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»Legalize it« forderten bereits die Hippies in den 1960ern. Geht es nach der Ampel, wird der Cannabis-Konsum demnächst tatsächlich - und zum Leidwesen der Gießener Polizei - legalisiert. Die Einschätzung des Suchthilfezentrums Gießen fällt dagegen differenzierter aus. Symbolfoto: Fabian Sommer/dpa

Drogenkonsum

Überfällig oder unverantwortlich?

Das Suchthilfezentrum Gießen befürwortet die von der Ampel-Regierung angestrebte Legalisierung von Cannabis, macht aber Einschränkungen. Das Polizeipräsidium Mittelhessen ist strikt dagegen.

Gießen. Auch wenn hinter den Türen der Ampel-Koalitionäre bis zuletzt heftigst verhandelt und gerungen wurde: In einem Punkt waren sich SPD, Grüne und Liberale ganz schnell einig und erfüllten einen alten Wunsch des früheren grünen Kiez-Erststimmenkönigs Hans-Christian Ströbele. Der hatte schon vor 20 Jahren gefordert: »Gebt das Hanf frei!« Im Koalitionsvertrag liest sich das fast genauso forsch. »Wir führen die kontrollierte Abgabe von Cannabis (THC) an Erwachsene zu Genusszwecken in lizenzierten Geschäften ein», steht auf Seite 87.

Klar, für Politiker spricht vieles für eine Legalisierung der Kiffer-Droge. Es kostet nichts, hat enorme Symbolwirkung und gibt der Ampel ein progressives Image.

Aber ist die Legalisierung auch sinnvoll? Darüber hat der Anzeiger mit der Polizei und Mitarbeitern des Suchthilfezentrums Gießen gesprochen. Dessen Geschäftsführer, Dr. Bernd Hündersen, begrüßt den Schritt grundsätzlich, ist allerdings auch skeptisch, was die konkrete Umsetzung angeht. Wenn man das nicht sorgfältig vorbereite, könnten für die Gesellschaft ganz neue Probleme entstehen.

Generell sei eine Entkriminalisierung des Cannabis-Konsums sinnvoll und notwendig, vor allem aber »lange, lange überfällig«, weil mit der Cannabis-Prohibition keines der Ziele erreicht worden sei, die man sich einst vom Verbot dieser Droge versprochen habe.

Immer mehr »Gras«

Vor 15 Jahren noch seien überwiegend Opiate und Ecstasy die verbreiteten Drogen im Land gewesen, der Cannabis-Anteil habe bei 15 Prozent gelegen. Mittlerweile sei er auf 40 Prozent gestiegen. Weil das auf dem Schwarzmarkt angebotene »Gras« nicht nur immer höhere Konzentrationen des Wirkstoffs THC enthalte, sondern oft auch mit suchtfördernden chemischen Zusatzstoffen gestreckt werde, könnten immer mehr Menschen mit der Art und der Menge ihres Konsums nicht umgehen; das treibe die Menschen reihenweise in die Psychiatrie. Dabei sei Cannabis übrigens die einzige Droge mit einer klaren Geschlechter-Präferenz, sagt der Experte. Über 80 Prozent der Menschen, die wegen Missbrauchs die Hilfe der Suchtberatung suchten, seien Männer. Bei jeder anderen Droge sei das Geschlechterverhältnis ausgeglichener.

Das Ziel der Abschreckung durch Kriminalisierung sei eindeutig nicht erreicht worden, meint Hündersen. 50 Prozent der Insassen der JVA Gießen seien dort wegen Betäubungsmitteldelikten inhaftiert. Jeder Hafttag koste den Steuerzahler zwischen 100 und 130 Euro, und auf kalten Entzug dürfe man dort nicht hoffen: »Es ist kein Geheimnis, dass es in jedem Gefängnis eine gute Versorgung mit Drogen gibt.«

Bernd Hündersen plädiert aber auch dafür, THC legal nur in Form von nicht rauchbaren Produkten abzugeben, also als Sprays, Tabletten oder Ähnliches, da der Konsum von Joints bei regelmäßigem Konsum das beim Rauchen ohnehin vorhandene Lungenkrebsrisiko noch einmal um ein Vielfaches erhöhe. Darüber hinaus sollten legale Cannabis-Produkte maximal zehn Prozent THC enthalten. Bei einer höheren Konzentration des Rausch auslösenden Wirkstoffs steige sowohl bei regelmäßigem, als auch gelegentlichem Konsum das Risiko signifikant, eine Psychose zu entwickeln. Daher brauche es eine Qualitätskontrolle und da werde es schon schwierig. »Ich will nicht, dass man Cannabis im Supermarkt bekommt, aber ob die Apotheken den Verkauf übernehmen, ist doch eher fraglich. Wollen die diesen neuen Kundenkreis denn überhaupt haben?«

Gesellschaften, in denen ein Suchtmittel schon lange bekannt sei, könnten besser damit umgehen. In unserem Land seien das Alkohol und Tabak, obwohl auch letzterer jedes Jahr zu 100 000 Fällen von Lungenkrebs führe, aber eben (noch) nicht Cannabis.

Vor diesem Hintergrund hält Hündersen eine Freigabe von Cannabis schon zu Beginn des nächsten Jahres für praktisch ausgeschlossen. Die Freigabe müsse wenigstens ein halbes Jahr lang gut vorbereitet werden, unter anderem mit Aufklärungskampagnen über die Risiken und Nebenwirkungen des Stoffes. So könne eine Legalisierung der Droge zu ganz neuen arbeits- und verkehrsrechtlichen Problemen führen. Vielen Konsumenten sei nicht bewusst, dass Cannabis-Konsum die Fahrtüchtigkeit von Autofahrern weit länger einschränke als Alkohol. Bis zu sieben Tage sei die Fahrtüchtigkeit bereits nach wenigen Zügen an der »Tüte« eingeschränkt. Und noch länger sei der Stoff im Körper nachweisbar. Hündersen weiß von einem Fall, in dem noch 197 Tage nach dem letzten Joint der Stoff im Urin des Probanden nachgewiesen werden konnte. Eine Legalisierung der Droge befreie einen aber nicht von der Gefahr des Führerscheinentzugs und eventuellen Jobverlustes, warnt er.

Polizei warnt

Angesichts solcher Fakten hat der mittelhessische Polizeipräsident Bernd Paul eine klare Haltung: »Cannabis ist, ebenso wie Alkohol, ein Rauschgift. Durch die gestiegene THC-Konzentration bestehen erhebliche Risiken bis hin zur Psychose. Ich empfehle hier den Besuch einer Jugendpsychiatrie. Wir brauchen eine deutliche Ächtung von Rauschmitteln, keine gesetzgeberischen Weichmacher, die vorhandene Gefahren kleinreden. Cannabis war und bleibt eine Einstiegsdroge - hier ist äußerste Vorsicht angebracht«, sagt Paul auf Anfrage. Und fügt hinzu: »Die von interessierter Seite ins Gespräch gebrachten Einsparungen beim Personal und Justiz (durch eine Freigabe, Anmerkung der Redaktion ) teile ich nicht, das ist ein Versuch von Meinungsmache.«

Auch Bernd Hündersen sagt, dass man sich nicht der Illusion hingeben dürfe, dass durch eine Legalisierung der Schwarzmarkt ausgetrocknet würde. Cannabis behalte für Minderjährige den Reiz des Verbotenen und ein - wahrscheinlich kleiner - Teil der Konsumenten würde auch weiterhin nach höheren Dosierungen verlangen.

Ist eine Welt ohne Drogen möglich und wäre sie auch wünschenswert? »Das wäre vielleicht eine schöne Utopie«, sagt Hündersen, doch solch eine Welt ist wohl nicht realisierbar: »Die Menschen haben nun einmal die Neigung, kurzfristig potenten Trost zu erfahren«.

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