Trotz Fortschritten weiter in der Psychiatrie

Gießen. Eine Gefängnisstrafe für den 55-Jährigen stand ohnehin nicht zur Debatte. Denn zum Zeitpunkt der Taten - verantworten musste er sich wegen vierfacher Körperverletzung, Bedrohung und Sachbeschädigung - soll er aufgrund einer paranoid-halluzinatorischen Schizophrenie schuldunfähig gewesen sein. Gleichzeitig hielt es der psychiatrische Gutachter für wahrscheinlich, dass von dem Bewohner der Erstaufnahmeeinrichtung des Landes Hessen (EAEH) weitere Straftaten zu erwarten seien.

In dem Sicherungsverfahren urteilte nun die Zweite Strafkammer des Landgerichts Gießen unter Vorsitz von Jost Holtzmann, dass der Jamaikaner trotz »erheblicher Therapiefortschritte« vorerst in einem psychiatrischen Krankenhaus bleiben muss.

Festes Umfeld fehlt

Die Kammer hatte zwar erwogen, die Vollstreckung wegen der erzielten Fortschritte auszusetzen, sich dann aber doch dagegen entschieden, weil der Beschuldigte »kein hinreichend stabiles Entlassungsumfeld« habe. Er hält sich nach eigenen Angaben erst seit kurzer Zeit in Deutschland auf. Und bei einer erneuten Unterbringung in der EAEH werde der 55-Jährige mit hoher Wahrscheinlichkeit mit Einflüssen konfrontiert, die eine günstige Sozialprognose erschwerten. Mangels eines stabilen sozialen Umfelds käme für ihn auch keine ambulante Therapie infrage.

Damit bleibt der Traum von einem »normalen Leben ohne Diskriminierung«, den der Beschuldigte am ersten Prozesstag geäußert hatte, für ihn eben genau das - ein Traum.

In der Psychiatrie wird turnusmäßig und erstmals nach einem Jahr überprüft, ob sich der seelische Zustand des Mannes weiter stabilisiert und er gegebenenfalls gegen Bewährungsauflagen entlassen werden kann. Zwar kann der Beschuldigte auch früher freikommen, wenn sich signifikante Anhaltspunkte für eine Verhaltensänderung zeigen. Bleiben die allerdings aus, droht ihm auch eine tendenziell unbegrenzte Unterbringung in einer psychiatrischen Einrichtung.

Morddrohungen

Der 55-Jährige, der nach eigener Darstellung in seinem Heimatland Jamaika wegen seiner Homosexualität verfolgt wird, soll im Herbst 2020 unter anderem Mitarbeiter des Sicherheitsdienstes und andere Bewohner der EAEH angegriffen haben (der Anzeiger berichtete). Auch soll der Mann, dessen Identität in dem Verfahren nicht geklärt werden konnte, Morddrohungen gegen Frauen ausgestoßen haben. Zweimal habe er im Bereich des ehemaligen US-Depots willkürlich Fahrzeuge gestoppt und auf die Motorhaube geboxt. Einer Frau, die sich aus Angst in ihrem Auto einschloss, soll er »I will kill you« (»Ich werde Dich töten«) entgegengeschrien haben.

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