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Überzeugend auf den Punkt

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Widmete sich Beethoven und Berlioz: Pianistin Nadia Singer im Levi-Saal. Foto: Schultz © Schultz

Gießen. Nadia Singer ist in Gießen wohlbekannt. Die aus ihrer Zusammenarbeit mit dem Rezitator Lutz Görner bestens eingeführte junge Pianistin präsentierte nun ein Soloprogramm. Am Sonntag rauschte dabei ein gewaltiger Wind durch den Hermann-Levi-Saal, mancher kam dabei ein wenig außer Atem. Es war ein Erlebnis der besonderen Art.

Singer, Rachmaninow-Preisträgerin von 2013, wurde vor 30 Jahren im russischen Rostow am Don geboren. Ihre Mutter ist Konzertpianistin, der Vater Dirigent in einem Volksensemble. Mit vier Jahren begann sie Klavier zu spielen, und nach dem Konzertexamen in Rostow studiert sie nun in Weimar. Die gemeinsamen Auftritte mit Lutz Görner machte sie stets zu etwas musikalisch Besonderem. Zudem spielte sie die Musik für 13 Programme mit dem Rezitator auf CD ein.

Die auftrittsfreie Zeit der Pandemie nutzte sie dazu, für ein besonderes Projekt zu studieren. Sie wollte zwei Sinfonien auf dem Klavier musizieren: Beethovens Nr. 7 sowie die »Symphonie fantastique« von Hector Berlioz, beide in der Klavierfassung von Franz Liszt. Eine gewaltige Aufgabe.

In Gießen erhält Singer schon zu Beginn viel freundlichen Applaus. In ihrer Moderation erklärt sie, dass die Musik des Abends aus einer Art Zeitenwende stamme, dem Ende der Wiener Klassik und dem Beginn der Romantik. Sie falle aus dem üblichen Rahmen, »es dominiert das Rhythmische. Eine Urgewalt scheint entfesselt.« Singer stellte das Werk mittels einiger Aussagen von Wagner und Liszt in den historischen Zusammenhang, letzterer schuf unter anderem Klavierfassungen sämtlicher Beethoven-Sinfonien.

Nun also Beethovens Sinfonie Nr. 7 op. 92 in A-Dur, entstanden 1812. Singer startet den ersten Satz mit verhaltener Energie im Anschlag und schafft eine kraftvolle Dynamik. Die spielerischen Elemente realisiert sie blutvoll, man spürt, dass sie bei aller Konzentration die Musik genießt. Im Allegretto realisiert sie den sanfteren Duktus wunderschön und präzise, sie hat sich ganz hineingefunden. Auch hier kommt bald der Anstieg zum großen Klang und zur ebensolchen Geste.

In den folgenden Sätzen zeigt sich: Nadia Singer ist der furiosen Komposition in jeder Hinsicht gewachsen, sie zeigt einen sicheren Sinn für Dramaturgie und Spannungseffekte, zwischendrin baut sie kleine Unter-Spannungsbögen auf. Nach und nach erschließt sie die enorme Vielfalt des Werks. So präsentiert sich die Pianistin mit einer Synthese aus technischer Vielfalt und kraftvoller emotionaler Energie; langer Beifall vor der Pause.

Weiter geht es mit Berlioz und seiner »Sinfonie fantastique« op. 14, einem Kontrastprogramm, laut Singer einem »Werk mit weitreichender Bedeutung.« Ungewöhnlich: Der Komponist erzählte in den fünf Sätzen des Werks erstmals eine richtige Geschichte. »Es ist eine Oper ohne Sänger,« sagt die Pianistin, »eine Episode aus dem Leben eines Künstlers«.

Los geht es mit »Träumereien und Leidenschaften.« Singer beginnt sanft, nachdenklich. Später wird es heftiger, aufregend, und das Medium Traum wird fast greifbar realisiert - so kennt man das aus unruhigen Nächten. Singer schafft in den folgenden Sätzen ein Glanzlicht nach dem anderen. Den »Ballabend« mit seinen Walzertakten weitet sie zur großen Form auf. Und fast überrascht bemerkt man, wie liebevoll Singer sich diesen fragilen Strukturen widmet, große Dynamikspreizungen anlegt und überragend schließt.

In den abschließenden »Hexensabbat«, als »großes Finale« angekündigt, bringt sie eine tolle Theatralik ein und lässt die Facetten der Komposition famos aufleuchten. Maximales Drama, heiteres Wieseln oder unheilvolles Aufwallen - Nadia Singer bringt alles überzeugend auf den Punkt.

Das Publikum bedankt sich überschwänglich und erhält als Zugabe eine leicht angejazzte »eigene Klavierfassung« von Brahms‹ »Wiegenlied«.

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