer qualifizierten Person mit Übungsleiterschein. Dadurch könnten Unsicherheiten beseitigt sowie bestehende Sicherheit verfestigt werden, erklärt er. Dabei handelt es sich jedoch bisweilen nur um eine Idee, die nicht in Planung ist. Etwas dazulernen könnten auch andere Teilnehmende am Gießener Stadtverkehr. »Es gibt viele Leute, die Fahrradfahren können und im Verkehr zögerlich sind«, so Moschner-Schweder.

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