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Über Sprachlosigkeit sprechen

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V. l.: Vera Stelter, Dilek Güngör und Ekatherina Doulia im Gespräch über ihre Bücher und ihre Erfahrungen zum Thema Rassismus und Ausgrenzung. © Czernek

Anlässlich des Internationalen Tags gegen Rassismus hatten Stadtbibliothek, Büro für Integration und Literarisches Zentrum zur Buchvorstellung »Vater und ich« von und mit Dilek Güngör eingeladen.

Gießen (bcz). Anlässlich des Internationalen Tags gegen Rassismus hatten die Stadtbibliothek, das Büro für Integration und das Literarische Zentrum gemeinsam zur Buchvorstellung »Vater und ich« von und mit Dilek Güngör eingeladen. Moderiert wurde die Veranstaltung von Vera Stelter und Ekatherina Doulia, beide Mitarbeiterinnen des Büros für Integration.

Erste Schritte mit kleinen Geschichten

Güngör wurde 1972 in Schwäbisch Gemünd geboren und ist Tochter eines türkischen Arbeiters. Zum Schreiben kam sie eigentlich über Umwege, wie sie gestern berichtete. »Eigentlich wollte ich Dolmetscherin werden, doch dafür reichten meine Sprachkenntnisse nicht und Übersetzerin war mir zu langweilig«. Sie studierte Journalistik in Mainz und landete schließlich in Berlin bei der Berliner Zeitung. Ein Kollege ermutigte sie, Kolumnen zu schreiben. »Das waren zu Beginn ganz persönliche kleine Geschichten zwischen meinem Vater und mir.«

Mittlerweile sind daraus Geschichten über ganze Familie geworden und sie wurden den Büchern »Unter uns« und »Ganz schön deutsch« veröffentlicht. Seit 2007 schreibt sie Romane. Ihre Werke haben immer ihren persönlichen Kontext, so auch die beiden Werke »Vater und ich« (2021) und »Ich bin Özlem« (2019), über die am Montagabend im Hermann-Levi-Saal im Rathaus gesprochen wurde.

»Das ›Ich‹ in den beiden Geschichten ist sehr nah an mir dran, ist aber nicht gleichzusetzen mit mir«, erzählt sie. In diesem Punkt liegt auch der entscheidende Unterschied zum Journalismus, dort müsse man neutral berichten, die Verwendung des »ichs« sei in der Berichterstattung verpönt. In dem Roman »Vater und ich« beschreibt sie die Sprachlosigkeit zwischen der Protagonistin und ihren Vater, die irgendwann einmal über beide hereingebrochen ist, obwohl sich bei daran erinnern, dass es nicht immer so war.

»Diese Sprachlosigkeit wird auch zum Ende des Buchs nicht aufgelöst, beide können damit auf ihre Weise leben.« Güngör bleibt mit ihren Romanfiguren sehr nahe an ihrer eigenen Persönlichkeit und ihren eigene Erfahrungen dran. So gibt es viele Übereinstimmungen zwischen Ipek, die Hauptfigur in den Roman »Vater und ich« und der Autorin: Beide sind Journalistinnen und der Umgang mit Sprache gehört zu ihrem Handwerk. Güngör gehört aber nicht zu denjenigen Autorinnen, die Konflikte am Ende des Buches nicht unbedingt auflösen. »Die Gleichzeitigkeit der Widersprüche« gehören für sie dazu, denn auch in der Realität lassen sich nicht alle Widersprüche lösen, auch wenn man das gern hätte, erläutert sie.

»Und vielleicht sind Menschen mit Migrationshintergrund auch besonders gut darin, mit Widersprüchen zu leben, denn sie wachsen damit auf.« Sie hat Ausgrenzung erlebt und dies in ihren Romanen thematisiert. Allerdings tut sie sich schwer mit der Bezeichnung »Rassismus«. Langsam würde für diesen Bereich auch eine neue Sprache gefunden werden, da habe sich einiges verändert.

In der Zeit, in der sie aufgewachsen ist, sei »sich anpassen das oberste Ziel« für sie und ihre Familie gewesen. Erschreckt haben sie die Morde in Hanau. Da sei ihr klar geworden, dass »das anders sein« nie aufhöre, egal wie gut man spreche deutsch und welchen Pass man habe.

Im Roman »Ich bin Özlem« wollte sie den Prozess des Aufwachsens aus ihrer Sicht beschreiben, mit allen seinen Widersprüchen. »Die Welt ist nicht so einfach gestrickt, wie wir es gerne hätten.«

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