1. Startseite
  2. Stadt Gießen

Überraschungs-Coup mit Beethoven

Erstellt:

gikult_saisonstart_09092_4c
Neustart auf ungewohnter Bühne: Generalmusikdirektor Andreas Schüller und das Philharmonische Orchester Gießen in der Kongresshalle. Foto: Czernek © Czernek

Der neue Generalmusikdirektor des Gießener Philharmonischen Orchesters, Andreas Schüller, gibt einen Einstand in Gießen, wie er nicht schöner hätte sein können.

Gießen. Das Philharmonische Orchester Gießen lacht, spottet und jubiliert, gibt sich übermütig, scheint zu tänzeln, ist liebenswürdig, fleht und weint: Unter seinem neuen Generalmusikdirektor Andreas Schüller gingen die Musiker am Mittwochabend im ersten Sinfoniekonzert so richtig aus sich heraus und zeigten voller Spielfreude und in gezügelter Ausgelassenheit, was sie drauf haben.

Eine willkommene Gelegenheit dazu lieferten »Till Eulenspiegels lustige Streiche« von Richard Strauss, die wegen ihrer vielfach solistischen Anforderungen ein hellwaches, versiertes und virtuoses Musizieren erfordern. All das war an diesem Abend - nicht nur bei Strauss - auf beglückende Weise zu erleben. Das Publikum dankte mit überaus herzlichem Beifall und Bravorufen: Schöner hätte der Einstand für Andreas Schüller nicht sein können.

Wegen Umbauarbeiten im Stadttheater musste das Sinfoniekonzert zum Auftakt der Spielzeit in der Kongresshalle stattfinden. Doch dieser Umstand erwies sich bei den Werken des Abends keineswegs als Makel, denn durch die besondere Akustik der Halle, die manche als trocken bezeichnen, tritt jeder Ton klar, scharf und klangmächtig hervor.

Jeder Ton tritt klar hervor

So blühte die raffinierte, vielschichtige Komposition des Instrumentationsgenies Strauss, in der der Schelm Till Eulenspiegel von Streich zu Streich eilt, bis er auf dem Galgen sein Leben aushaucht, in der ausgefeilten Wiedergabe unter dem neuen Dirigenten in ihrer Farbigkeit, Klangpracht und all ihrem Detailreichtum auf. Mit jedem Atemzug war zu spüren, welch inniges Verhältnis er zu seinem Orchester in der Kürze der Zeit aufgebaut, welch blindes Verstehen sich zwischen ihm und den Ausführenden bereits eingespielt hat. Schüller dirigierte pointiert, setzte starke Akzente und schien immer wie auf dem Sprung zu sein, um aus seinen Musikern jede Nuance und auch noch das Letztmögliche herauszukitzeln.

Mit dem 1947 entstandenen »Furioso für großes Orchester« von Rolf Liebermann hatte der Abend spektakulär begonnen: In diesem knackig-lauten, von lebhaften Kontrasten geprägten Stück fühlte man sich gleich zu Beginn in einen spannenden Thriller versetzt, in dem sich die Ereignisse rasant überschlagen. Hier bot das Orchester eine ausgesprochen dynamische Version, in der neben den schroffen Akzenten zu Beginn aber auch die zarten, romantischen Regungen zum Vorschein kamen.

Und schließlich Beethoven! Die Sinfonie Nr. 1 C-Dur mit ihrer jugendlichen Frische und Lebendigkeit entpuppte sich als die große Überraschung des Abends. Der 29-jährige Komponist hatte sich mit seiner Sinfonie, die er spannungsvoll mit einem dissonanten Akkord beginnen ließ, selbstbewusst zu Wort gemeldet: Obwohl im Tonfall noch von Mozart und Haydn geprägt, behauptete er vom ersten Takt an Anspruch auf Originalität, denn ein solcher Einstieg, wie er ihn hören ließ, muss in zeitgenössischen Ohren geradezu revolutionär geklungen haben. Und auch im weiteren Verlauf des Werks zeichnen sich unter der vermeintlich konventionellen Oberfläche immer wieder jene Entwicklungen ab, die die Gattung Sinfonie revolutionierten und Beethoven zu ihrem Star werden ließen.

Streicher spielen im Stehen

Inzwischen kennt jeder Konzertbesucher »seinen« Beethoven in- und auswendig. Da erscheint es schon wie ein kleines Wunder, wenn ein Dirigent wie Andreas Schüller einen Beethoven erklingen lässt, den man so noch nicht gehört hat. In der Kongresshalle ließ er die Streicher im Stehen spielen, um eine noch intensivere Konzertatmosphäre zu schaffen. Ferner sorgten die Naturhörner für einen wärmeren Klang. Derart gerüstet begab sich das Philharmonische Orchester unter seinem präzisen und im Fordern nie nachlassenden Dirigat auf eine Entdeckungsreise zu Beethoven, die das verblüffte Publikum ganz in den Bann schlug. Ebenso straff wie einfühlsam musizierend, schuf das Orchester ein luftig-leichtes, transparentes Klangbild, und besonders im Andante cantabile con moto des zweiten Satzes trat die Musik in fast kammermusikalischer Reinheit und Klarheit hervor. Andreas Schüller ließ die Zuhörer regelrecht dabei zuschauen, wie Beethoven seine Musik zusammengefügt hat.

Nach dem begeisternden Schlussapplaus gab es Blumen von der neuen Intendantin Simone Sterr für den Dirigenten - und der dankte mit einer schmissigen Zugabe: der Ouvertüre zu »Figaros Hochzeit« von Mozart. Fazit: Gießen kann sich glücklich schätzen, Andreas Schüller als Generalmusikdirektor gewonnen zu haben. Auf weitere Wieder- und Neuentdeckungen unter seiner Stabführung darf man nach diesem ersten Sinfoniekonzert gespannt sein.

Auch interessant