+
Abschied von der Helmut-von-Bracken-Schule nach fast 30 Jahren: Sabine Wießner-Müller - mit Louis Krug, Trinity Macri und Anna-Lena Gehrling (von links) - geht in den Ruhestand. Ihre Motivation war dabei stets, Kindern mit sonderpädagogischem Förderbedarf den Weg in die Gesellschaft zu ebnen. Foto: Czernek

Zum Abschied in den Ruhestand

»Trotz Defiziten ein erfülltes Leben führen«

Für Sabine Wießner-Müller war eine wertschätzende Atmosphäre an der Helmut-von-Bracken-Schule in Gießen immer ein besonderes Anliegen. Im Interview zieht sie Bilanz.

Gießen . Wird in Deutschland über Inklusion gesprochen, geht es regelmäßig auch um die Rolle von Förderschulen - verbunden mit der Frage, ob es die überhaupt noch braucht. Ja, sagt Sabine Wießner-Müller. Denn für manche Mädchen und Jungen sei »eine geschützte überschaubare Umgebung mit kleinen Lerngruppen« zumindest für eine bestimmte Zeit oft die bessere Alternative, um sich als Persönlichkeit stabilisieren zu können. Zumal es an allgemeinen Schulen mitunter einfach ein Ressourcenproblem sei, den individuellen Bedürfnissen gerecht zu werden. Die Helmut-von-Bracken-Schule habe sie dabei »immer ein bisschen mit einer Reha-Maßnahme verglichen«, sagt Wießner-Müller im Interview mit dem Anzeiger. Seit 2006 steht die Pädagogin an der Spitze der Schule mit dem Förderschwerpunkt Sprachheilförderung sowie emotionale und soziale Entwicklung, davor war sie bereits seit 1993 als Konrektorin tätig. Nun naht der Ruhestand.

Wann war für Sie klar, dass Sie Kinder mit sonderpädagogischem Förderbedarf unterrichten möchten?

Ich habe mit 16 Jahren einen Ferienjob für geistig Behinderte bekommen und durch diese Erfahrung gemerkt, dass ich mir das auch beruflich sehr gut vorstellen kann. Ich wollte gerne dafür sorgen, dass diese Kinder, die ein wenig durchs Raster fallen, ein erfülltes Leben führen und trotz Defiziten ihren Platz in der Gesellschaft finden können. Das war meine Motivation - auch wenn ich dann später doch noch die Fachrichtung Sprachheilpädagogik gewählt habe.

Was unterscheidet denn eine Lehrkraft an Förderschulen von den Kolleginnen und Kollegen anderer Schulformen?

Wir denken sehr individuell vom einzelnen Kind und seinen speziellen Bedürfnissen her, richten den Unterricht noch mehr an den individuellen Kompetenzen aus und sind sehr eng in die Diagnostik eingebunden. Eine Kollegin an der Grundschule hat natürlich auch ihre Kinder im Blick, schaut aber vielleicht methodisch und didaktisch stärker auf gruppendynamische Prozesse.

Wie haben Sie selbst Ihre Rolle interpretiert?

Ich habe an einer Förderschule mit dem Schwerpunkt Lernen begonnen und bin dann zunächst an eine Grundschule gewechselt. Als Lehrerin mit 28 Kindern in einer 1. Klasse war mir wichtig, mich auch um diejenigen zu kümmern, die nicht so einfach ihr Lernpensum absolvieren können. Meine Hochachtung für das Lehramt an Grundschulen ist damals enorm gewachsen. Als Konrektorin und Rektorin habe ich versucht, die Schule so zu gestalten, dass wir miteinander eine respektvolle Atmosphäre schaffen, und mein engagiertes Kollegium, das mir die Arbeit sehr erleichtert hat, Bedingungen vorfindet, um die Kinder optimal zu fördern. Hinzu kommt der Anspruch, Eltern als Erziehungspartner zu begreifen.

Was war am wichtigsten im Umgang mit den Kindern?

Das war vor allem der gute persönliche Kontakt. Zudem sollten die Kinder einerseits von mir Wertschätzung erfahren und andererseits lernen, dass auch sie Wertschätzung gegenüber den Erwachsenen zeigen.

Im Leitbild der Helmut-von-Bracken-Schule heißt es, die Schülerinnen und Schüler ganzheitlich wahrnehmen zu wollen und sie zu mündigen Bürgern zu erziehen. Was bedeutet das in der Praxis?

Wenn wir unsere Schülerinnen und Schüler am Ende der Klasse 9 entlassen, hoffen wir, dass sie die Schlüsselqualifikationen gut ausgeprägt haben. Sie sollen in der Lage sein, sich trotz geringerer sprachlicher Fähigkeiten in der Gesellschaft zu bewegen und für sie wichtige Informationen zu erkennen. Sie sollen sich aber auch eine Meinung bilden und diese vertreten können. Dafür üben wir, auch kritisch zu diskutieren. Und wir erhalten oft die Rückmeldung, dass unsere Kinder eine gute Arbeitshaltung und ein gutes Sozialverhalten mitbringen.

Wie sind generell die Chancen der Bracken-Schüler auf dem Arbeitsmarkt?

Bei den Neuntklässlern können wir zu 80 bis 90 Prozent den qualifizierenden Hauptschulabschluss vergeben. Im letzten Schuljahr gibt es zudem kontinuierlich einen Praxistag. Das heißt, die Schülerinnen und Schüler verbringen einmal pro Woche den Vormittag komplett in einem Betrieb. Daraus resultieren im Schnitt ein bis zwei Lehrverträge. Im Großen und Ganzen gehen sie in Ausbildungsverhältnisse oder qualifizieren sich an beruflichen Schulen weiter.

Welche Rolle spielen eigentlich die Kinder und deren Wünsche bei der Entscheidungsfindung für die bevorzugte Schule?

Entscheidungen zur Schullaufbahn können Kinder in diesem Alter nicht treffen. Meine Empfehlung ist, dass die Eltern für sich Klarheit schaffen und das der Tochter oder dem Sohn dann gut zu kommunizieren. Wir bieten ganz viele Möglichkeiten, damit sie noch vor der Einschulung selbst ein positives Bild von ihrer künftigen Schule bekommen. Prämisse ist dennoch: Die Eltern müssen sich wirklich sicher sein, dass die Helmut-von-Bracken-Schule die richtige Wahl ist. Wenn sie zweifeln, hat das Kind nicht die 100-prozentige Chance, sich gut zu entwickeln.

Welche Ereignisse und Wegmarken an der Helmut-von-Bracken-Schule sind Ihnen besonders in Erinnerung geblieben?

Da ist an erster Stelle der Umzug in die Grünberger Straße zu nennen. Im Schulzentrum Gießen-Ost waren die Verhältnisse sehr beengt, auch optisch war das nicht ansprechend. Dem damaligen Schuldezernenten Dr. Volker Kölb bin ich heute noch dankbar. In der neuen Immobilie stecken immerhin knapp zehn Millionen Euro. Ab 2012 war die Helmut-von-Bracken-Schule zum ersten Mal in einem eigenen Gebäude mit vielen Fachräumen und genügend Platz untergebracht. Das ist nicht zu unterschätzen. Man sagt ja nicht umsonst, dass auch der Raum ein Pädagoge ist.

Und was war unabhängig von der räumlichen Veränderung prägend?

Es gab mal Zeiten, in denen überlegt worden ist, die sonderpädagogische Landschaft in Gießen anders zu gestalten. Damals haben wir viel konzeptionelle Arbeit geleistet, viel diskutiert. Und ich bin froh, dass die Helmut-von-Bracken-Schule in ihrer Organisationsform weiterhin so besteht, wie sie jetzt ist. Stolz bin ich ferner auf das 2006 angestoßene »Netzwerk gelingender Übergang« zwischen Kita und Grundschule. Mittlerweile handelt es sich dabei um ein »Best Practice«-Konzept für den hessischen Bildungsplan, das die Sonderpädagogik sehr eng mit der Grundschulpädagogik verzahnt.

Seit 2009 ist in der UN-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderungen ein Recht auf inklusive Bildung verankert. Sollte Inklusion da nicht eher in der Regelschule als an der Förderschule stattfinden?

Inklusion betrachte ich als sehr wichtige Aufgabe. Aber ich bin auch dafür, den Eltern die Wahlfreiheit zu belassen. Das ist auch das Erste, was ich mit ihnen bespreche. Wenn es irgendwie möglich ist, sollten Kinder inklusiv beschult werden. In Gießen ist das an allen Schulen mit engagierten und qualifizierten Fachkräften der Fall. Inklusion kann gelingen, wenn alle Beteiligten - und das tun wir seit vielen Jahrzehnten - eine Haltung entwickeln, jedes Kind so zu akzeptieren, wie es ist.

Das ist vermutlich auch eine Frage von personeller Ausstattung und geeigneten Klassengrößen.

Ja, man muss ehrlicherweise sagen, dass es häufig einfach ein Ressourcenproblem an den allgemeinen Schulen gibt, um den Bedürfnissen der Kinder und dem notwendigen Förderanspruch gerecht zu werden.

Und dann wäre die Förderschule die bessere Alternative?

Es wird weiterhin einen kleinen Anteil an Kindern geben, die eine geschützte überschaubare Umgebung mit kleinen Lerngruppen brauchen, in der sie sich als Persönlichkeit erst einmal stabilisieren können, in der sie das Gefühl haben, mit ihrer Entwicklungsverzögerung verstanden zu werden. Ein positiver Schulstart ist das A und O. Wenn der Einstieg misslingt, wird die ganze Schullaufbahn negativ beeinflusst. Gerade Kindern mit sprachlichen Problemen wird oft unterstellt, sie seien dumm. Das stimmt allerdings nicht, sie haben eine durchschnittliche Intelligenz, nur können sie ihre Fähigkeiten nicht entsprechend zum Ausdruck bringen. Werden sie nicht angemessen sprachheilpädagogisch gefördert, treten später deutliche Lerndefizite auf.

Trotzdem sind Förderschulen nicht unumstritten. Die Rede ist zum Beispiel von »institutioneller Diskriminierung«, »sozialer Isolation« und geringeren Lernfortschritten. Wie stehen Sie zu dieser Kritik?

Man muss die Förderschule differenzierter betrachten. Es handelt sich nicht um ein einheitliches System und schon gar nicht um einen schwarzen Kerker. Viele dieser Kritikpunkte leiten sich offenbar von der häufigsten Form, den Schulen mit dem Förderschwerpunkt Lernen, ab, da gibt es nochmal ganz andere Probleme. Wir selbst sehen uns als lernzielgleiche Schule sehr gut aufgestellt, bei unseren Kindern sind jedenfalls keine geringeren Lernfortschritte zu beobachten. Sie sind in ihrem Lebensumfeld gut integriert und keineswegs isoliert.

Was geschieht denn, wenn ein Kind unterfordert ist?

Ich bin eine absolute Verfechterin von Rückschulung und vergleiche die Helmut-von-Bracken-Schule immer ein bisschen mit einer Reha-Maßnahme. Wenn die Kinder und Jugendlichen wieder fit sind, als Persönlichkeit gefestigt und in der Sprachentwicklung gestärkt, kehren sie in die normale Schule zurück. Von Vorteil ist hier, dass wir unter anderem über das regionale Beratungs- und Förderzentrum (BFZ) eine ganz enge Vernetzung aufbauen konnten.

Was unternehmen Sie und Ihr Kollegium, um dennoch einer Stigmatisierung zu begegnen und kein Gefühl des »Andersseins« entstehen zu lassen?

Wir haben uns immer bemüht, uns zu öffnen, mit verschiedenen Projekten in der Gießener Schullandschaft präsent zu sein, Kontakte zu anderen Einrichtungen zu knüpfen, weil damit das Image einer Schule in der Öffentlichkeit deutlich verbessert werden kann. Niemand soll das Gefühl haben müssen, wir leben hier auf einer Insel. In den Klassen haben wir ebenfalls unsere Rolle im Schulsystem thematisiert. Die Kinder und Jugendlichen sollen selbstbewusst sagen: Okay, ich gehe in die Bracken-Schule, aber das ist eine tolle Schule.

Wie sieht denn die Zukunft des inklusiven Schulsystems aus?

Wir haben mittlerweile ein System, das zwischen Förderschule und Regelschule recht durchlässig ist und sehr viele Perspektiven bietet. Inklusion wird Bestand haben, aber sie muss gut gepflegt werden. Und es wird weiterhin kleine Institutionen geben müssen, die Kinder so unterstützen, wie sie es brauchen - und sei es nur für eine bestimmte Zeit. Das hängt jedoch auch davon ab, welche Prioritäten politisch gesetzt werden.

Und wie werden Sie Ihre Zukunft gestalten, wenn Sie Ihr Weg nicht mehr jeden Morgen zur Helmut-von-Bracken-Schule führt?

Ich habe hier sehr gerne gearbeitet. Und punktuell kann ich mir durchaus vorstellen, dass ich mich noch im Bereich Autismus ehrenamtlich engagiere, weil ich lange in der Fachberatung des Landes Hessen tätig war. Auch die tiergestützte Pädagogik, die ich immer unterstützt habe, möchte ich im Privaten etwas ausbauen. Ansonsten geht meine Planung aber schon dahin, dass ich einfach mal stärker an mich persönlich und an meine Familie denke und mir Zeit zum Reisen nehme.