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Unbeugsam, selbst im Exil

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Dirk Wünsch (l.) und seine Frau Olena (3.v.l.) haben in einer leerstehenden Wohnung nicht nur Stieftochter Julia (2.v.l.), sondern auch vier alte Schulfreundinnen und deren Kinder aufgenommen. © Berghöfer

Die Gießener Familie Wünsch hat gleich 15 ukrainische Flüchtlinge bei sich aufgenommen. Eine Geschichte von Krieg, Heldenmut und Ehre. Alle sind entschlossen, ihre Heimat zu verteidigen.

Gießen. Der Krieg ist weit weg, wenn man in den wärmenden Sonnenstrahlen der ersten Frühlingstage im Unteren Hardthof vor einer Efeu-umrankten Felswand steht, in der einst in großen Eiskellern Bier gekühlt wurde, und sich eine bunte Schar von Frauen und Kindern zum Gruppenbild versammelt. Doch hinter den müde lächelnden Augen der acht Ukrainer, die hier bei Freunden Zuflucht gefunden haben, ist der Krieg ganz nahe.

Lieber kämpfen

Die Bilder und Worte passen ebenso wenig zusammen wie diese friedenssatte Nation und das unbekannte Land im Osten, dass Opfer des ersten Angriffskrieges in Europa seit Hitlers Überfall auf Polen geworden ist. Krieg, Ehre, Heldenmut, Vaterland, siegen oder sterben, das kennt man hierzulande nur noch aus Geschichtsbüchern und Hollywood-Filmen. Die beiden Nataschas, Olga und Tanja benutzen solche Worte ganz selbstverständlich, während man bei Blinis und Tee zusammensitzt. Keine von ihnen, sagt ihre Gastgeberin Olena Wünsch, habe das Land verlassen wollen. Lieber hätten sie an der Seite ihrer Männer gegen die russischen Invasoren gekämpft. Die Männer aber hätten sie weggeschickt. Auch ein aussichtsloser Krieg führt sich leichter, wenn man Frau und Kinder, die doch die Gegenwart und die Zukunft sind, in Sicherheit weiß.

Die vier Frauen sind alte Freunde und Schulkameradinnen von Olena. Das Leben hat sie in dem großen Land verstreut: nach Dnipro, besser bekannt unter dem alten Namen Dnepropetrowsk, nach Nikopol, wo man am anderen Ufer des Dnepr Saporischschja sehen kann, das größte Kernkraftwerk Europas, oder in die Hauptstadt Kiew. Putins Krieg hat sie nun wiedervereinigt im idyllischen Hardthof, dessen Frieden nicht durch Sirenen, sondern höchstens das monotone Brausen der Autobahn gestört wird.

Am 3. März trafen die ersten beiden Frauen in Gießen ein, drei Tage später kam Julia an. Olenas Tochter aus einer früheren Ehe, und am 9. März schließlich Freundin Mascha mit ihren drei Töchtern; im eigenen Auto nach vier Tagen »on the road«. Bis zu 15 Flüchtlinge hatten die Wünschs zeitweise beherbergt, sieben von ihnen konnten mittlerweile in einer anderen Wohnung in Wißmar untergebracht werden.

Handys sind eine Brücke in den Krieg. Und es gehört zu den großen Merkwürdigkeiten dieses Krieges, dass Handynetze noch immer bestens funktionieren, während die russische Armee immer mehr Städte beschießt. Jeden Abend telefonieren alle mit ihren Männern und Vätern. Keiner von denen ist Soldat oder hat auch nur eine militärische Ausbildung absolviert, aber alle sind sie fest entschlossen, Dnipro zu verteidigen. Sie befestigen Gebäude oder laufen nachts Streife mit Nachbarn, um Saboteure zu stellen, die, so die große Furcht, »Targets« in der Stadt anbringen. »Targets« sind Markierungen mit Farbe oder Licht, um Ziele für Lenkwaffen und Luftangriffe zu kennzeichnen.

Bislang verschont

Noch hat der Krieg die Millionenmetropole und einstiges Zentrum der sowjetischen Raumfahrtindustrie weitgehend verschont, glaubt Dirk Wünsch, Olenas deutscher Ehemann. Die Stadt im Zentrum des zweitgrößten europäischen Landes ist ungefähr gleich weit von den Kampfgebieten im Norden, Osten und Süden entfernt, und sie ist das Tor gen Westen. Gleich drei große Brücken führen in Dnipro über den mächtigsten Strom der Ukraine, den Dnepr. Auf 200 Kilometer gibt es keine vergleichbaren Querungen.

Auf den Handys ist der Krieg ganz nah. Olena zeigt Bilder vom Krankenhaus, vor dem sich täglich eine lange Schlange von Menschen bildet, die Blut spenden wollen - selbst die Kinder. Sie zeigt Videos von Industriebrachen, auf denen Teenager den Umgang mit den Molotow-Cocktails üben, die jetzt überall in der Ukraine gemixt werden. Eine einfache, aber effektive Waffe, deren Name von einem anderen kleinen Volk geprägt wurde, das 1940 von Russland überfallen worden war. Im Winterkrieg konnten die Finnen der sowjetischen Übermacht standhalten und ihre territoriale Unabhängigkeit behaupten. »Geschichte wiederholt sich nicht«, hat Mark Twain einmal gesagt, »aber sie reimt sich«.

Aufgeregt zeigt Olena ein Handy-Video aus der Stadt, in der sie aufgewachsen ist. Auf einer regennassen Allee rollt ein langer Konvoi mit dem berüchtigten »Z« in die Stadt ein - bis sich ihm eine Handvoll Menschen in den Weg stellt, nur bewaffnet mit Protestschildern und ihrem Zorn. Man muss kein Ukrainisch sprechen, um zu verstehen, was sie da rhythmisch skandieren: »Haut ab!«

Junge Männer, martialisch und vermummt, steigen aus, und feuern mit ihren Kalaschnikows in die Luft, als sich ein Mann genau vor dem ersten Fahrzeug auf den Boden wirft. Die russischen Soldaten wirken verunsichert. Wie soll man jetzt vorgehen? Über die Leiber fahren ist keine Option. Viele Demonstranten haben ihre Handys gezückt, und Handys sind vielleicht eine effektivere Waffe in diesem Krieg als ein Raketenwerfer.

Apropos Raketenwerfer: Ein weiteres Video auf Olenas Handy zeigt eines dieser russischen Ungetüme. Allerdings ist dessen Führerhaus mit einer blau-gelben Farbe dekoriert. Der Mann in Uniform, der mit sichtlichem Stolz berichtet, wie sie den anscheinend wegen Treibstoffmangels liegengebliebenen Raketenwerfer erbeutet haben, ist Hauptmann in der ukrainischen Armee, und Olenas Cousin.

Nadelstiche

Dirk Wünsch lächelt etwas traurig über den Enthusiasmus, mit dem seine Frau und deren Freundinnen diesen kleinen Sieg über den großen Nachbarn feiern. »Das sind nur Nadelstiche«, konstatiert der 56-Jährige nüchtern. Besiegen können die Männer von Tanja oder Natascha mit ihrem Heldenmut und ihren Brandbomben Putins Militärmaschine sicherlich nicht, aber vielleicht den Preis so hoch treiben, dass der unberechenbare Herrscher im Kreml endlich verhandlungs- und kompromissbereiter wird. Auch Dirk Wünsch will seinen Teil dazu beitragen und klappert in diesen Tagen Bundeswehr-Shops ab, um Ausrüstungsgegenstände wie Tarnkleidung für die Verwandten und Bekannten zu besorgen. Die verteidigen ihre Heimat derzeit nämlich noch in Trainingsanzügen.

Putin hat der Ukraine eine eigene Identität abgesprochen. Damit reiht er sich in eine unselige und systemübergreifende Tradition seiner Vorgänger ein. Schon ihre Uroma, sagt Olena, sei vom Zaren enteignet und nach Sibirien verbannt worden. Deren Tochter durchlitt den Holodomor, die systematische Aushungerung der renitenten Ukrainer durch die Rote Armee nach dem Bürgerkrieg. Und der Großvater der 46-Jährigen kehrte als Invalide aus dem »Großen vaterländischen Krieg« gegen Nazi-Deutschland zurück.

Trotz des kaum abreißenden Stroms schlechter Nachrichten aus der Heimat und obwohl die Kinder mittlerweile die Alexander-von-Humboldt-Schule besuchen, ist Bleiben für keine der Familien eine Option. Tochter Julia will zum Kummer ihrer Mutter spätestens in einem Monat zurück in die Ukraine. Sie vermisse ihre Freunde, aber auch die Oma. Auch die anderen wollen irgendwann zurück in ihre Heimat. Erwarten Sie mehr Hilfe vom Westen und der Nato? »Wir brauchen Waffen und Klamotten«, betont Olena, »alles andere machen wir dann schon alleine«. Davon jedenfalls ist sie absolut überzeugt.

Dirk Wünschs Dank für die großartige Unterstützung bei der Unterbringung von 15 Frauen und Kinder aus der Ukraine geht an:

• meine persönlichen engen Freunde Boris, Martin, Ralf, Christel

• meine Sportkolleg*innen der »Ricarda« (Ricarda-Huch-Schule Gießen)

• zahlreiche Bekannte meiner Frau Lena, die uns vor allem mit Sachspenden zur Wohnungseinrichtung und mit Kleidung unterstützt haben.

• meine monetären Spender aus dem Kollegium und dem Umfeld der Ricarda, die schnell und unkompliziert Gelder zur Verfügung gestellt haben. Genauso langjährige Freunde aus dem Rhönradturnen, mit denen wir gemeinsam Skifahren und Motorradfahren, je nach Jahreszeit.

• die Schulleitung der »Ricarda« (Ricarda-Huch-Schule)

• die Nachbarn aus dem Unteren Hardthof in Gießen mit den kleinen und großen Gesten , vor allem Bernd Richter, der alles »Elektrische« erledigt! Vielen Dank an Katharina für die leckeren Kuchen!

• die Vermieter der Wohnung im Unteren Hardthof Rebecca Jean Kjos und Brandon Thomas, ehemaliger Spieler der Gießen 46ers und Markus Pelka-Ernst, der den Kontakt hergestellt hat.

• die Gemüse- Kisten Spender vom Edeka Markt der Familie Fuchs aus Groß- Eichen

• meine Hausärztin Dr. Linda Krug, die uns und die Flüchtlinge gesund hält.

• mein Bus-Spender Mark Philippi und Famile

• die Mitarbeiter von Stadtbüro und Ausländerbehörde haben schnell und unkompliziert alle Flüchtlinge registriert.

• die Mitarbeiter der Stabsstelle Migration des Landkreises Gießen unter Leitung von Achim Szauter waren trotz überzogenem Feierabend stets freundlich und hilfsbereit, damit alle Flüchtlinge mit anerkanntem Status nach § 24 AsylbG in unseren Wohnungen sicher und sorgenfrei untergebracht sind

• die Volksbank Mittelhessen, die unkompliziert Girokonten eingerichtet hat, so dass wir die Kreiskasse entlasten können.

• meine Sportfreunde des TSV 1913 Groß-Eichen: Vorstand, Trainer und engagierte Mitglieder

• Emilia und Lutz G., die unsere ukrainischen Freunde aufgenommen haben und mit ihrem eigenen Netzwerk innerhalb kürzester Zeit eine Wohnung in Wettenberg für sieben Personen komplett eingerichtet haben

• Der Verantwortliche Herr Gawel und die Klassenlehrerin Ann-Kathrin Odenwald der Intensivklassen der Alexander-von-Humboldt-Schule, wo die sechs Kinder hervorragend aufgenommen wurden.

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In diesem Vorratskeller in Kiew suchten die 39-jährige Natascha und ihr Sohn Tymur (15) Schutz vor den in zermürbender Regelmäßigkeit ausgelösten Luftalarmen. © Privat
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Mit dem Mut der Verzweiflung oder auch nur... © Red
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... dem eigenen Körper .halten Zivilisten Kolonnen auf. © Red

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