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Trotz Corona auch positive Zahlen

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In Gießen sind erneut weniger Menschen überschuldet Symbolfoto: dpa © DPA Deutsche Presseagentur

Spürbar mehr Verbraucher in Stadt und Landkreis Gießen haben 2021 Insolvenz beantragt, dennoch gelten erneut weniger Privatpersonen als überschuldet, Dafür gibt es plausible Erklärungen.

Gießen . Mit der »Ruhe vor dem Sturm« wird gemeinhin die (an)gespannte Atmosphäre beschrieben, die einem zu erwartenden, meist unangenehmen Ereignis vorausgeht. Dass also einem Zustand, der zunächst anscheinend positiv daherkommt, etwas Trügerisches innewohnt. Auf die trotz Corona erstaunlich niedrigen Insolvenzzahlen 2020 und die leicht gesunkene Überschuldungsquote in Stadt und Landkreis Gießen traf diese Redewendung nach Meinung von Fachleuten zu. Ein Jahr später herrschen bisher nur bedingt stürmische Zeiten. Denn während tatsächlich spürbar mehr Verbraucher Insolvenz beantragt haben, gelten erneut weniger Privatpersonen als überschuldet, wie die Wirtschaftsauskunftei »Creditreform« ermittelt hat. Das klingt nach einem Widerspruch, doch es gibt plausible Erklärungen.

Die Ursachen, um in die Zahlungsunfähigkeit abzurutschen, sind vielfältig. Der Jobverlust gehört definitiv dazu, aber auch der Tod eines Partners, Krankheit oder eine Trennung. »Wenn sich ein Paar eine teure Wohnung gekauft hat, haftet nach einer Scheidung plötzlich jeder für sich allein«, schildert Wolfgang Haasler, Leiter Beratung und Soziale Dienste bei der Caritas Gießen, ein Beispiel aus der beruflichen Praxis. »Andere Klienten überschätzen ihre wirtschaftlichen Möglichkeiten völlig, übernehmen sich mit Bestellungen und erliegen dem Konsumdruck.« Wenn die Einkünfte nicht mehr ausreichen, Rechnungen oder regelmäßige Raten zu begleichen, die Verbindlichkeiten somit das vorhandene Vermögen übersteigen, wird es problematisch. Doch die Hemmschwelle, sich Hilfe zu suchen, sei groß, »weil auch Schuldgefühle eine Rolle spielen«, weiß Haasler. So habe ihm ein Klient berichtet, dass er circa 20-mal bei der Schuldnerberatung vorbeigelaufen sei, ehe er sich zum entscheidenden Schritt hinein überwinden konnte.

Der Ansatz, der danach verfolgt werde, sei ganzheitlich. »Wir schauen uns die gesamte Lebenssituation an«, erläutert der Caritasmitarbeiter. Jeder müsse bereit sein, den Lebensstil und bestimmte Haltungen zu überdenken. Ein Ausweg kann die Insolvenz sein.

Beim Amtsgericht Gießen, dessen Zuständigkeit sich auf den kompletten Landkreis und den Amtsbezirk Alsfeld erstreckt, sind 2021 immerhin 313 Anträge auf Verbraucherinsolvenz eingereicht worden - mehr als doppelt so viele wie 2020 (145) und knapp 100 mehr als in den Jahren zuvor. 230 Verfahren sind eröffnet worden, was einem Plus von 73 gegenüber 2020 entspricht. Bei den gewerblichen Insolvenzen sind die Zuwächse von 158 auf 178 Eingänge sowie von 62 auf 69 Eröffnungen nicht ganz so signifikant.

Zu beachten ist allerdings, dass die Zahlen 2020 »außergewöhnlich gering waren«, erinnert Astrid Keßler-Bechtold, Pressesprecherin des Amtsgerichts Gießen. Das habe einerseits an einem »Rückstau« gelegen, weil es aufgrund der Pandemie und der damit verbundenen Einschränkungen schwieriger gewesen sei, einen Beratungstermin zu bekommen. Andererseits hat eine im Oktober 2020 in Kraft getretene, auf einer EU-Richtlinie basierende Gesetzesänderung die sogenannte Wohlverhaltensphase erheblich von sechs auf drei Jahre verkürzt. Das heißt, von der Privatinsolvenz Betroffene können schneller von ihrer »Restschuld« gegenüber Gläubigern befreit werden. Viele seien daher »geneigt gewesen, die Beantragung etwas hinauszuzögern«, so die Juristin.

Selbstdisziplin erforderlich

Nach Überzeugung von Wolfgang Haasler ist die Neuregelung »total sinnvoll«. Sehr oft sei nämlich »ohnehin nichts da, das auf lange Sicht an Gläubiger verteilt werden könnte«. Diesen Prozess auf sechs Jahre auszudehnen, bringe auch der Wirtschaft nichts. Umgekehrt sei es möglich, früher wieder eine Arbeit zu finden, Steuern zu zahlen und »so einen Beitrag für die Gesellschaft zu leisten«. Bei einem Großteil der Klienten funktioniere das - vorausgesetzt, »sie legen eine gewisse Selbstdisziplin an den Tag«.

Mit Blick auf die gewerblichen Insolvenzen verweist Keßler-Bechtold darauf, dass gerade zuletzt mehr Anträge eingegangen seien. Diese seien in der Regel aber nicht von den Inhabern der Unternehmen und Betriebe selbst gestellt worden, sondern von Krankenkasse, Finanzamt oder Knappschaft, die noch Forderungen geltend machen wollten.

Das Insolvenzgeschehen ist die eine Seite. Dem steht gegenüber, dass die Zahl der überschuldeten Personen in der Stadt Gießen von 7766 auf 7129 gesunken ist, berichtet der hiesige »Creditreform«-Geschäftsführer Jan-Frieder Hain auf Anfrage des Anzeigers. Orientiert an 76 591 Einwohnern über 18 Jahren bedeutet das 9,31 Prozent (deutschlandweit: 8,86 %, hessenweit: 8,82 %); 2020 waren es noch 10,28 %. Nach Geschlechtern differenziert, sind davon 11,82 % Männer und 6,23 % Frauen. Nach Alter sind prozentual die 40- bis 49-Jährigen (15,97 %) am stärksten belastet. Dahinter rangieren die 30- bis 39-Jährigen (12,58 %), die 50- bis 59-Jährigen (12,53 %) sowie die 60- bis 69-Jährigen (10,02 %). Die Quote für die Über-70-Jährigen wird auf 4,65 % beziffert, bei den Unter-30-Jährigen sind es 4,16 %. Bei allen Altersgruppen sei ein Rückgang zu verzeichnen.

In der Pandemie wird mehr gespart

Der Postleitzahlen-Bezirk der Innenstadt (35390) ist mit 10,81 % (2020: 11,97 %) weiterhin negativer Spitzenreiter, gefolgt von Gießen-Nord und Wieseck (35396) mit 9,83 % (10,94 %) sowie Gießen-Ost, Wieseck und Rödgen (35394) mit 9,44 % (10,26 %). Nach einem auffälligen Anstieg von 7,53 auf 9,99 % verzeichnen auch Allendorf, Kleinlinden, Lützellinden und Gießen-West (35398) wieder ein klares Minus auf 9,04 %. Mit Abstand am besten schneidet nach wie vor Gießen-Süd (35392) mit 6,36 % (7,11 %) ab, das sich als einziges Gebiet im »grünen Bereich« bewegt.

Den starken Rückgang, der bundesweit zu beobachten sei, führt Jan-Frieder Hain auch auf die staatlichen Unterstützungsmaßnahmen zurück, »die geholfen haben, die Wirtschaft zu stabilisieren und Unternehmen wie Verbraucher vor einer befürchteten Zahlungsunfähigkeit zu bewahren«. Die Pandemie-bedingt begrenzten Konsumalternativen und eine gleichzeitig ausgeprägtere Ausgabenvorsicht hätten ferner dafür gesorgt, dass erkennbar mehr gespart worden sei. Teile dieses angehäuften Geldes konnten wiederum genutzt werden, um Schulden abzutragen.

Trotz des aktuell positiven Trends sei damit zu rechnen, so Hain, »dass die negativen Folgen der Corona-Pandemie für Gesellschaft, Wirtschaft und Verbraucher zeitverzögert auftreten werden«. Derzeit verschlechtere sich die ökonomische Großwetterlage und steigende Energiepreise heizten die Inflation an. »Das bedeutet zusätzliche Belastungen für die Verbraucher und ihre Portemonnaies.«

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giloka_1002_Ueberschuldung_o © Red
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