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Um 15 Uhr ist der »Spuk« vorbei

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Freie Fahrt für Radler: Am Samstag wurde auch der geplante Verkehrsversuch auf dem Anlagenring simuliert. © Schäfer

Beim Verkehrswende-Aktionstag rund um den Anlagenring in Gießen gab es zwar ein paar Staus, aber auch größtenteils »vernünftige« Autofahrer - und offenbar Sabotage im Vorfeld

Gießen . Fast hätte der bislang größte Aktionstag der Verkehrswende-Initiativen im Raum Gießen ohne denjenigen durchgezogen werden müssen, der ihn initiiert und beim Ordnungsamt angemeldet hatte. Denn Politaktivist Jörg Bergstedt aus der Projektwerkstatt Saasen hatte am frühen Samstagmorgen auf dem Weg nach Gießen mit seinem Lasten-E-Bike einen - nach eigener Aussage durch Dritte absichtlich herbeigeführten - Unfall. Was war passiert? »Jemand hat in der Nacht zuvor an dem Fahrrad Sabotage betrieben, so dass ich damit verunglückt bin.« Verletzt wurde er nicht, sein Rad konnte er notdürftig reparieren - musste allerdings ohne intakten Antriebsmotor weiterradeln. Es sei nicht das erste Mal, dass die Aktivisten sabotiert worden seien, sagte Bergstedt.

Verkehrsversuch simuliert

Bei dem Aktionstag am Samstag sollte auch der von der Stadt im Frühjahr nächsten Jahres voraussichtlich beginnende Verkehrsversuch auf dem Anlagenring als Lackmustest vorab simuliert werden. Für den motorisierten Verkehr waren bereits ab 9 Uhr die inneren Fahrspuren des Anlagenringes gesperrt - Ausnahmen gab es nur für Elektrofahrräder und -roller.

Die Autos fuhren im Einbahnstraßenverkehr ausschließlich auf den Fahrspuren des Ringes. Etliche querende Straßen, wie der Asterweg, waren stadtauswärts bis zum Ring abgeriegelt. Drei Dutzend Ordnungspolizisten regelten auf den Kreuzungen den Verkehr. Der stellvertretende Ordnungsamtsleiter Dirk Drebes war mit weiteren Kräften jenseits der Straßen im Einsatz. »Im Großen und Ganzen sind die Autofahrer vernünftig, wenngleich es sich hier und da gestaut hat«, fasste er es zusammen.

Den Strom für die Anzeigetafeln in der Südanlage, die den Belegungsgrad der Parkplätze in der Johannesstraße anzeigen, hätte man sich an dem Tag sparen können. In der Johannesstraße mussten die Autofahrer teils lange Wartezeiten in Kauf nehmen. Nicht etwa, um einen der Parkplätze zu ergattern, sondern um überhaupt aus dieser völlig verstopften Straße über die Neue Bäue wieder hinaus zu gelangen. Der eine oder andere probierte es dann über den Marktplatz, um in Richtung Neustädter Tor zu kommen.

Auch Bürgermeister Alexander Wright (Grüne) war mit seiner Familie vor Ort und bekam so mit, wie Passanten dies verhindern wollten. »Die erste Autofahrerin erzählte mir, ihr Navi habe ihr den Weg zum Neustädter so gewiesen.« Sie sei einsichtig gewesen und umgekehrt. Der nächste Autofahrer schien renitenter gewesen zu sein. Folgender Dialog habe sich entwickelt: »Wieso darf ich hier nicht weiterfahren?« »Da steht ein Durchfahrt-Verbotsschild.« »Wer sagt mir das?« »Der oberste Ordnungschef der Stadt.« »Der kann mich mal.« Danach habe der Autofahrer Gas gegeben und sei einfach weitergefahren.

Wie wirkte sich der Aktionstag auf die Besucherzahlen im Seltersweg aus? Seinem Empfinden nach habe die veränderte Verkehrsführung nicht zu erkennbar weniger Einkaufskunden in der Innenstadt geführt, sagte Wright und schob zugleich nach: »Ich kenne allerdings nicht die tatsächlichen Umsatzzahlen.«

Schon am Samstagvormittag gab es etliche Sternfahrten aus der näheren und weiteren Umgebung zum Geschehen. Rund 250 Personen, darunter sehr viele Kinder, starteten mit der Initiative »Kidical Mass« vom Bahnhofsvorplatz aus durch die Straßen der Stadt. Vor dem Start wurde mehr Schutz für radfahrende Kinder und Tempo 30 auf allen innerstädtischen Straßen gefordert. Dagegen schien unter den Studenten beim Engagement für eine Verkehrswende noch Nachholbedarf zu bestehen. Lediglich gut vier Dutzend Kommilitonen hatte Anführer Finn Becker vom Kugelberg und der Rathenaustraße aus im Schlepptau.

»Mehr als nur PR-Schau«

Der Aktionstag fand am ersten Wochenende des »Stadtradelns« statt, welches in diesem Jahr nach den Vorstellungen der Verkehrswende-Initiativen »mehr sein soll, als nur eine PR-Schau fürs Radeln, sondern auch eine klare Ansage, dass sich die Verhältnisse für das Fahrradfahren schnell und deutlich verbessern müssen.«

Zahlreiche Info- und Aktionsstände empfingen die Radler beim Straßenfest rings um den Anlagenring. Musik gab es sowohl vom Band als auch live. Praktische Hilfe etwa beim Fahrradcodieren oder Ketten ölen gab es bei den Ständen vom ADFC sowie dem »ALLrad«-Lastenradverleih.

Jacqueline Krause von der Initiative »Suffizienz leben macht Freude« propagierte am Stand: »Nutze was du hast, selber machen, tauschen, leihen, gebraucht kaufen!« Als »Narcotic Anonymus« stellte sich eine Selbsthilfegruppe für Abhängige von illegalen Drogen vor. Am Selterstor lief der Filmbeitrag »Verkehrswende Gießen - wie soll es gehen« und wurde eine Ausstellung zur Verkehrswende gezeigt. Auch die Grünflächen wurden für Aktionen genutzt, etwa für Yogaübungen. Skater konnten an einer in diesen Stunden verwaisten Bushaltestelle ihrem Hobby frönen.

Um 15 Uhr dann war der »Spuk« für die Autofahrer vorbei, alle Spuren des Anlagenringes gehörten wieder ihnen. Zumindest bis zum Verkehrsversuch im nächsten Frühjahr.

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Gesprühte Forderung von »Scid« und »Harti«. © Schäfer

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