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Tippkickern statt WM schauen

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Von: Julian Spannagel

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Quasi klimaneutral rollte der Ball beim Tischkicker-Turnier, zudem »Students« und »Fridays for Future« aufgerufen hatten. Foto: Spannagel © Spannagel

16 Teams demonstrieren bei einem Tippkicker-Turnier im »Prototyp« in Gießen auf spaßige Weise bei ernstem Thema rund um Qatar. Aufgerufen hatten »Students« und »Friday for future«.

Gießen. Während in Qatar gerade zum ersten Mal der Ball rollte, drehten sich im Prototyp die Stangen der Tischkicker. »Students« und »Fridays for Future« haben im Rahmen einer Aktionsreihe zu einer Gegenveranstaltung eingeladen. Es gab Kritik zu den Menschenrechtsverletzungen im Gastgeberland sowie der Umweltbilanz des Turniers. »Wir sind nicht zufrieden mit der Menschenrechtssituation«, erklärt Philipp Wächter von »Students for Future«. Auch die Umweltbilanz der 22. Weltmeisterschaft prangert er an.

Insgesamt 16 Teams mit je zwei Teilnehmenden traten gegeneinander an. Im Vordergrund stand der Spaß, Kurbeln war zwar verboten, doch die Veranstalter hielten dazu an, es nicht ganz so ernst damit zu nehmen.

Die typischen Geräusche vom Klacken der Figuren und dem Rollen des Balles hallen durch den Raum. Zwischendrin können sich die Studierenden auf Spendenbasis Getränke genehmigen. Sie sind hier anstatt beim Eröffnungsspiel und im Wesentlichen wird die Kritik der Veranstalter geteilt. Angesprochen auf die Frage, ob sie die WM denn schauen wolle, erklärte Julia Grupp, dass sie sie zwar nicht allein, hingegen aber zwecks des Gruppenzusammenhalts mit ihren Vereinsmitgliedern schauen werde. Grupp spielt Fußball. Zu der Situation im Gastgeberland sagt sie: »Klar, was da jetzt abgeht ist nicht so unterstützenswert. Ich verstehe die FIFA da auch nicht«, sagt die 20-jährige.

Das Spiel nicht zu schauen, funktioniere für ihn, da er sich bei dem Tischkicker-Turnier ablenke, erklärt hingegen Florian Braatz. »Ich schaue gern WM und EM«, so der Student. Alleine zuhause hätte er sich das Spiel wahrscheinlich angesehen. Proteste hätte es bereits früher geben müssen. Etwa die Situation der Arbeiter sei »schon bei der Vergabe absehbar« gewesen. Seitens des DFB oder bei der Vergabe der Übertragungsrechte habe es Gelegenheit dazu gegeben. »Ich bin wenig hoffnungsvoll, dass das was bringt«, kommentiert Braatz Proteste zum jetzigen Zeitpunkt. Zudem fragt er: »Welches Land ist gut genug, um das dort auszutragen?«. Er erklärte, dass es schwierig sei, zu wissen, wo eine rote Linie gezogen werden könne. Pascal Claus bemerkt, es »sei interessant, wie es jetzt Bodenhaftung gewinnt«. So sei die FIFA auch schon die letzten 30 Jahre ein »dreckiges Geschäft« gewesen. Claus hat viel davon gehört, wie mit den Arbeitern umgegangen wird. Im Wesentlichen habe er sich jedoch einfach auf das Turnier gefreut, da er privat gern kickert.

Besonders im Fokus der Umweltbewegungs-Gruppen standen die Auswirkungen der WM auf das Klima. »In Qatar gibt es keine bestehende Fußballkultur«, erklärt Wächter. Dies habe zur Folge, dass ohnehin klimatisch schwierige Bauten danach leer stünden. Des Weiteren wies er darauf hin, dass eine Klimaneutralität des Turniers bloß vorgegaukelt sei.

Zu den CO2-Zertifikaten, die diese vermeintlich belegen, vertritt er eine klare Meinung: »Kompensationsprojekte sind nicht das, was sie vorgeben, zu sein.« Als Beispiel wählt er den Vergleich zwischen zwei Ländern. Seien beide nicht klimaneutral und eines erlange zertifizierte Klimaneutralität durch Ausgleiche im anderen Land, könnten so am Ende beide gut dastehen. Letztlich könne auf diesem Weg theoretisch die ganze Welt klimaneutral scheinen, obwohl dem nicht so ist«.

Helena Renz, ebenfalls von »Students for Future«, nutzte den Vergleich zu vorherigen Weltmeisterschaften. Diese haben in erheblichem Maße weniger C02 produziert, als das in Qatar der Fall sei. Letztere erzeuge 3,6 Millionen Tonnen CO2, während in Russland 2,1 und in Brasilien 2,7 Millionen Tonnen des umweltschädlichen Gases ausgestoßen wurden. Zudem verwies sie auf die Non-Profit-Organisation »Carbon Market Watch«, die Qatar eine deutlich schlechtere Bilanz bescheinigen.

Gespielt wurde das Kickerturnier im Modus der Bundesliga, was heißt: Drei Punkte pro Sieg, einen pro Unentschieden und keinen bei einer Niederlage. Das Sieger-Team konnte sich am Ende über zwei Gutscheine im Wert von je 15 Euro freuen, die der Unverpackt-Laden gesponsert hatte. Die Idee für das Format ist entstanden, weil nicht immer demonstriert werden könne. »Manchmal muss es spaßig sein«, erklärt Philipp Wächter. »Wir haben in Gießen gespürt, dass viele Leute sich nicht freuen«, ergänzt er.

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