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»Übung ist das A und O«

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Nur wer eine Sprache regelmäßig benutzt, kann auch Fortschritte erzielen: Adel und Ulrike Giers bilden ein »Tandem«. Einmal wöchentlich lesen sie Texte und tauschen sich über Alltagssituationen aus. © Lemper

Beim »Sprachpatenprojekt« in Gießen lernen ausländische und deutsche Partner miteinander und voneinander. Es geht darum, die Sprachpraxis zu trainieren. Der Bedarf an Mitstreitern wächst.

Gießen . Das Lesen klappt schon ganz passabel. Wort für Wort tastet sich Adel vor und lässt dabei seinen Kugelschreiber über die Seite wandern, um sich in der fremden deutschen Sprache noch besser orientieren zu können. Zwar gerät er immer mal wieder ins Stocken, doch dann hilft ihm Ulrike Giers sofort weiter. »Sie ist sehr freundlich und wiederholt alles, bis ich es verstehe. Ich mag ihre Geduld, das gefällt mir besonders gut«, schwärmt der 49-Jährige. Seit Anfang des Jahres bilden die Rentnerin und der Iraner ein »Tandem« beim 2021 entstandenen »Sprachpatenprojekt« der Vereine »Forum Alter und Jugend« und »an.ge.kommen«. Hier geht es primär darum, die Sprachpraxis zu trainieren. Daran hat es nämlich zuletzt wegen Corona arg gemangelt, weil die Gelegenheiten zum persönlichen Austausch schlicht nicht oder kaum vorhanden waren.

Für Sprachkurse existieren in Gießen durchaus einige Anlaufstellen. Wer eine Sprache schnell verinnerlichen und sicher beherrschen möchte, muss sie aber natürlich regelmäßig benutzen. Nicht umsonst ist häufig vom »Schlüssel zu einer gelingenden Integration« die Rede. Ein entsprechendes Zusatzangebot zu machen, war daher auch die Überlegung von Gisela Cordes. »Auslöser war meine private Beziehung zu der aus Uganda eingereisten Ehefrau meines Patensohnes, der in Hagen lebt. Ich habe täglich mit ihr per Zoom Deutsch gesprochen, und das hatte so guten Erfolg, dass sich daraus die Idee für die ›Sprachpaten‹ entwickelt hat«, erzählt die Beisitzerin im Vorstand des »Forum Alter und Jugend« gegenüber dem Anzeiger. Und da es in dem gemeinnützigen Verein viele Menschen gibt, die den Wunsch haben, sich ehrenamtlich zu engagieren oder das in Grundschulen und Kitas bereits seit Langem tun, konnte sie rasch weitere Mitstreiter dafür gewinnen. »Auch die Bereitschaft, über den eigenen Tellerrand zu blicken und andere Kulturen kennenzulernen, spielte eine Rolle.«

Mit im Boot ist ebenfalls Wolfgang Müller von »an.ge.kommen«, der dort schon vorher Sprachunterricht für Nichtdeutsche erteilt hatte. Inzwischen arbeiten 15 »Tandems« digital und analog miteinander, vier bis fünf neue Teams finden gerade zusammen. »Doch der Bedarf für weitere ›Sprachpaten‹ ist groß, denn wir haben einen ziemlichen Andrang«, berichtet Gisela Cordes. Spezielle Voraussetzungen seien nicht erforderlich - von der Zuverlässigkeit und dem Spaß am gemeinsamen Lernen einmal abgesehen. Zudem sei es »der Sensibilität und dem Einfallsreichtum« der deutschen »Paten« überlassen, wie sie ihre Begegnungen gestalten und wie stark sie sprachlich korrigierend eingreifen. Vorgaben zu Inhalten, Methoden und Treffpunkten - in Corona-Zeiten seien Spaziergänge in der Wieseckaue sehr beliebt geworden - werden nicht gemacht.

Ehrgeiz, sich zu verbessern

Die jeweiligen Partner kommen aus verschiedenen Ländern, in erster Linie der Türkei, dem Iran, Syrien und der Ukraine. »Sie sollten gewisse Grundkenntnisse mitbringen, damit eine Verständigung überhaupt möglich ist. Eine gemeinsame Fremdsprache ist hilfreich, aber nicht Bedingung«, erklärt die Projektleiterin. Vom Niveau her bewegten sie sich im Schnitt auf dem Level B1 bis B2. Entscheidend sei vor allem der Ehrgeiz, sich wirklich verbessern zu wollen. Erste Fortschritte hat auch Adel mittlerweile erzielt. Zwei Stunden pro Woche trifft er sich mit Ulrike Giers in der Johannesgemeinde, lernt anhand von Arbeitsbüchern Grammatik, liest vor, beantwortet ihre Fragen zum Text oder unterhält sich über Situationen aus dem Alltag und gesellschaftliche Themen. Wenn er ein Wort nicht kennt, wird das Handy gezückt und im Internet nachgeschaut. Sobald es wärmer wird, sind noch gemeinsame Unternehmungen geplant. »Adel versteht schon ganz gut Deutsch. Fürs Sprechen hat ihm allerdings aufgrund der Beschränkungen in der Pandemie die Übung gefehlt - die ist das A und O«, weiß die Seniorin, die zuvor schon zwei junge Afghaninnen auf ihrem Weg zur Mittleren Reife und zur Ausbildung als Erziehungsassistentin begleitet hat. Nun möchte sie ihren Beitrag dazu leisten, dass der 49-Jährige in Deutschland richtig ankommt und perspektivisch vielleicht wieder in seinem Beruf arbeiten kann. Im Iran war er knapp 18 Jahre im kaufmännischen Bereich tätig, leitete die Verkaufsabteilung eines großen Unternehmens in der Baubranche. Darüber hinaus hat er sich musikalisch und künstlerisch betätigt.

Da er und seine Frau Zohre der christlichen Minderheit angehören, wurde es indes zunehmend gefährlicher, dauerhaft in dem islamischen Staat zu leben. Um ihre in der Heimat verbliebenen Verwandten zu schützen, möchten sie daher auch nicht ihre vollständigen Namen in der Zeitung nennen. »Stellen Sie sich vor, jemand steht über Ihnen und sieht mit einer Lupe in Ihren Kopf hinein. Sie werden immer beobachtet. Das geistliche Oberhaupt diktiert, was Sie denken, was Sie tun und an welchen Gott Sie glauben dürfen. Wer sich nicht an die Ideologie der Regierenden anpasst, wird als Feind betrachtet«, schildert Adel.

»Wir mussten alles hinter uns lassen«

Widerstand werde vielfach mit dem Leben bezahlt. »Wir haben Jahre gekämpft, aber jede Kraft findet irgendwann ein Ende. Es ging ums Überleben und plötzlich mussten wir alles hinter uns lassen - Familie, Freunde, alles, was wir uns aufgebaut hatten und was uns wichtig war.« Umso dankbarer sei er, von vielen herzlichen Menschen »mit offenen Armen und Nächstenliebe« aufgenommen worden zu sein sowie Frieden, Freiheit und Sicherheit wiedererlangt zu haben. Beide bringen sich deshalb gerne in die Gemeindeaktivitäten ein, bei Veranstaltungen ebenso wie bei Spendenaktionen und Gottesdiensten. Zohre, die berufliche Erfahrungen als Schriftstellerin für Kinderliteratur und als Journalistin gesammelt hat, übersetzt sogar die sonntäglichen Predigten in der Johanneskirche für ihre Landsleute ins Persische und unterstützt auch sonst beim Dolmetschen, wann immer es nötig ist.

Diese Tätigkeiten sind selbstredend ungemein wertvoll, um Kontakte zu knüpfen, Freundschaften aufzubauen, zu kommunizieren und so die Sprachkenntnisse zu intensivieren. »Aber nicht nur die ausländischen Partner profitieren davon, sondern auch die Deutschen«, betont Gisela Cordes, »denn neben der menschlichen Begegnung erfahren sie ganz viel über eine fremde Kultur, Denkweise und Lebensart«.

Kontakt für Interessierte: Gisela Cordes (Telefon: 0641/4955875 oder 0152/24325779, E-Mail: fuchs6944@gmail.com), Wolfgang Müller (Telefon: 0641/54082 oder 0179/4307464, E-Mail: wolfgangmueller@posteo.de.

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