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Tollkühne Männer in fliegenden Kisten

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Als man »Am Stolzen Morgen« noch in die Luft gehen konnte: Unbekannte Fotos dokumentieren Pioniertage der Luftfahrt in Gießen.

Gießen. Das Fotografieren muss den Feusters wohl im Blut liegen. Eigentlich hat der Münchner Physiker Thomas Feuster genug Fotos gemacht, um seine Mitmenschen zu begeistern. Gleich auf mehreren Homepages und Reiseblogs hat der Outdoorsportler hunderte Aufnahmen von seinen Reisen zwischen Neuseeland und Barcelona oder auch mal einer Radtour an der Isar veröffentlicht. Einen ganz besonderen Bilderschatz hat ihm allerdings sein Urgroßvater Karl hinterlassen, den er jetzt mit Hilfe des Heimathistorikers Horst Jeckel gehoben hat.

Viel weiß Thomas Feuster nicht über seinen am 7. April 1897 in Gießen geborenen und eben dort am 26. Februar 1975 gestorbenen Vorfahren. Im Ersten Weltkrieg kämpfte der zunächst in Galizien und später dann an der Westfront, wo er in französische Kriegsgefangenschaft geriet. Kurz nach der Heimkehr heiratete er, und er war Mitbegründer des Kegelclubs »Alle Neune«. Angestellt war Feuster nach dem Krieg bei der Stadt Gießen im Bereich Straßenbau/Gartenbau. Soweit so unspektakulär.

Ob es nun der Beruf war oder privates Interesse, die ihn und seine Kamera immer wieder zum »Stolzen Morgen« im Gießener Nordosten führten, bleibt offen, jedenfalls wurde Karl Feuster zu einem Chronisten eines fast vergessenen Kapitels Gießener Stadtgeschichte und auch der Pionierzeit der deutschen Luftfahrt. Auf etlichen bislang noch nie veröffentlichten Aufnahmen, die Mitte der 1920er Jahre entstanden sind, zeigt er den einstigen Gießener Flughafen vom Boden und aus der Luft oder hält die tollkühnen Männer und deren fliegende Kisten im Bild fest. Sternstunden sowohl der Fotografie als auch der Fliegerei. Zwei damals neue Errungenschaften des technischen Fortschritts, die kurz vor, dann aber vor allem nach dem Ersten Weltkrieg in rasantem Tempo die Welt erobern und verändern sollten.

Junkers-Flieger im Morast

Gerade einmal ein Vierteljahrhundert war vergangen, seitdem mit dem Start des ersten Freiballons am 28. Mai 1911 vom Gelände des Gaswerks auch in Gießen die dritte Dimension erobert wurde. Nur zwei Monate später konnte die Bürgerschaft anlässlich des ersten Gießener Flugtages eine richtige »Flugmaschine«, einen Grade-Eindecker, auf dem Trieb bestaunen. Beim großen Flugfest am 27. Oktober 1912 am selben Ort feierten bereits 30 000 Besucher die Landung des Luftschiffs »Viktoria Luise«. Die Begeisterung für die Luftfahrt lebte nach dem Krieg wieder auf. Doch je größer die Maschinen wurden, desto schwieriger gestaltete sich die Suche nach geeigneten Start- und Landeplätzen. Spätestens als 1924 das angekündigte »große Junkersflugzeug« auf einer Wiese hinter dem Amtsgericht im Morast stecken blieb, stand die Flugplatzfrage auf der politischen Agenda, zumal man sich durch einen Anschluss an die bereits bestehenden Luftverkehrsringe eine deutliche Verbesserung der verkehrs- und wirtschaftspolitischen Lage der Stadt Gießen erhoffte.

Die Gießener Stadtverordnetenversammlung beschloss schließlich am 29. Mai 1925 einstimmig, sich mit 50 000 Reichsmark an einer zu gründenden Luftverkehrsgesellschaft »Lahngau und Oberhessen« mit dem Sitz in Gießen zu beteiligen und dieser Gesellschaft als Flughafenstandort das städtische Gelände »Am Stolzen Morgen« zu verpachten. Schon am nächsten Tag wurde die Gesellschaft »Luftverkehr AG, Oberhessen-Lahngau« (OBLAG) gemeinsam mit dem Land Hessen und der Provinz Oberhessen sowie einigen großen Industriebetrieben und Privatinvestoren aus der taufe gehoben.

Die Einweihung des Flughafens Gießen fand bereits - Berliner werden es kaum glauben - am 5. Juli 1925 statt. In seiner Festrede erklärte der damalige Oberbürgermeister Karl Keller selbstbewusst, dass sich die Stadt Gießen als aufstrebendes Gemeinwesen nicht dem Luftverkehr verschließen dürfe. Es sei ihm vielmehr daran gelegen, die Konkurrenz anderer nahe gelegener Städte auf dem Gebiet des Luftverkehrs auszuschalten und auch auf dem Luftweg Anschluss an andere wichtige Punkte zu erreichen. Gießen müsse eine besondere Stelle unter den mittleren Städten Deutschlands einnehmen. Trotz Kellers Sendungsbewusstsein geschah zunächst einmal wenig. Als »Terminal« diente anfangs ein Holzschuppen mit zwei Zimmern und einer kleinen Werkstatt. Doch schon von dort aus konnten wagemutige Pendler regelmäßig nach Frankfurt fliegen. Zweimal täglich wurde für den (für die meisten Leute wohl nur schwer aufzubringenden) Preis von 20 Reichsmark die Main-Metropole angesteuert. Vor allem Professoren der Gießener Universität nutzten diese neue Gelegenheit, schnell und reichsweit an Kongressen teilnehmen zu können.

Im Zuge des weiteren Ausbaus des Flughafens wurde das Rollfeld entwässert und schließlich 1927 das immer noch stehende und unlängst sanierte Flughafengebäude errichtet. Kurz nach dessen Einweihung müssen wohl auch Karl Feusters Aufnahmen entstanden sein.

Entgegen der hohen Erwartungen blieb Gießen aber nur ein selten genutzter Nebenarm im immer dichteren Spinnennetz der Fluglinien, das sich engmaschig über Deutschland legte. 1932 taucht der Name Gießen letztmals in einem Flugplan auf.

Die weitere Entwicklung des Flughafens wurde durch die politische Entwicklung nach 1933 und die seit 1935 forcierte Wiederaufrüstung des Deutschen Reichs geprägt. Gießens Flughafen war nun vor allem Militärstützpunkt und blieb das auch bis zu seiner Bombardierung und der Einnahme durch amerikanische Streitkräfte im März 1945. Damit endete das kurze Kapitel Gießener Flughafen und das Kapitel US-Depot wurde aufgeschlagen. Aber das ist eine andere Geschichte.

P.S: Ganz so kurz bemessen war die Geschichte der Gießener Luftfahrt denn doch nicht, wenn man einen Flugpionier, der seiner Zeit mehr als hundert Jahre voraus war, dazuzählt. Bereits 1785 soll der »hochfürstlich badische Landbaumeister« Karl Friedrich Meerwein in Gießen einen Flugversuch mit Gleitflügeln unternommen haben. Das zumindest berichten zwei Chronisten, die nicht Münchhausen, sondern Beckmann und Camps hießen. Wo der unerschrockene Landbaumeister startete und ob er die Landung überlebte, ist nicht überliefert. Ansonsten blieb Gießen von größeren Katastrophen in den gefährlichen Pioniertagen der Fliegerei weitgehend verschont. Lediglich einen Absturz im Stadtgebiet verzeichnen die Annalen. 1915 musste ein Luftschiff auf dem Rückweg von der Front aufgrund eines technischen Defekts in Gießen notlanden. Als ein Sturm heraufzog, riss sich die unbemannte, gasgefüllte Riesenzigarre los, stürzte in der Nähe des späteren Flughafens ab und ging sofort in Flammen auf. Fünf Menschen starben dagegen am 27. Juli, als eine Junkers F 13 auf dem Weg von Kassel nach Gießen bei Amöneburg abstürzte.

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FlughafenGieszenBild0476__4c © Red
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Mit dem Präriehuhn konnten vier Passagiere in den Zwanzigern geradezu luxuriös von Gießen nach Frankfurt fliegen. Die Passagierkabine der Junkers D 13 setzte damals Maßstäbe in Sachen Komfort. © Red

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