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Ukrainisch contra Russisch?

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Hier geht es zur Flüchtlingsunterkunft: Viele Wege sind derzeit auch auf Ukrainisch ausgeschildert, nicht aber auf Russisch. Für die russischsprachigen Ukrainer sei das kein Problem, sagt Monika Wingender. Symbolfoto: dpa/Michael Buholzer © Red

Staatssprache ist Ukrainisch, aber große Teile der Bevölkerung in der Ukraine sprechen Russisch. Sprachwissenschaftlerin Monika Wingender erläutert im Interview die Sprachsituation in dem Land.

Gießen. Prof. Monika Wingender ist Sprachwissenschaftlerin am Institut für Slavistik an der Justus-Liebig-Universität. Im Interview erläutert sie die Bedeutung der ukrainischen Sprache in Bezug auf den Krieg im Land und die Bezüge zur früheren Sowjetunion.

Wie ist denn die reale Lage in der Ukraine selbst, was die Sprachen angeht? Inwiefern gibt es Konflikte und Probleme für russischsprachige Menschen im Land?

Ukrainisch ist einzige Staatssprache. Das Problem an der Sprachsituation in der Ukraine ist: Ich kann sie nicht in einem Satz zusammenfassen. Wir müssen ganz klar nach Regionalität, Urbanisierung und Generationen unterscheiden. Im Westen dominiert Ukrainisch sehr, im Osten gibt es natürlich die Dominanz des Russischen. Jetzt kommt das große Aber: Es gibt die große Gruppe der Bilingualen. Die sind jedoch in unterschiedlichem Maße bilingual. Bei einem Teil dominiert das Ukrainische und bei anderen das Russische. Wenn Sie das alles so zusammenzählen, kommen wir wahrscheinlich auf halb-halb der Verteilung Ukrainisch und Russisch, aber mit deutlich wachsender Tendenz zum Ukrainischen.

Wo sind die russischsprachig dominierten Regionen anzusiedeln?

In den großen Städten ist Russisch recht weit verbreitet und natürlich im Osten. Da habe ich immer mal wieder Berichte gelesen, dass Menschen sich beschweren, weil die Verkäuferin im Supermarkt Ukrainisch redet und nicht Russisch. Das sind eher harmlose Beschwerden, es gab nie drastischere Auseinandersetzungen oder schlimmere Konflikte auf dieser Sprachebene.

Versteht ein rein ukrainisch sprechender Mensch Russisch und andersherum?

Der Unterschied wird oft mit dem zwischen Deutsch und Niederländisch verglichen. Das Problem ist, dass die germanischen Dialekte und Sprachen vom Abstand her deutlich weiter auseinander sind. Die slawischen Sprachen insgesamt sind viel enger verwandt. Das betrifft auch das Verhältnis vom Russischen zum Serbokroatischen oder zum Polnischen. Der Verwandtschaftsgrad ist insgesamt höher. Aber jemand außerhalb der Ukraine, der kein Ukrainisch gelernt hat und nur Russisch kann, kann Ukrainisch eigentlich nicht verstehen oder gebrauchen. Da verstehen sie einzelne Worte, aber als Kommunikation ist das nicht möglich und umgekehrt genauso.

Viele Schilder sind ja derzeit rein auf Ukrainisch. Dann verstehen doch die russischsprachigen Flüchtlinge diese Information nicht?

Doch, doch, die aus der Ukraine schon. Zum Verständnis der Sprachsituation müssen wir einmal in die Sowjetunion schauen, anders geht es nicht. In der Sowjetunion war Russisch tatsächlich die Lingua Franca, sie durfte nur aus ideologischen Gründen nicht Staatssprache sein. Bekannt sind ja die Aussprüche Lenins, dass alle Völker und Sprachen Russlands gleich seien. Russisch war aber de facto Lingua Franca und wurde entsprechend in der Sowjetunion gefördert. Offiziell gab es ein bilinguales Modell für alle 15 Republiken, also Nationalsprache plus Russisch. In unserem Fall hätte das bedeutet Ukrainisch plus Russisch. Das Problem war aber, dass nur die Ukrainer zweisprachig waren, wohingegen die Russen in der Regel, und das betrifft alle Republiken, monolingual geblieben sind. Sie haben die nicht-russischen Nationalsprachen nicht gelernt.

War das nicht ein Problem, als die Sowjetunion 1991 zerbrach?

Absolut richtig. Da haben sich alle Nachfolgestaaten für souverän erklärt und alle haben ihre Titularsprache zur Staatssprache erklärt. Plötzlich gab es dann wirkliche Probleme, ob in der Ukraine, in Belarus oder in Kasachstan. Weniger für den nicht-russischen Teil der Bevölkerung, der ja zweisprachig war und entsprechend mit der neuen Sprachsituation umgehen konnte. Aber die monolinguale russischsprachige Bevölkerung hat diese neue Staatssprache in der Regel nicht beherrscht. Und das hat große Probleme in allen Nachfolgestaaten gegeben.

Wie hat sich das denn in der Ukraine weiterentwickelt?

Die mangelnde Beherrschung der ukrainischen Staatssprache ist der Grund, warum so eine starke Ukrainisierungspolitik betrieben wurde. Das muss man verstehen: Der Staat wird souverän, Staat und Staatssprache hängen sehr eng aneinander, gerade bei den Slawen ist die Verbindung sehr eng. Und natürlich musste die Ukraine eine Motivation schaffen, damit die Menschen Ukrainisch lernen. Wie schafft man das? Über das Schulsystem! Mit der jungen Generation ist es recht einfach, sie durchläuft von der ersten Klasse an das ukrainischsprachige Schulsystem. Für die ältere Generation war das ein Problem. Sie können sich sicher vorstellen, dass viele Ältere gar nicht mehr gewillt waren, Ukrainisch zu lernen, und das hat natürlich zu Beschwerden geführt. Daher rühren auch negative Einstellungen zur Sprachsituation in der Ukraine.

Warum gab es denn trotzdem immer wieder Diskussionen um Ukrainisch und Russisch in der Ukraine?

Mit jedem ukrainischen Präsidenten wurde die Sprachenpolitik geändert. Die schwankt zwischen Russifizierung und Ukrainisierung. Poroschenko war beispielsweise ein sehr pro-ukrainischer Präsident, er hat seinen Wahlkampf intensiv an die ukrainische Sprache gehängt und die Sprachpolitik entsprechend forciert. Selenskyj war einer der wenigen Präsidenten, die gegenüber der Sprachenfrage indifferent gewesen sind. Er hat immer gesagt, dass die Sprache nicht zum dominanten Gegenstand werden dürfe und auch nicht zum Zerwürfnis führen dürfe. Durch den Krieg hat sich sein Verhältnis zur ukrainischen Sprache und Kultur sehr intensiviert. Diese Ambivalenz in der Sprachenpolitik der Ukraine politisiert die Sprachsituation natürlich ungemein. Das nutzt Putin für seine Propaganda.

Foto: M. Szych / JLU Slavistik

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Monika Wingender © Red

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