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»Über 10 000 Essen ausgeliefert«

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Lutz Perkitny, Karin Herrmann, Anzeiger-Praktikant Mattis Schikora und Herbert Bär (von links) unterstützen Bewohner in der Nordstadt. © Scholz

Seit Beginn der Corona-Pandemie liefert Gutburgerlich kostenlose Essen an Bewohner der Nordtstadt in Gießen.

Gießen. Mittagszeit. Bei Uwe Lindner klingelt es: Vor der Tür steht Karin Herrmann. Auch heute bringt sie Essen - gekocht hat es das Team von Gutburgerlich. Seit Beginn der Corona-Pandemie versorgt das Restaurant Bewohner der Nordstadt täglich kostenlos mit warmen Speisen. »Mittlerweile haben wir über 10 000 Mahlzeiten ausgeliefert«, sagt Dominic Büttner von Gutburgerlich. Verteilt werden die Speisen von Freiwilligen vom Nordstadtverein. »Ich bekomme schon sehr lange Essen geliefert, fast seit Anfang der Pandemie. Ich bin leidenschaftlicher Uhrensammler und habe den Leuten von Gutburgerlich an Weihnachten eine Uhr als Dank geschenkt. Es ist sehr wichtig, dass sie auch positive Resonanz von den Empfängern bekommen«, betont Lindner.

Auf Messen gearbeitet

Nachdem er die Helfer hereingebeten hat, schreitet Lindner durch seinen schmalen Flur. Die Wände der Dreizimmer-Wohnung hängen voll mit massiven Uhren. Ticken schallt durch die Räume. Der Weg führt in die Küche und damit in das hellste Zimmer. Sehr aufgeräumt ist es um den Esstisch und die drei Stühle, als sich Hausherr und Gäste niederlassen. »Wegen Corona haben die Leute von Gutburgerlich teilweise auch nicht viel verdient. Dass sie trotzdem Essen für uns machen, ist bemerkenswert«, betont der Gießener. Er erzählt, dass er als Elektriker-Rohrschlosser auf Messen gearbeitet hat.

»Ich war 17 Jahre selbstständig. Aber als ich dann Probleme mit der Lunge und dem Kreuz bekommen habe, konnte ich leider nicht mehr arbeiten. Jetzt bin ich Rentner. Aber ich wollte nicht einfach rumsitzen und nur Geld vom Staat kriegen. Ich wollte einen Grund zum Leben haben.« Diesen Grund hat Lindner auch in der Werkstattkirche gefunden. Herrmann schaut auf die Uhr - sie muss aufbrechen: Es sind noch Essen zu verteilen.

»Ich fahre seit Beginn der Pandemie aus, weil ich es gern mache«, so die Gießenerin, die selbst aus der Nordstadt stammt. Ehrenamtlich engagiert sich die Rentnerin unter anderem auch bei der Stadt und der Arbeiterwohlfahrt. Sie fahre immer im Team mit Herbert Bär: »Das ist ein Supertyp, der auch für die ›Tafel‹ arbeitet. Wir verstehen uns gut.« Bär, ebenfalls von Anfang an dabei, hat auf einen Aufruf der Baptistengemeinde reagiert. »Darauf habe ich mich gemeldet und habe es bislang nicht bereut«, lacht er. Weiter geht die Tour. Nächste Station: Peter Kerpen.

Bärs Auto biegt in die sonnige Einfahrt ein. Das Team läuft auf das halb geöffnete Rollo zu. Dahinter steht ein auf die 80 Jahre zugehender Mann. Als 50 Quadratmeter große Wohnung mit einer geräumigen Küche, einem kleineren Schlafzimmer, einer Abstellkammer und einem Bad beschreibt der Rentner seinen Wohnraum. Während des Gesprächs kneift Peter Kerpen die Augen zu. An den abgedunkelten Raum gewöhnt, brennt die Sonne in seinen Augen. »Ich habe damals in Göttingen Geschichte und Germanistik auf Lehramt studiert«, erzählt der Gießener von seinem Leben. Als er aber nach Hessen kam, wollte ihm jedoch niemand eine Stelle anbieten. »Ich dachte mir: Wenn ihr mich nicht wollt, mache ich eben meine eigene Schule auf«, führt die ehemalige Lehrkraft aus. Im weiteren Verlauf erzählt Kerpen von seinem Interesse am Fach Geschichte, welches er später selbst an seiner Privatschule unterrichtete. »Das Geld reicht aus und ich bekomme ja auch noch eure Hilfe«, berichtet der Nordstädter von seiner aktuellen Situation. Doch die Zeit drängt. Mittlerweile steht der Zeiger bereits auf der Eins, vier Mahlzeiten sind noch im Styroporbehälter.

Gute Beziehungen mit den Nachbarn

Einer, der auf das Essen wartet, ist Raffaele Polizza. »Sagen wir mal so, man kann hier überleben«, erläutert der Nordstädter mit Blick auf seine finanziellen Mittel. Polizza, Urgestein des Flussstraßenviertels, kennt den Stadtteil. Die Beziehungen mit den Nachbarn seien gut. Kritisch sieht er dagegen die Situation in mancher Wohnung. »Wir mussten früher im Winter die Fenster mit Wolldecken oder Paketklebeband abdichten. Aber jetzt ist es bei mir besser.« Viele Häuser im Viertel seien aber nach wie vor nicht saniert oder isoliert, resümiert der Gießener.

»Wir haben als Gastronomen eine soziale Verantwortung. Wir leben mit und von den Leuten und möchten etwas für die Stadt tun«, erzählt Büttner. Entstanden sei die Idee als die »Tafel« zu Beginn der Pandemie schließen musste. »Wir werden das machen so lange die Essen gebraucht werden und so lange wir es können«, resümiert der Gastronom. »Es ist stark, dass Gutburgerlich das schon so lange macht«, freut sich Nordstadtmanager Lutz Perkitny über die Aktion. Zudem gebe es Überlegungen, das Essen als Mittagstisch ins Nordstadtzentrum zu verlegen, wenn Corona beherrschbar ist.

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