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»Todesstrafe für Klimaschützer«

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»Satirisches Theater« als Protest gegen die Verurteilung der Umweltaktivistin »Ella«: Rund 20 Demonstranten zogen am Montagnachmittag vom Kirchenplatz bis zum Polizeipräsidium in der Ferniestraße. © Pfeiffer

»Freiheit für Autos« forderten Demonstranten am Gießener Kirchenplatz. Die Protestaktion war eine satirische Antwort auf die Verurteilung der Umweltaktivistin »Ella«.

Gießen . »Was ist denn da los?« Der Autofahrer, der an einer roten Ampel im Schiffenberger Weg seine Verwunderung kundtat, war am Montagnachmittag nicht der Einzige: Die Demonstration der sogenannten Initiative für institutionsübergreifenden Corpsgeist sorgte für einige irritierte Blicke. Denn die knapp 20 Protestler skandierten Parolen wie »Umweltschutz ist Dreck und Schmutz«, »Straßen für Autos, nicht für Demonstranten« und forderten »Todesstrafe für Klimaschützer«. Ernst gemeint war davon allerdings nichts - es handelte sich um eine Art satirisches Theaterstück als Antwort auf die Verurteilung der Umweltaktivistin »Ella« am Gießener Landgericht am vergangenen Freitag.

Zu einem Theaterstück gehören natürlich auch Kostüme und so schlüpfte ein Demonstrant in die Rolle des Vorsitzenden Richters Johannes Nink - inklusive Gesichtsmaske aus Papier -, eine Mitstreiterin gab Staatsanwältin Mareen Fischer, wieder andere hatten sich als Polizisten und SEK-Beamte zurecht gemacht. Ohne den »unermüdlichen Einsatz« der Polizei bei der Räumung des Dannenröder Forstes »wären die Gefängnisse leer und ›Ella‹ würde auf freiem Fuß sein. Eine schauderhafte Vorstellung«, spottete der als Richter verkleidete Demonstrant. Der Polizei wolle man daher an diesem Nachmittag eine »Tapferkeitsmedaille« verleihen. Justiz und Polizei müssten enger zusammenarbeiten.

Vom Kirchenplatz machten sich die Demonstranten auf den Weg Richtung Polizeipräsidium in der Ferniestraße. Im Seltersweg riefen sie: »Wir stoppen nicht, bevor der letzte Baum gefallen ist«, in der Goethestraße forderten sie »Weg mit der Fahrradstraße« und »Freiheit für Autos«. So manch ein vorbeifahrender Radler dürfte sich angesichts des Ratschlags, doch besser Auto statt Fahrrad zu nutzen, besonders gewundert haben. Aktivist Jörg Bergstedt, der in der ersten Instanz Mitverteidiger von »Ella« war, schwenkte die Fahne eines deutschen Automobilherstellers und stoppte den Demonstrationszug vor einer Tankstelle im Schiffenberger Weg. Gießen sei »die schönste Stadt Deutschlands. Weil sie eine Autostadt ist«.

Angekommen vor dem Präsidium mussten die Demonstranten jedoch draußen warten. Polizeipräsident Bernd Paul sei nicht im Hause und auch sonst wollte niemand die vermeintliche »Ehrung« entgegennehmen: Eine Wasserflasche, montiert auf goldfarbener Pappe - eine Anspielung auf die Anklageschrift, in der der Autobahngegnerin »Ella« vorgewurfen wurde, sie habe eine nach Urin riechende Flüssigkeit auf Polizeibeamte geschüttet. Die »goldene Urinflasche« legten die Demonstranten neben dem Eingang des Präsidiums ab.

Am Montagmorgen sollen Unbekannte zudem Türschlösser am Landgericht mit Sekundenkleber zugeklebt haben, so dass mehrere Mitarbeiter vor verschlossenen Türen standen. Eine offizielle Bestätigung dazu stand bei Redaktionsschluss noch aus.

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