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Trennung und gegenseitige Vorwürfe

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Von: Frank-Oliver Docter

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Die auf 2215 Metern Höhe in den Hohen Tauern (Kärnten) gelegene Gießener Hütte. Foto: DAV-Sektion Gießen-Oberhessen © DAV-Sektion Gießen-Oberhessen

Die Alpenverein-Sektion Gießen-Oberhessen hat überraschend die Zusammenarbeit mit der Pächterin der Gießener Hütte in den Hohen Tauern in Österreich beendet.

Gießen/Malta (fod/red). Erst im August vergangenen Jahres hatte man das Jubiläum »100 Jahre Pächterfamilie Baier« auf der in den Hohen Tauern (Kärnten) gelegenen Gießener Hütte der Sektion Gießen-Oberhessen des Deutschen Alpenvereins (DAV) gefeiert. Nun ist plötzlich alles aus. Der geschäftsführende Vorstand hat sich gegen eine Vertragsverlängerung mit Pächterin Julia Baier entschieden, heißt es in einer Pressemitteilung, in der sich der Sektionsvorsitzende Dr. Ulrich Schlör per Interview zu den Gründen äußert. Auf Nachfrage des Anzeigers nehmen Julia Baier und ihr Vorgänger und Vater Otmar Baier Stellung zu den Aussagen und erheben ihrerseits Vorwürfe.

Herr Schlör, unter heimischen Bergfreunden wurde schon länger gemunkelt, dass die Sektion unzufrieden ist mit der seit 2013 verantwortlichen Julia Baier, der Tochter des langjährigen Pächters Otmar Baier. Hat jetzt irgendetwas das Fass zum Überlaufen gebracht?

Schlör: Nein, zugrunde liegt eine Summe von Vorkommnissen. Immer wieder wurden Absprachen mit dem Hüttenwartteam über organisatorische Abläufe nicht eingehalten. Das fünfköpfige Hüttenwartteam war sich lange uneins, wie weit die Geduld mit der Pächterin gehen soll. Jetzt aber haben unsere Experten dem Vorstand einstimmig empfohlen, einen Schlussstrich zu ziehen.

Julia Baier empfindet die Vorwürfe von Sektion und Hüttenwartteam als »Frechheit. Wir haben die Hütte immer gut bewirtschaftet«. Es würden nun »Dinge erfunden«, um sie in einem schlechten Licht dastehen zu lassen. Otmar Baier beklagt, »in den letzten Jahren wurden Intrigen und Schikanen auf dem Rücken meiner Tochter ausgetragen«. Es sei insbesondere von Personen aus dem Hüttenwartteam gezielt Stimmung gegen sie gemacht worden. Im Übrigen habe die Sektion ihrerseits Absprachen über »organisatorische Abläufe nicht eingehalten«, so die 34-Jährige.

Gab es auch Beschwerden von Gästen der Gießener Hütte über die Pächterin?

Schlör: Leider immer wieder. Beispielsweise wurde Gästen kein Essen serviert mit dem Argument, dass das Kind der Pächterin jetzt Mittagsruhe habe und deshalb kein Kochen möglich sei. Kürzlich wurde einem Gast die telefonische Buchung mit zum Teil beleidigenden Worten verweigert, weil man kein Personal habe und überfordert sei. In der Corona-Zeit wurden selbst einfachste Regeln missachtet und Gäste beschimpft, die sich an diese Regeln halten wollten.

Der geschilderte Vorfall des wegen der Mittagsruhe ihres Kindes nicht servierten Essens wird von Julia Baier vehement bestritten: »Das hat so nicht stattgefunden.« Zum Vorwurf des Personalmangels und der Überforderung berichtet sie, häufig Unterstützung durch ihre Mutter zu haben sowie durch zwei jüngere Aushilfen aus Polen, von denen jedoch eine während der Saison kündigte. Die angebliche Beschimpfung von Gästen wegen der Corona-Regeln habe es in dieser Form nicht gegeben, stellt Otmar Baier klar. Nur er selbst habe einmal eine kontroverse Diskussion mit einer die Hütte besuchenden Ärztin über den Umgang mit den Regeln geführt.

Die Familie Baier gilt als gut vernetzt im Talort Malta. War das auch ein Grund dafür, mit der Trennung zu zögern? Oder waren auch die Einheimischen mit der Situation unzufrieden?

Schlör: Auch die Sektion hat in den letzten Jahren ein sehr gutes Verhältnis zu diversen Verwaltungsgremien aufgebaut, um ein möglichst gutes Miteinander zu erzeugen. So sind die Mitglieder des Hüttenwartteams regelmäßig im Austausch mit der Gemeindeverwaltung oder dem Tourismusverband. (...) Leider hat die Sektion auch aus diesen Gremien sowie von weiteren Einheimischen sehr viele Beschwerden hören müssen, gipfelnd in der Aussage, dass Talbewohner, sofern sie nicht mit der Familie befreundet sind, gar nicht mehr als Tagesgäste auf die Hütte aufsteigen.

Letztere Aussage sei ebenfalls unwahr, sagt Julia Baier und beteuert: »Bei uns ist jeder willkommen, wir nehmen jeden auf.«

Die Hütte ist als eine der wenigen im Alpenraum nicht an ein elektronisches Buchungssystem angeschlossen. Warum nicht?

Schlör: Dazu wäre ein Zugang zum Internet auch während der Öffnungszeiten der Hütte zwingend notwendig. Das ist uns bisher leider technisch nicht gelungen. Wir sind aber zuversichtlich, dass wir das 2023 in Angriff nehmen können. Zudem muss leider gesagt werden, dass die Pächterin auf der bisherigen Reservierungstechnik - Telefon oder außerhalb der Saison E-Mail - bestand.

Julia Baier betont, ein solches elektronisches Buchungssystem »nicht abgelehnt« zu haben. Dagegen spreche jedoch die nicht dauerhaft gewährleistete Versorgung der Hütte mit Strom, zumal dieser durch ein Wasserkraftwerk erzeugt werde. Weil aber auch hier der Gletscher zurückgehe, sei häufig kein Wasser dafür da.

Also suchen Sie einen neuen Pächter bzw. eine Pächterin ab der Saison 2023. Wie sieht es da aus?

Schlör: Wir haben inzwischen zwei Initiativbewerbungen bekommen. Diese Interessenten schauen wir uns nun genau an. Parallel wird die Stelle ausgeschrieben auf der Website des Dachverbands. Wir streben eine Veröffentlichung aber auch in der DAV-Mitgliederzeitschrift »Panorama«, durch die Gemeinde Malta und durch den Tourismusverband Maltatal an.

Klappt die Neubesetzung schon bis zum Saisonstart 2023?

Schlör: Das gilt es abzuwarten. Nötigenfalls bleibt die Hütte für einen Sommer geschlossen. Wir legen Wert auf ein dauerhaft tragfähiges Pachtverhältnis. Die/Der neue/r Pächter/in muss sich ja auch mit den Gegebenheiten der Hütte und ihrer Umgebung vertraut machen, was im Winterhalbjahr nicht möglich ist.

Bleibt die Hütte denn bis zum Saisonende geöffnet?

Schlör: Nein, die Pächterin will zum 19. September schließen und dann in den Tagen bis zur Übergabe am Monatsende ihre persönliche Habe ins Tal bringen.

Dieses Datum bestätigen die Pächterin und ihr Vater. Zudem lässt Julia Baier wissen, darüber nachzudenken, juristisch gegen die Sektionsentscheidung und -vorwürfe vorzugehen. So habe sie auch die Sorge, dass finanzielle Verluste durch die Sektion von ihr eingefordert werden könnten, sollte es nicht gelingen, für die Saison 2023 eine/n Pächter/in zu finden.

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