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Tote kann man nicht verurteilen

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Geben Einblicke in den Alltag der Gerichtsmedizin: Prof. Marcel Verhoff, Gisela Friedrichsen und Dr. Tino Grosche. Foto: Czernek © Czernek

Nichts für zarte Gemüter: Rechtsmediziner Prof. Marcel Verhoff zeigt in der Kongresshalle Gießen wahre Fälle aus der Praxis.

Gießen . Der Abend in der Kongresshalle war nichts für zartbesaitete Gemüter. In der Reihe »Blutspuren« erläuterte Prof. Marcel Verhoff, Leiter der Frankfurter Rechtsmedizin, anhand von Originalaufnahmen wahre Fälle aus seiner Praxis. Er zeigte ungeschönte Aufnahmen von Leichen, Gehirnteilen oder Auffindesituationen, die ein ganz anderes Bild von der polizeilichen Ermittlungsarbeit lieferten, als dies in der Regel in Krimis vermittelt wird.

Locker, charmant und witzig führte der Moderator und Veranstalter Dr. Tino Grosche durch das Programm des »True Crime«-Talks zwischen Verhoff und Gerichtsreporterin Gisela Friedrichsen. Angekündigt war eigentlich Deutschlands bekanntester Profiler Axel Petermann. Dieser war leider erkrankt und so sprang Friedrichsen ein.

Für Verhoff war sein Auftritt in der Kongresshalle ein Heimspiel, der gebürtige Gießener, der auch in seiner Heimatstadt Medizin studierte, leitete bis 2013 die Gießener Rechtsmedizin, bevor er die Leitung des Instituts für Rechtsmedizin am Universitätsklinikum Frankfurt übernahm.

Friedrichsen gehört zur ersten Garde der Gerichtsreporterinnen Deutschlands, die mit messerscharfem Verstand Taten analysieren können. Dementsprechend analysierend stellte sie die Fragen zu den einzelnen Taten und erläuterte den jeweiligen Prozessverlauf. Als Gerichtsreporterin hatte sie die Fälle im Gerichtssaal begleitet und beleuchtete Hintergründe und Motive, sofern sie bekannt waren. Vieles sei viel komplizierter nachzuweisen, als man es sich vorstellt. So würden auch Rechtsmediziner Selbstversuche machen, um einen Sachverhalt zu klären, bestätigt der Mediziner auf Nachfrage der Reporterin.

Gärtner war der Mörder

Verhoff stellte fünf unterschiedliche Fälle vor. »In der Rechtsmedizin ist jeder Tag anders und oft unerwartet und das macht den Beruf so spannend«, sagte er zu Beginn. Zunächst führte er aber sein Publikum aufs Glatteis: Er zeigte einen Leichenfund im Theaterpark, bei dem die Leiche augenscheinlich eine Schussverletzung im Kopf aufwies. Doch die weiteren Untersuchungen ergaben ein anderes Bild: Der Mann war wohl im alkoholisierten Zustand gestürzt und in ein zuvor zurückgestutztes, spitzes Astende gefallen. »Wir gaben diesem Fall den Titel: Der Mörder war der Gärtner«, meinte er lächelnd und wies darauf hin, dass nicht immer alles so eindeutig ist, wie es im ersten Augenblick scheint.

Wie auch im »Fall Kachelmann«: Eine Frau behauptete, von ihm vergewaltigt worden zu sein. Dieses Verfahren zog sich über mehrere Instanzen, bis Kachelmann letztlich von diesem Vorwurf freigesprochen wurde. Insgesamt sechs rechtsmedizinische Gutachter waren daran beteiligt. Verhoff war die Nummer sechs, der endgültig die Beweise lieferte, dass das Geschehen sich so nicht zugetragen haben konnte, wie es geschildert wurde.

»Dieses Verfahren zeigte einmal mehr, wie wichtig es ist, dass man ohne Vorwissen die Sachlage beurteilt«, führte er aus. Für ihn sei es unerheblich, was letztlich bei Gericht für ein Urteil herauskommt. »Das interessiert mich nicht. Ich trage nur Fakten zusammen.« Auch der Fall des Kannibalen von Rotenburg landete auf seinem Untersuchungstisch. Dieser Mann wurde trotz seiner psychischen Störung als voll schuldfähig eingestuft, erläuterte Friedrichsen dazu, da er immer wusste, dass seine Tat, nämlich jemanden zu schlachten und ihn anschließend zu essen, illegal sei.

Doch nicht jeder Mordfall kann aufgeklärt und der Mörder anschließend verurteilt werden. So zeigte der Rechtsmediziner Bilder von zwei blauen Fässern, in denen eine zerstückelte Frauenleiche abgelegt war. Gefunden wurde sie in einer Garage beim Entrümpeln, weil dessen Besitzer gestorben war. Hinterher konnte man rekonstruieren, dass dieser Mann wohl ein Serientäter gewesen sein musste. Viele Fragen blieben ungeklärt, da man Tote nicht mehr befragen und verurteilen kann.

In der nächsten Veranstaltung der Reihe »Blutspuren« wird Joe Bausch am 27. Januar 2023 über »Das Verbrechen beginnt im Kopf« mit dem Moderator Tino Grosche in der Kongresshalle sprechen.

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