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»...trotzdem Ja zum Leben sagen«

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Von: Felix Müller

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Roman Kurtz trug Auszüge aus Viktor Frankls bedeutsamen Werk vor. Foto: Müller © Müller

Schauspieler Roman Kurtz liest aus Frankls Werk bei der Vorstellung der neuen Datenbank Holocaust- und Lagerliteratur in Gießen. Diese ist für jedermann frei zugänglich.

Gießen. Die Universitätsbibliothek Gießen und die Arbeitsstelle Holocaustliteratur der Justus-Liebig-Universität (JLU) haben die Ergebnisse ihrer langjährigen Zusammenarbeit vorgestellt: eine umfassende und frei zugängliche Datenbank früher Texte der deutschsprachigen Holocaust- und Lagerliteratur von 1933 bis 1949. Begleitend dazu las der Schauspieler Roman Kurtz vom Stadttheater Auszüge aus Viktor Emil Frankls bis heute sehr bedeutsamen Werk «... und trotzdem Ja zum Leben sagen. Ein Psychologe erlebt das Konzentrationslager.«

»Die Auseinandersetzung mit der Thematik hat aufgrund der eigenen institutionellen Vergangenheit einen wichtigen Stellenwert an der JLU. Das ist einer der Gründe, warum wir 1998 die Arbeitsstelle Holocaustliteratur ins Leben gerufen haben,« eröffnete Prof. Alexander Goesmann, Vizepräsident der Universität, den Abend. Auch für ihn selbst sei es eine »willkommene Abwechslung«, neben den vielen täglichen Video-Konferenzen, »einen Präsenz-Termin wahrnehmen zu können«.

Ziel des Projektes ist, dass die Werke aus dieser Zeit wieder in das kulturelle und kollektive Gedächtnis gerückt und für die wissenschaftliche und öffentliche Wahrnehmung erschlossen werden. Denn diese frühen Texte zeichnen sich durch einen besonderen Stellenwert aus. Sie sind Zeugnisse von nationalsozialistischen Verbrechen selbst und stehen in unmittelbarer zeitlicher sowie räumlicher Nähe zu diesen. Hinzu kommen ihre werksspezifischen Entstehungsgeschichten, die sehr unterschiedlich ausfallen.

»Das ist umso wichtiger, da wir uns in einer postmemorialen Periode befinden. Das heißt, in einer Zeit ohne Zeitzeugen. Bald bleiben nur noch diese Texte übrig, persönliche Gespräche mit Hinterbliebenen sind dann nicht mehr möglich. Deswegen ist es umso bedeutender, Zugang zu diesen Informationen zu schaffen,« erklärte Dr. Charlotte Kitzinger, Geschäftsführerin der Arbeitsstelle Holocaustliteratur.

Neben der umfassenden Datenbank, die mit wichtigen zusätzlichen Funktionen sowie georeferenzierten Daten wie der Anreicherungen von Orts- und Personenseiten erweitert wurde, soll die Forschung auch »weiterhin greifbar« bleiben. So wurde mit dem Oskar-Singer-Raum in der Universitätsbibliothek ein physischer Ort geschaffen. »Es ist wichtig, in solchen Zeiten solch einen Raum zu bieten. Dort bekommt man einen lebendigen Eindruck, wenn man ein Werk in den eigenen Händen hält und durchstöbert,« ergänzte Alexander Goesmann.

Eines dieser Werk, vielleicht das Wichtigste, ist das 1945 in nur neun Tagen verfasste Buch «... und trotzdem Ja zum Leben sagen. Ein Psychologe erlebt das Konzentrationslager,« von Viktor Frankl, welches an diesem Abend in der UB näher beleuchtet wurde. Ein Buch, welches sich von vielen zu dieser Zeit entstandenen abhebt. Nicht nur, weil der Autor als erster überhaupt die Lager aus einer psychologischen Perspektive betrachtete, sondern er war auch einer der wenigen Überlebenden, die den »Verfall« der Humanität unter den Gefangenen beschrieb. Dabei verfolgte der 1905 in Wien geborene Neurologe nicht den Ansatz von kollektiver Schuldzuweisung - im Gegenteil. Schon kurz nach Kriegsende vertrat er die Ansicht, dass Versöhnung ein sinnvoller Ausweg aus den Katastrophen des Zweiten Weltkriegs ist.

Zur breitflächigen Veröffentlichung des Buches wäre es beinahe nicht gekommen, da Viktor Frankl sein Werk anonym und in kleiner Zahl herausbringen wollte. Erst einige Freunde überredeten ihn, »für seinen Inhalt mit meinem Namen einzustehen,« so ein berühmtes Zitat des Schriftstellers.

In den von Roman Kurtz vorgetragenen Auszügen erhielten die Zuhörer einen guten Einblick über den sehr sachlichen, relativ emotionslosen Schreibstil des Autors, der trotzdem eine Menge Gefühle auslöst. Sein damaliger Ansatz: »Ich möchte die vielen kleinen Qualen darstellen«. Dabei beschreibt Frankl die seelischen Reaktionen der Häftlinge und teilt diese in drei Phasen auf: Die Phase der Ankunft und Aufnahme ins Lager, das Alltagsleben dort sowie die Befreiung oder Entlassung. Die erste Phase ist dabei gekennzeichnet von einem »Aufnahmeschock«. »Das Herz stoppt, Auschwitz war ein Begriff, war der Inbegriff von undeutlichen aber dadurch nur umso schreckhafteren Vorstellungen von Gaskammer und Massentoten«, schreibt Frankl, dessen Buch mittlerweile über 12 Millionen mal verkauft wurde.

Auch erhielten die Zuschauer ein detailliertes Bild über das tägliche Leben und den damit einhergehenden Kampf ums Überleben. »Und nun war ich im Besitz des Gegenwertes von 12 Zigaretten. 12 Zigaretten bedeuteten auch 12 Suppen. Und 12 Suppen nur allzu häufig eine wirkliche Lebensrettung vor dem Hungertode - für beiläufig zwei Wochen«, zitierte Roman Kurtz. Und trotzdem sah der 1997 verstorbene Österreicher stets das Positive im Erlebten, was auch schon am Titel seines Werkes deutlich wird.

Weitere Infos unter www.holocaustliteratur.de.

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