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Überflieger aus der Dinosaurierzeit

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Von: Hans Bahmer

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Charakteristisch für die Kamelhalsfliege ist ihre verlängerte Brust mit dem abgeflachten Kopf. Weibchen sind an der langen Legeröhre zu erkennen. Foto: Larve © Larve

Die Schwarzhalsige Kamelhalsfliege hat Jahrmillionen überlebt und ist auch in Gießen zu finden. Das merkwürdige Insekt wurde 1891 in Europa von Herman Albarda entdeckt.

Gießen. »Fliege mit Kamelhals« klingt nach einem Monster, das aus Frankensteins Horrorwerkstatt entwichen sein könnte. Trotz des merkwürdigen Namens trifft das aber nicht zu. Die Schwarzhalsige Kamelhalsfliege entstammt einer uralten Insektenordnung, an der die Evolution seit Jahrmillionen herumgebastelt hat. Zwar wurde das Insekt des Jahres 2022 erst 1891 in Europa von dem holländischen Entomologen Herman Albarda für die Wissenschaft entdeckt, gehört aber zu einer Gruppe von Kerbtieren, die sich bis zu Dinosaurierzeiten zurückverfolgen lässt.

250 Arten

Während die Donnerechsen nach einem Asteroideneinschlag von der Bildfläche verschwunden sind, haben die damals noch über den ganzen Globus verbreiteten Kamelhalsfliegen überlebt. Allerdings nur die an die Kälte adaptierten Arten. Sie treten heute nur noch auf der Nordhalbkugel auf. Weltweit handelt es sich um 250 Arten, von denen etwa zehn in Deutschland zu finden sind. Seiner Entdeckung gab der niederländische Insektenkundler den wissenschaftlichen Namen Venustoraphidia nicricollis, was man frei mit »Geschmückte Nadel mit dem schwarzen Kragen« übersetzen könnte. Der »schwarze Kragen« ist sicher ein gemeinsames Merkmal der Kamelhalsfliegen. Bei dem auffälligen Körperteil handelt es sich natürlich nicht um einen richtigen Hals, denn Insekten bestehen nur aus Kopf, Brust und Hinterleib. Vielmehr ist das verbindende Kennzeichen, das ein Drittel der Körperlänge ausmacht, ein besonders langes Brustsegment, an dem ein abgeplatteter Kopf mit zwei halbkugelförmigen Facettenaugen und zwei borstenartigen Fühlern sitzt.

Das Erscheinungsbild erinnert entfernt an eine Gottesanbeterin. Diese Kopfbrust zeichnet sich durch eine große Beweglichkeit aus und erleichtert dem tagaktiven Kamelhals eine erfolgreiche Jagd auf allerlei Kleininsekten, die er mit seinen beißenden Mundwerkzeugen zerlegt. Das System dient zusätzlich der Selbstverteidigung, wie der Fachliteratur zu entnehmen ist: »Das so gefangene Tier biegt seinen Kopf nach allen Richtungen, um sich durch Beißen aus seiner Zwangslage zu befreien.« Die »Nadel« im Namen geht wahrscheinlich auf die lange Legeröhre zurück, die beim Weibchen unter den in Ruhestellung dachförmig getragenen, reich geäderten, glasklaren vier Flügeln herausschaut. Mit ihrer Spitze ertastet das Weibchen geeignete Ritzen in der Baumrinde, in die es seine Eier legt. Natürlich nur, wenn es sich vorher gepaart hat. Beim Kennenlernen der Geschlechter setzt es schon einmal Bisse mit dem Oberkiefer. Verletzungen sollen dabei angeblich ausbleiben.

Nach einem Vorspiel von wenigen Stunden bis zu Tagen, bei dem man sich zunächst hauptsächlich mit den Fühlern befummelt, dann mit den Köpfen nickend gegenübersteht, kommt es schließlich zur Kopulation. Bei dem mit dem Hinterleib aneinandergekoppelten Paar befindet sich das Männchen in Rückenlage freischwebend in der Luft und kann so stundenlang vom Weibchen herumgeschleppt werden. Man sollte es dem Paar gönnen, denn es geschieht nur ein einziges Mal in seinem Leben.

Kannibalismus

Die Larven schlüpfen je nach Temperaturbedingungen nach 15 bis 20 Tagen aus den Eiern. Es kann ganze zwei Jahre dauern bis sich daraus über ein Puppenstadium die Kamelhalsfliegen entwickeln. Nach Brehm gelten die Larven als sehr gefräßig »und wie ihre Eltern dem Kannibalismus nicht abgeneigt«. Auf dem vielfältigen Speiseplan der Kamelhalsfliege und ihrer Larven stehen Insekten und Spinnentiere. Zur Beute zählen auch verschiedene Schadinsekten des Waldes, weshalb Kamelhalsfliegen als nützlich gelten. Sie selbst fallen Vögeln und Spinnen zum Opfer - und können von Pilzen und Schlupfwespen parasitiert werden. Obwohl tagaktiv, sind sie selten zu sehen. Sie halten sich bevorzugt im Kronenbereich der Bäume auf, fliegen nicht besonders gern und werden eher durch den Wind verdriftet. Im Botanischen Garten in Gießen ist das Insekt des Jahres übrigens auch schon nachgewiesen worden.

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