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Terminkalender »so voll wie vorher«

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Auch im Ruhestand ein »durch und durch politischer Mensch«: Dietlind Grabe-Bolz beim Neujahrsempfang des Elisabeth-Selbert-Vereins im Frauenkulturzentrum. Foto: Czernek © Czernek

Gießens ehemalige Oberbürgermeisterin Dietlind Grabe-Bolz berichtet beim Neujahrsempfang des Elisabeth-Selbert-Vereins über ihr »Leben nach der Politik«.

Gießen. Dietlind Grabe-Bolz macht einen gelösten, aufgeräumten Eindruck. Seit einem Jahr und einem Monat ist sie nicht mehr Oberbürgermeisterin von Gießen. Beim Neujahrsempfang des Elisabeth-Selbert-Vereins erzählte die 65-Jährige nun von ihrem »Leben nach der Politik«, gewährte aber auch noch einige Einblicke in ihre Aufgaben als Rathauschefin. Klar ist für Grabe-Bolz auf jeden Fall, dass sie nach zwölf Jahren den richtigen Zeitpunkt gewählt habe, nicht erneut zu kandidieren, sondern aufzuhören.

»Der Arbeitsalltag begann Montagmorgen um 9 Uhr mit der Besprechung mit dem Büroteam. Dem folgten Rücksprachen mit verschiedenen Amtsleitungen, Dezernatsrunden, Magistratsbesprechungen und -sitzungen sowie schließlich noch eine Fraktionsrunde«, berichtete die Sozialdemokratin im Frauenkulturzentrum. Der Bürotag endete für gewöhnlich zwischen 21 und 22 Uhr. Danach wartete allerdings noch eine gut gefüllte Unterschriftenmappe. Dabei habe es sich um das tägliche Pensum gehandelt, wenn auch mit wechselnden Akteuren. Hinzu kamen viele öffentliche Termine wie Jubiläen und Begegnungen, die der Sozialdemokratin jedoch sehr viel Freude bereiteten.

Oftmals habe sie auch am Wochenende jede Menge zu tun gehabt, denn sämtliche Grußworte wurden von ihr persönlich bearbeitet. »Bei großen Veranstaltungen habe ich vorab eine Vorlage erhalten, doch auch die galt es zu überarbeiten«. Und so brannte eben regelmäßig noch spät abends das Licht in ihrem Büro. »Eigentlich reichten die Wochentage kaum für alles aus und zum Essen blieb schon gar keine Zeit.« Doch Dietlind Grabe-Bolz beschreibt sich als gute Selbstversorgerin, eine gut gefüllte Tupperdose hatte sie immer dabei, wovon auch andere Dezernentinnen profitiert hätten.

Positiv-Negativ-Liste

Die wöchentliche Arbeitsbelastung habe bei circa 60 bis 70 Stunden gelegen. »Das kann man nur machen, wenn der Speicher randvoll ist und man noch Reserven hat.« Daher überrascht es nicht, dass Grabe-Bolz sehr viel Verständnis für die neuseeländische Premierministerin Jacinda Ardern aufbringen kann, die aus genau diesen Gründen ihren Rücktritt erklärt hat. Dennoch sei ihr der Entschluss, nicht mehr anzutreten, nicht leichtgefallen. »Ich habe mir eine Positiv-Negativ-Liste erstellt und die Argumente für und wider gegeneinander abgewogen. Als die Entscheidung gefallen war, kam die große Erleichterung und gleichzeitig ein wenig Wehmut.« Bereut habe sie den Schritt bis heute nicht. Vor allem sei sie dankbar für die vielen interessanten und spannenden Begegnungen und dafür, dass sie zwei Amtszeiten lang die Stadt an exponierter Stelle gestalten durfte.

Eine Gelegenheit, über das »Nachher« nachzudenken, habe sich vor ihrem Abschied nicht geboten. Deshalb habe sie anfangs auch ein »komisches Gefühl« beschlichen, wenn sie am Rathaus vorbeiradelte, nach oben in »ihr« Büro schaute und dort noch Licht brennen sah. Schmunzelnd schilderte sie, dass sie sich neulich am Empfang zuerst vorstellen musste, weil dort eine neue Dame saß, die Dietlind Grabe-Bolz höflich fragte, ob sie wisse, wohin sie wolle.

In ein »schwarzes Loch« sei sie nach ihrer hauptberuflichen politischen Karriere zumindest nicht gefallen. Ihr Terminkalender ist nach wie vor gut gefüllt - allerdings mit Einträgen, die sie selbst mitbestimmt. Neulich habe ihr Mann scherzend gemeint: »Dein Terminkalender ist ja genauso voll wie vorher.« Das stimme aber nicht so ganz. Sie sei zwar sehr viel unterwegs, der wesentliche Unterschied bestehe jedoch darin, dass sie ihre eigenen Prioritäten setze.

Da ist zunächst ihre Arbeit für den Landkreis Gießen: Aktuell engagiert sie sich für das Projekt »Kulturförderung im Landkreis nach Corona«. Damit schließt sich auch ein Kreis, denn bis zu ihrer Beurlaubung 2009 war sie bei der Kreisvolkshochschule beschäftigt. Weiterhin kann sie sich inzwischen wieder verstärkt der Musik widmen, die gemeinsamen Auftritte mit Fredrik Vahle hat sie intensiviert und gehört zudem mit ihrer Querflöte als Ensemblemitglied dem Multikulturellen Orchester an. »Das macht einen ungeheuren Spaß, da mir die Musikrichtung schon immer gefallen hat. Aber das bedeutet auch: üben, üben, üben!«

Wunsch erfüllt

Darüber hinaus erfüllt sich Dietlind Grabe-Bolz gerade einen langgehegten Wunsch: Sie lernt nämlich, Akkordeon zu spielen. Der Chor »Avanti Dilettanti« und das THM-Orchester ergänzen ihre musikalischen Aktivitäten. Nicht zuletzt habe sie mehr Zeit für kulturelle Aktivitäten in Gießen und Frankfurt. So ist sie seit 2021 auch im Vorstand des Literarischen Zentrums Gießen und hat kürzlich den Vorsitz des Hessischen Literaturrats übernommen. Innerhalb ihres SPD-Ortsvereins Gießen-Süd ist sie nach wie vor aktives Mitglied, wenngleich sie kein Amt bekleidet.

Nicht zu vergessen seien die vielen Oma-Verpflichtungen, die sie als Großmutter von drei »quicklebendigen Enkeln« hat. »Da kommt häufig ein Anruf: Könntest Du mal schnell aushelfen?« Klar kann sie.

Abschließend versichert Dietlind Grabe-Bolz: »Ich habe hier gern über mein Leben nach der Aufgabe des politischen Hauptamtes berichtet, aber ein Leben nach der Politik wird es bei mir nicht geben, denn ich bin und bleibe durch und durch ein politischer Mensch.«

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