1. Startseite
  2. Stadt Gießen

Thomas Breuer wurde auch nach Kriegsende angefeindet

Erstellt:

giloka_2701_jcs_Zeitzeug_4c
Thomas Breuer war als Kind bereits auf dem Weg nach Auschwitz. Nur dank einer Verwechslung beim Ankoppeln der Waggons überlebte er zusammen mit 150 Leidensgenossen und überstand das Durchgangslager nahe Wien. Screenshot: Zielinski © Petra A. Zielinski

Thomas Breuer, Träger der Hedwig-Burgheim-Medaille 2016, stand im Rahmen eines Schüler-Austausches der Ricarda-Huch-Schule in Gießen mit der Eldad Highschool in Netanya Rede und Antwort.

Gießen . »Ich bin so zu sagen in diesen Holocaust hineingeboren worden«, sagt Thomas Breuer. Der Träger der Hedwig-Burgheim-Medaille 2016 stand im Rahmen eines Schüler-Austausches der Ricarda-Huch-Schule in Gießen mit der Eldad Highschool in Netanya Rede und Antwort. Das rund 15-minütige Interview wurde von Sebastian Popovic, Koordinator der Schulpartnerschaft zwischen der Richarda-Huch-Schule Gießen und der Eldad Highschool in Netanya, initiiert und geführt.

Darin berichtete der Holocaust-Überlebende und Pädagoge sehr anschaulich aus seinem bewegten Leben, über das Zustandekommen des Austausches und der Schulpartnerschaft sowie seinen Planungen für einen gemeinsamen Besuch der Gedenkstätten Auschwitz durch Schüler aus Netanya und Gießen.

Vater starb 1942 in Zwangsarbeiterlager

Am 22. März 1942 in einem Krankenhaus in der ungarischen Stadt Debrecen geboren, das unter Herrschaft der Gestapo stand, wurde er bereits im Alter von einem halben Jahr Halbwaise. Sein Vater fand in einem Zwangsarbeiterlager den Tod, wie er erst später erfahren hat. Als die Hitler-Armee von 1942 bis 1944 in Ungarn einmarschierte, musste er mit seiner Mutter das Haus verlassen und auf einen Hof ziehen. 1944 pferchte man ihn mit seiner Mutter und seinen Großeltern in einen Güterwaggon, den das »Sonderkommando Eichmann« nach Auschwitz schickte.

Einem Zahlendreher ist es zu verdanken, dass der Waggon an den falschen Zug gekoppelt wurde und nach Wien fuhr. Zusammen mit 150 Leidensgenossen hat er die Fahrt überlebt und überstand ein Jahr im Durchgangslager Strasshof bei Wien.

»Fürchterlicher Antisemitismus«

Nach Befreiung am Kriegsende kehrte er zunächst mit seiner Familie zurück nach Ungarn und musste dort einen »fürchterlichen Antisemitismus« erleben. Während Breuers gesamter Grundschulzeit wurde er geschlagen, beschimpft und bespuckt. Nachdem der ungarische Volksaufstand 1956 von der sowjetischen Armee niedergekämpft worden war, fand sich Breuers Name - er war inzwischen 13 Jahre alt - auf der Todesliste der kommunistischen Machthaber. Er wurde festgenommen, überlebte aber. 1957 wanderte Thomas Breuer nach Israel aus. Nach seinem Militärdienst wurde er gebeten in den Schuldienst einzutreten, ohne jemals eine entsprechende Ausbildung gemacht zu haben. »Ich mochte Kinder, deshalb hat mir die Arbeit immer viel Spaß bereitet.« Hauptsächlich hat er mit armen Kindern gearbeitet. Obwohl bereits seit 20 Jahren im Ruhestand, arbeitet Breuer noch immer mit behinderten Kindern. 1990 diente er im Golfkrieg als Reservist in der Armee.

Während dieser Zeit erfuhr der damalige stellvertretende Schulleiter der Secondary School in Netanya, dass erstmals eine israelische Delegation nach Polen reist. Für ihn stand fest: Da müssen wir mitfahren. Er durfte die Reise organisieren und da keiner seiner Kollegen damals die Schüler begleiten wollte, machte er es. Er sorgte auch dafür, dass Kinder, die nicht das Geld dafür hatten, mitkommen konnten.

»Es fiel mir sehr schwer, die Schüler haben mich gut unterstützt«, erinnert er sich. Bis zur Reise nach Polen sei er »ein verschlossener Mensch hinsichtlich des Holocausts« gewesen. Nie sei Zuhause darüber gesprochen worden. In Polen erhielt er die Gelegenheit, seine Geschichte vor einer Schule zu erzählen.

Zunächst hatte er Angst, vor 100 Schülern zu sprechen und fürchtete, dass jemand antisemitische Äußerungen mache. »Aber ich habe gespürt, dass sie begreifen und objektive, relevante Fragen stellen.« So ist die Idee zu dem Projekt entstanden und ein Traum für ihn in Erfüllung gegangen.

Nun hilft er in Israel, junge Menschen aus Israel und Deutschland zusammenzubringen und somit für eine gute Verständigung zwischen den Völkern zu sorgen. 2002 kam er durch die Partnerschaft seiner Heimatstadt Netanya mit Gießen erstmals wieder nach Deutschland.

Breuers Ziel ist es, junge Botschafter auszubilden, die sowohl in Israel als auch in Deutschland aktiv sind. »Ich bin zwar nur ein Tropfen im Meer, aber gebt mir die Chance, für diesen Zweck mit den Kindern zu sprechen«, sagt er mit Tränen in den Augen. Gerne würde der Pädagoge sein Herzensprojekt auch auf andere Schulen übertragen. »Es gibt mir Kraft zu leben und das morgen zu erleben.«

Mit der Ricarda-Huch-chule habe er eine vorbildliche Schule gefunden. Wahre Freundschaften hätten sich im Laufe der Jahre entwickelt. »Die Frucht, die aus einem kleinen Kern entstanden ist, ist groß geworden«, sagt Thomas Breuer, der seit Beginn der Partnerschaft einmal pro Jahr in Gießen zu Gast ist.

Auch interessant