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Tüftler mit tollen Ideen

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giloka_1710_Gruendermesse_4c © Klaus-Dieter Jung

Die Gründungsmesse Mittelhessen gewährt in den Gießener Hessenhallen wieder einige interessante Einblicke. Drei Aussteller erläutern hier beispielhaft ihre Ideen und Projekte.

Gießen. Das beliebte Netzwerktreffen der mittelhessischen Gründungs- und Startup-Gemeinschaft ist in die Hessenhallen zurückgekehrt - diesmal sogar etwas früher als beim letztjährigen Neustart. Deutlich ausgeweitet wurde zudem das Konzept der Gründungspatenschaften. Auch die »Messe in der Messe« durch das Projekt »Künstliche Intelligenz für Startups« war neu. Veranstalterin ist die Technologie- und Innovationszentrum Gießen GmbH (TIG). Der Anzeiger hat mit drei Ausstellern gesprochen.

»Wer ein gutes Leistungsprofil hat, hat eine riesige Chance«, berichtet der Wirtschaftsingenieur und ehemalige Vertriebsleiter bei Siemens, Peter Bauditz, am Stand der »Wirtschaftspaten«. Zuletzt war er als Unternehmensberater tätig. Die »Wirtschaftspaten« sind ein eingetragener Verein mit Sitz in Bruchköbel und betreuen auch die Region Mittelhessen. Ehemalige Unternehmer und Führungskräfte aus Industrie, Handel, Handwerk und Dienstleistungsbranchen im aktiven Ruhestand haben sich dort zusammengeschlossen. Sie streben unter anderem die »Förderung der Generationen« an und stärken die regionale Wirtschaft im internationalen Wettbewerb. Ein Ziel ist es, Schülern und Studierenden Wege in die Selbstständigkeit aufzuzeigen.

Den richtigen Markt finden

Darüber hinaus beraten die »Wirtschaftspaten« und leisten Hilfe zur Selbsthilfe, unter anderem bei der Existenzgründung. Experte Peter Bauditz zählt diejenigen Bereiche auf, die - auch in der heutigen Zeit - gute Chancen hätten, Fuß zu fassen: IT, Digitalisierung, Ingenieurwissenschaften und Handwerk. Es gelte, für die Interessenten eine Nische zu finden und rechtzeitig das Geschäftsmodell zu planen. »Markt gibt es immer, ich muss nur den richtigen finden«, lautet sein Credo. Anstatt ein Nagelstudio zu eröffnen, von denen bereits jede Menge existieren, rät er zum Beispiel, sich in der Gesundheitstherapie zu engagieren, etwa in der Gelenktherapie oder als Heilpraktiker.

»Förderprogramme sind nicht alles«, sagt Fabian Gödert, Geschäftsführer der Fisego GmbH und erfolgreich beim Hessischen Gründerpreis 2021 (Kategorie »Gründung aus der Hochschule«). Bislang habe er alle Ausgaben für sein Projekt selbst finanziert. Während der Messe versuchte er, die Besucher für das Thema Brandschutz zu Hause zu sensibilisieren. Der Feuerwehrmann aus Butzbach kam auf die Idee, ein Brandschutzsystem zu entwickeln, als es 2015 im Keller seines besten Freundes brannte. Mehrere defekte Elektrogeräte seien damals die Ursache gewesen. Daraufhin konstruierte er mit seiner Partnerin Sophia Reiter - beide studieren an der Technischen Hochschule Mittelhessen - das »weltweit erste Erkennungs- und Bekämpfungssystem von Bränden für elektrische Klein- und Großgeräte« (der Anzeiger berichtete mehrfach). Es erkennt Brände, alarmiert, schaltet sich automatisch ab und löscht. Die erste Anwendung findet das System in einer brandsicheren Mehrfachsteckdose. Und das hat seinen Grund: Über 50 Prozent der rund 200 000 jährlichen Brände in Deutschland stünden direkt oder indirekt mit Elektrizität in Verbindung. Neben vielen Toten und Verletzten würden dadurch Erinnerungen und Existenzen zerstört. »Außerdem gelangen jährlich über 20 Milliarden Kubikmeter hochgiftiger Stoffe in die Umwelt«. Die Mehrfachsteckdose bietet Warnungs- und Handlungshinweise per App bei Gefahr, überwacht den Leistungsverbrauch und hat eine Zeitschaltfunktion. Dank Künstlicher Intelligenz könne zusätzlich Strom gespart werden.

Ins Auge fiel ein Windrad im Eingangsbereich, das sich »EroWi« (Elektroroller-Windrad) nennt. Den Erfindern René und André Martschuweit ist es gelungen, neben dem Akku auch den Motor als zweite große Komponente eines Elektrorollers zu verwerten. In Elektrorollern ist der Motor meist im Hinterrad verbaut. Obwohl die Komponenten im Inneren des Motors sehr stabil sind, ist dieser aufgrund der Bauart starkem Verschleiß ausgesetzt. Flachstellen im Vollgummi-Reifen, Risse oder sonstige Beschädigungen, die sich auf den Fahrkomfort auswirken, betreffen somit gleich den ganzen Motor. Doch für das Windrad seien solche Beschädigungen nicht relevant. Der Antrieb könne, umfunktioniert zum Generator und angetrieben durch Wind, elektrische Energie bereitstellen.

Strom direkt ins Hausnetz einspeisen

Erfreulich ist ferner, dass das »EroWi« kompatibel zu Solaranlagen ist und es daher möglich wird, beide Techniken zu kombinieren. Natürlich könne der erzeugte Strom auch direkt in das Hausnetz eingespeist werden. »Der Roller kann so vom Verbraucher zum Energieerzeuger werden und aus schwer recycelbarem Elektromüll wird das umweltfreundlichste Windrad der Welt«, versprechen die beiden Tüftler.

Um den Akku eines Elektrorollers aufzuarbeiten, haben sie zudem einen vollautomatischen Zellentester und -sortierer (Zeteso) gebaut. Dieser testet die Kapazität der entnommenen Akkuzellen und stellt sie entsprechend für einen neuen Akkublock zusammen. Im Unterschied zu im Handel erhältlichen Kleinwindkraftanlagen könne das »EroWi« durch den verbauten Upcycling-Akku zur autarken Energieversorgung beitragen oder zum Beispiel als Ladestation für E-Bikes genutzt werden.

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Spannende Projekte: Ein Elektroroller-Windrad fällt sofort ins Auge. Dem Team von »Fisego« liegt wiederum der Brandschutz ganz besonders am Herzen. Fotos: Jung © Jung

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