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Umjubelter Tschaikowsky

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Von: Thomas Schmitz-Albohn

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Jernej Oberžan entlockt der Tuba die virtuosesten Töne. Foto: Stadttheater/Daniel Regel © Stadttheater/Daniel Regel

Das Beste kommt bekanntlich am Schluss. So war es auch am Donnerstag im Sinfoniekonzert im Stadttheater, wo Peter Tschaikowskys Sinfonie Nr. 5 e-Moll als Hauptwerk des Abends erklang.

Gießen . Das Beste kommt bekanntlich am Schluss. So war es auch am Donnerstag im Sinfoniekonzert im Stadttheater, wo Peter Tschaikowskys klangmächtige und aus dunklen Tiefen kommende Sinfonie Nr. 5 e-Moll als Hauptwerk des Abends erklang. Unter dem straffen und im Fordern niemals nachlassenden Dirigat des neuen Generalmusikdirektors Andreas Schüller machten die Zuhörer im vollbesetzten Haus mit einem forschen und sehr dynamischen Tschaikowsky Bekanntschaft, den das Philharmonische Orchester Gießen in klarer Transparenz mit Schwung und Esprit und darbot.

Ausgeklügelte Balance

Es knisterte vor Spannung, und wie schon im ersten Sinfoniekonzert mit Beethoven war auch diesmal recht deutlich zu spüren, in welch großem Einverständnis hier miteinander musiziert wurde. Alles war wunderbar im Fluss und wirkte in ausgeklügelter Balance zwischen Leidenschaft, Dramatik und Formwillen wie aus einem Guss.

Und wie dieser Tschaikowsky zündete! Kaum war der letzte Ton verklungen, brach der Jubel aus, der mit lauten Zurufen und immer wieder aufbrausendem Beifall minutenlang durchs Große Haus wogte.

Vom düsteren Klarinettenmotiv und schattenhaften Streicherakkorden zu Beginn, in denen sich bereits das Schicksalsthema herauskristallisierte, bis zum triumphalen Finale, in dem das Orchester vor Energie sprühte, konnte man gut mitverfolgen, wie der Dirigent die Musiker unaufhaltsam motivierte, wie er in die Stimmen der Instrumente hineinhorchte und wie er mit der linken, weit vorgestreckten Hand die Musik geradezu zu formen schien. So entstanden hinreißende Steigerungen, etwa im Andante cantabile, wenn eine anrührend traurige Weise über Horn, Klarinette, Oboe und Celli schließlich das ganze Orchester durchläuft, oder wenn im dritten Satz mit einem Walzer, den Tschaikowsky liebte, ein Lichtstrahl ins dunkle Schicksalsgeflecht fällt.

Übrigens hielt der Komponist seine fünfte Sinfonie, an der er elf Jahre gearbeitet hatte, für misslungen. Sie sei zu bunt, zu massig, zu lang und wenig ansprechend, fand er. Mit ihrer mitreißenden Wiedergabe haben Schüller und seine Musiker diese Auffassung eindrucksvoll widerlegt.

Unter den Werken, die an diesem Abend vor der Pause auf dem Programm standen, ragte das Konzert Nr. 1 für Tuba und Orchester von Alexei Lebedew spektakulär heraus. Das lag zum einen daran, dass in dem kurzen Stück des sowjetischen Komponisten ein Instrument zu Solo-Ehren kommt, das in den Orchestern eher am Rand wahrgenommen wird oder vornehmlich bei Volksfesten in Bierzelten anzutreffen ist: die Tuba. Zum anderen bescherte der Solist, Jernej Oberžan, dem Publikum ein höchst seltenes Musikerlebnis, indem er seinem Instrument die virtuosesten Töne entlockte. Lebedew, der selbst sein ganzes Leben lang als Tuba-Lehrer wirkte, räumt dem Solisten hier alle Freiheiten ein, um seine spielerischen Fähigkeiten zu entfalten. Und Oberžan, seit 2019 Solotubist bei der Württembergischen Philharmonie Reutlingen, nutze die Gelegenheit und demonstrierte souverän, was in der als schwerfällig verschrienen Tuba steckt. Für den großen Applaus bedankte er sich mit einer experimentellen, hochvirtuosen Darbietung, bei der er spielte und gleichzeitig in das Instrument hineinsprach.

Charmant und leichtfüßig kam das Divertimento op. 43 von Sergej Prokofjew daher, das die Zuhörer in eine bunte Zirkusmanege mit Clowns, Akrobaten und einer munteren Kapelle eintauchen lässt. Auf die Suite »In den Bergen« des ukrainischen Komponisten Mykola Kolessa hätte man freilich gut verzichten können. Bei allem Mühen des Orchesters erwies sich das auf alte Melodien aus den Karpaten fußende Werk im Ausdruck als zu schlicht und redundant.

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