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Und nach der Gans gibt’s Raclette

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Fettes Essen schlägt nicht nur auf die Hüfte, sondern auch auf die Leber. Symbolfoto: dpa © Red

Gießen (red). Viele Deutsche haben in der Pandemie zugenommen und sich den sogenannten Corona-Speck zugelegt. Damit die Kombination aus wenig Aktivität und vielen Leckereien während der Feiertage nicht zusätzlich zur Gewichtszunahme führt und die Lebergesundheit gefährdet, gibt Prof. Elke Roeb, Leiterin des Schwerpunkts Gastroenterologie am Universitätsklinikum in Gießen, in einer Pressemitteilung des UKGM einige Ernährungstipps.

Seit dem Martinstag am 11. November läuft in Deutschland die »Gänsesaison«. Ob zu Hause oder im Restaurant - der beliebte Braten kommt traditionell auf viele Teller. Im Jahr 2020 waren es nach Angaben des Statistischen Bundesamtes insgesamt 21 589 Tonnen. Und auch die Zahlen für die süße Weihnacht sind beeindruckend, beispielsweise wurden im vergangenen Jahr laut Bundesverband der Deutschen Süßwarenindustrie (BDSI) 100 Millionen Schoko-Weihnachtsmänner verzehrt.

Schon immer wurde in der Advents- und Weihnachtszeit viel - und häufig viel zu viel - gegessen. Bereits vor einigen Jahren lieferten britische Forscher einen Erklärungsansatz, den sie den »Variety effect«, also »Vielfalts-Effekt« nannten: Je größer das Angebot unterschiedlicher Lebensmittel auf dem Tisch ist, desto mehr wird gegessen. Die sogenannte wahrnehmungsspezifische Sättigung bewirke, dass unser Bedürfnis, ein bestimmtes Nahrungsmittel zu konsumieren, sinkt, während wir es verspeisen. Wenn jedoch wie bei den meisten Festessen weitere Alternativen auf dem Tisch stehen, erfolgen weitere Stimulationen - und es wird weiter gegessen.

In diesem Jahr sieht die Leberexpertin und Vorsitzende des Kuratoriums der Deutschen Leberstiftung, Prof. Elke Roeb, die möglichen gesundheitlichen Folgen des Schlemmens besonders kritisch: »Auch wenn die bislang veröffentlichten Ergebnisse der verschiedenen Studien bei den Angaben des konkreten Kilozuwachses bei Kindern und Erwachsenen während der Pandemie variieren, kann man davon ausgehen, dass sich der bereits vor der Pandemie deutlich erkennbare Anstieg der Zahl übergewichtiger Menschen weiter manifestiert hat. Kinder und Erwachsene nehmen zu viele Kalorien auf, immer öfter auch flüssig über zuckerhaltige Getränke. Es gibt immer mehr Arbeitsplätze, die nur zu einer geringen körperlichen Aktivität führen. Auch Kinder und Jugendliche verbringen immer mehr Zeit sitzend am Computer oder mit dem Mobiltelefon.«

Damit es nicht zu einer weiteren Gewichtszunahme kommt, sollte über ein verändertes Ess- und Trinkverhalten nachgedacht werden. Oftmals würden tradierte Muster beispielsweise beim Ausrichten der Festtagsspeisen nur weitergeführt, weil es »schon immer so« war. Man denke nur an das Raclette oder Käsefondue in der Silvesternacht. Viele andere Gerichte, die nach alten Rezepten - mit viel »guter Butter« und Zucker« zubereitet werden, vergrößerten das Risiko für Übergewicht. Starkes Übergewicht sei eine der Hauptursachen für die Entstehung einer nicht-alkoholischen Fettlebererkrankung (NAFLD), der bei Erwachsenen und Kindern am stärksten zunehmenden Lebererkrankung in Deutschland.

Eine Fettleber kann sich entzünden (Fettleberhepatitis) und aus einer chronischen Leberentzündung kann sich eine Leberfibrose (Bindegewebsvermehrung) entwickeln, die eine Leberzirrhose (Vernarbung der Leber) zur Folge haben kann. Die Fettleberhepatitis führe wiederum zu einem erhöhten Risiko, einen Leberzellkrebs zu entwickeln. »Und wir dürfen nicht vergessen, dass starkes Übergewicht gleichzeitig auch einer der Risikofaktoren für einen schweren Covid-19-Verlauf ist«, erläutert Roeb.

Die von der Expertin, die zudem Koordinatorin und Erstautorin der neuen Leitlinie für NAFLD ist, angesprochenen alternativen Möglichkeiten beim Essen und Trinken zu besonderen Anlässen sind vielfältig: Das Wichtigste sei Maßhalten. »Auch langsam und bewusst zu essen, ist entscheidend, denn das Sättigungsgefühl setzt erst nach circa 15 Minuten ein.« Salate, leichte Suppen und Gemüse seien gesunde und kalorienarme Bestandteile einer Mahlzeit. Beim Selberbacken habe man zudem die Möglichkeit, den Zuckeranteil zu reduzieren oder mit einer Zuckeralternative zu arbeiten. Damit nicht nur die reine Schokolade verzehrt wird, können auch Erdbeeren oder Weintrauben auf Spieße gesteckt und in flüssige Schokolade gedippt werden.

Ganz wichtig sei zudem ausreichend Bewegung. Anstatt sich vor den Fernseher oder den Computer zu setzen, sollte nach den Mahlzeiten ein ausgiebiger Spaziergang an der frischen Luft oder eine Radtour gemacht werden.

Wie gefährlich fehlende Bewegung gerade während der Festtage sein kann, erklärt Elke Roeb: »Eine dänische Studie belegt, dass die Gesamt-Cholesterol-Werte nach Weihnachten und Neujahr oft erhöht sind. Der LDL-Wert (›Low Density Lipoprotein‹), das ›schlechte Cholesterin‹, war sogar um 20 Prozent erhöht.«

Der Anteil des LDL-Cholesterins sei ein maßgeblicher Faktor bei der Entstehung von Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Eine Fettstoffwechselstörung gelte als einer der größten Risikofaktoren für die Entstehung von Arteriosklerose, besser bekannt als Verkalkung der Blutgefäße.

»Das Leber-Buch« ist kürzlich in der vierten, aktualisierten und deutlich erweiterten Auflage erschienen. Verständlich und anschaulich erläutert der bewährte Ratgeber aktuell und umfassend die lebenswichtigen Aufgaben sowie die möglichen Erkrankungen der Leber und die entsprechenden Behandlungen. Und auch das wichtige Thema Ernährung wird in der neuen Auflage ausführlich behandelt. Nur wer gut über seinen Körper und die Organfunktionen informiert ist, könne ein »lebergesundes Leben führen«.

Weitere Informationen stellt der Schwerpunkt Gastroenterologie am UKGM Gießen gerne zur Verfügung. Kontakt: 0641/ 985-42338. Foto: UKGM

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Prof. Elke Roeb © Red

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