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(Un-)vergleichliche Augenblicke

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Der begehbare Kasten erinnert an einen Passbildautomaten und sticht zwischen den anderen Exponaten des Mitmachmuseums hervor. Hier kann jeder Teil eines wissenschaftlichen Experiments werden. © Kremer

Gießen. Das Mathematikum stellt ein neues Exponat vor, das in Zusammenarbeit mit der Justus-Liebig-Universität Gießen entstanden ist. Das Projekt dient als Datensammler für die Forschungsgruppe mit dem Schwerpunkt Wahrnehmungspsychologie und leistet somit einen wichtigen Beitrag für die Wissenschaft.

»Das Mathematikum ist ja aus der Universität Gießen heraus entstanden«, erklärt Museumsdirektor Prof. Albrecht Beutelspacher. Gerade deshalb freue er sich über die Kooperation. Die vielen Besucherinnen und Besucher des interaktiven Museums seien stets interessiert an wissenschaftlichen Exponaten und daher sicherlich eine geeignete Stichprobe für das Experiment der Arbeitsgruppe der JLU. Auch der Vizepräsident der Universität, Dr. Martin Kramer, zeigt sich begeistert von der Idee, »in spielerischer Form Grundlagenforschung« zu betreiben. Er sieht die Wahrnehmungspsychologie als ein einflussreiches Themengebiet der JLU mit viel Wachstumspotenzial. Er ist gespannt darauf, welche Implikationen die Ergebnisse des Forschungsprojektes für den klinischen und diagnostischen Anwendungsbereich und andere Fächer haben könnten.

Die Bedeutung des Projektes verdeutlicht auch Dr. Ben de Haas von der JLU, der an der Entwicklung beteiligt ist: Bis vor ein paar Jahren habe man noch vermutet, dass unsere individuellen Blickrichtungen und der Punkt, auf den wir unsern Fokus beim Sehen lenken, automatisiert und dadurch quasi unerklärbar sei. Tatsächlich lassen sich aber stabile Unterschiede bei Menschen feststellen, deren systematischer Zusammenhang nun gefunden werden soll.

Dazu hat die Forschungsgruppe teilweise Hypothesen formuliert, man erwartet beispielsweise einen Zusammenhang mit dem Alter der Versuchsperson oder mit der Tageszeit. Gleichzeitig werden aber auch andere Parameter gemessen, über die die Forscher bisher noch keine Angaben machen konnten. »Beste Voraussetzung für die Wissenschaft also: Wir wissen so gut wie nichts!«, lacht de Haas.

In der Regel finde die Forschung unter standardisierten Laborbedingungen und mit ähnlichen Stichproben, meist Psychologie- und Sportwissenschaftsstudierenden, statt. Für dieses Experiment sei eine sehr heterogene und große Stichprobe allerdings unerlässlich. Aus diesem Grund sei er auf die Idee gekommen, das Experiment im Mathematikum »durchzuführen«. Das Exponat befindet sich im zweiten Stock des Gebäudes, die Durchführung dauert etwa fünf Minuten und kann auf Englisch oder Deutsch gemacht werden. Der Versuchsperson werden 40 Bilder präsentiert, auf denen Menschen, Objekte und Szenerien gezeigt werden. Gemessen werden die Blickbewegungen. Am Ende bekommen die Teilnehmer eine Urkunde, auf der sie ihre Augenblicke mit denen der anderen vergleichen können.

Den Sehforscher in sich entdecken

Mindestens ein Jahr sollen die Besucher als Versuchspersonen für das Experiment akquiriert werden, man hofft vielleicht sogar auf den größten Datensatz der Welt. Das Mindestziel sind 10 000 Teilnehmer und somit über eine Millionen Augenblicke, erläutert der Doktorand Marcel Linka. Neben dem »Free Viewing Experiment« sei das Exponat an sich schon ein Experiment. Die Forscher überprüfen schließlich auch, inwiefern die Daten, die ohne Versuchsleiter oder standardisierte Bedingungen erhoben werden, überhaupt brauchbar und aussagekräftig sind.

De Haas zeigt sich gespannt, welche Ergebnisse das Experiment hervorbringen wird, in einer Pressemitteilung schreibt er: »Aber der entscheidende Teil kommt erst jetzt, mit den Besucherinnen und Besuchern. Wir drücken ganz fest die Daumen, dass viele sich von unserer Begeisterung anstecken lassen und ihren inneren Sehforscher entdecken!«

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