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Theaterbesucher zu Tränen gerührt

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Als Solistin im Violinkonzert D-Dur op. 61 brillierte Maria-Elisabeth Lott. © Tom Kohler

Der Krieg spiegelt sich auch auf der Gießener Bühne wider. Die Violinistin Maria-Elisabeth Lott sorgt beim Sinfoniekonzert für einen großen Beethoven-Genuss.

Gießen. Als wär’s zum Weltfrauentag nicht anders geplant gewesen: Eine Frau kam, spielte und eroberte die Herzen der Zuhörer im Sturm. Mit einer schier atemberaubenden Vorstellung bescherte Maria-Elisabeth Lott dem Gießener Publikum im Sinfoniekonzert am Dienstagabend einen großen Beethoven-Genuss. Als Solistin im Violinkonzert D-Dur op. 61 brillierte sie nicht nur mit glanzvollem, makellos fließendem Spiel, sondern zeigte mit selbstbewusstem Zugriff und sinnfälliger Durchdringung der Musik, wie viel Schwung und unverbrauchte Frische in diesem Gipfelwerk stecken, das nach wie vor zu den beliebtesten Stücken in den Konzertsälen gehört. Riesenapplaus!

Maria-Elisabeth Lott ist nicht irgendwer. Geboren 1987, gilt sie international als eine der besten deutschen Geigerinnen ihrer Generation und begeistert auf der Bühne mit Natürlichkeit, Spielfreude und intensiver Musikalität. Kein Geringerer als Yehudi Menuhin lobte einst das gelöst-virtuose Geigenspiel des Mädchens, das als Elfjährige auf Mozarts Kindergeige musizierte. Seither konzertierte sie mit vielen namhaften Orchestern und Dirigenten in aller Welt und errang etliche Preise. Durch die Bekanntschaft mit Generalmusikdirektor Florian Ludwig, der genau wie sie an der Musikhochschule in Detmold lehrt, war sie nun also auf der Gießener Bühne zu erleben.

Pochende Pauken

Von den ersten pochenden Paukenschlägen an war die große kollegiale Vertrautheit zwischen Maria-Elisabeth Lott und Florian Ludwig spürbar, die sich, so hatte es den Anschein, blindlings aufeinander verlassen können. Und dieses selbstverständliche Miteinander von Solistin, Dirigent und Orchester prägte im Ganzen eine spannungsreiche, dynamisch ausgefeilte Wiedergabe, bei der ein Rädchen aufs Schönste ins andere griff und alles wie aus einem Guss zum Vorschein trat. Das vom Dirigenten mit Elan geführte Philharmonische Orchester wuchs dabei über die Rolle des bloßen Begleiters hinaus, galt es doch, nicht nur dem Sinfoniker Beethoven, sondern auch dem ständig fordernden Musikdramatiker gerecht zu werden. Im Verbund mit dem hellwachen Orchester präsentierte Maria-Elisabeth Lott einen Beethoven ohne hohles Pathos, ohne Zerdehnen, jedoch mit lebendiger, impulsiver Einvernahme. Die schnellen Tempi setzte sie hochvirtuos um, und in den Kadenzen funkelten die Spitzentöne, dass einem beim Zuhören der Atem stockte.

Im zweiten Satz mit seiner erdentrückten Stimmung war ein inniger, klarer Geigenton zu vernehmen, der im Pianissimo wie hingehaucht daherkam. Alles das technisch brillant und mit innerer Bewegung. Kraftvoll und furios schloss die sympathische Solistin ihre Darbietung ab und bedankte sich für den langanhaltenden Beifall als Zugabe mit einem Satz aus Bachs 1. Violinsonate - in glasklarer Interpretation versteht sich.

Nach diesem Beethoven musste das nachfolgende Stück, Max Regers »Romantische Suite« op. 125, abfallen. Reger, ein immens produktiver Komponist zwischen den Zeiten, zwischen allen Stilen, wandelt hier mit leichtem Augenzwinkern auf romantischen Pfaden. Da durfte das Philharmonische Orchester üppig schwelgen, es mal nach Debussy klingen, mal nach Wagner rauschen lassen, mal mit flirrenden Flöten eine Mondnacht aufziehen lassen. Der Charakter des Gewollten und Beliebigen ließ sich jedoch nicht abstreifen.

»Ukraina«

Begonnen hatte der Abend mit »Sept Variations«, in denen sich der an der Akademie für Tonkunst in Darmstadt lehrende Komponist Alois Bröder (Jahrgang 1961) von Schumann, Janácek, Debussy, Schubert und Mahler hat inspirieren lassen. In den Händen von Florian Ludwig und dem Orchester entfalteten die facettenreichen Variationen ihren Charme und strahlten französisches Flair aus. Dann leuchtete die Bühne in Blau und Gelb, den Farben der Ukraine. »Der Krieg kennt nur Verlierer«, sagte der Generalmusikdirektor und leitete damit einen hochemotionalen Programmpunkt ein, der im Theatersaal so manchen Besucher zu Tränen rührte.

Mit der Komposition »Ukraina« setzte das Gießener Orchester, in dem Musiker aus 20 Nationen versammelt sind, ein Zeichen gegen den Krieg. Der gebürtige Ukrainer Eduard Resatsch, Cellist bei den Bamberger Symphonikern, dessen Familie in der Ukraine lebt, hat unmittelbar nach Kriegsausbruch das viereinhalbminütige Werk geschaffen, in dem sich das Kriegsgeschehen widerspiegelt. So waren rasselnde Panzer, pfeifende Schüsse, Bomben und Kriegsgetöse mit Fetzen der russischen Hymne zu hören. Doch allmählich brach sich die ukrainische Hymne, zunächst nur von der Harfe und der Solovioline getragen, als Hoffnungsschimmer für Freiheit und Frieden Bahn: svobody i myru.

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