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Undercover Boss auf Station 9

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Krankenpfleger Markus Kraft-Balkau (links) und der Geschäftsführer des Vitos-Klinikums Gießen-Marburg, Max Heuchert, tauschen einen Tag lang die Plätze. Heuchert hat dessen Schicht auf der Station für Depressive übernommen. © Berghöfer

Der Geschäftsführer der Gießener Vitos-Klinik, Max Heuchert, hat einen Tag lang als Pfleger auf der Station für Depressionskranke gearbeitet und dabei ganz neue Einblicke gewonnen.

Gießen. »Ich glaube, so früh bin ich das letzte Mal vor der Pandemie aufgestanden«, meint Max Heuchert lachend, »da musste ich um 4.15 Uhr am Frankfurter Flughafen sein, um in den Urlaub nach Südfrankreich zu fliegen.« In den Urlaub ging es für den Geschäftsführer des Vitos Klinikums Gießen-Marburg bei der Aktion »Perspektivwechsel« zwar nicht, dafür konnte Heuchert aber auch an seiner beruflichen Wirkungsstätte ganz neue Einblicke gewinnen.

Eine Frühschicht lang übernahm er als Pflegekraft auf der Depressionsstation (Station 9) an der Vitos-Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie in Gießen den Job von Krankenpfleger Markus Kraft-Balkau. Gewachsen sei bei ihm in diesen acht Stunden die Bewunderung für das Engagement und die Motivationsfähigkeit der Pflegekräfte, zog der »Undercover Boss« anschließend Bilanz.

Normalerweise beginnt Max Heucherts Arbeitstag um 9 Uhr. Diesmal musste er schon um 4.15 Uhr in seiner Heimatstadt Frankfurt aufstehen, um pünktlich zum Schichtbeginn um 6 Uhr auf Station zu sein. »Es macht sich ja schlecht, wenn man am ersten Tag zu spät kommt. Ich bin ja noch in der Probezeit«, scherzt der Chef. Dennoch habe er sich bewusst für die Frühschicht von 6 bis 14 Uhr entschieden, um ein besseres Verständnis für die pflegerische Arbeit zu bekommen. Dabei packte er auch selbst mit an, denn: »Ich wollte ja kein Klotz für die Kollegen sein«.

Markt leer gefegt

Max Heuchert hatte bereits im Zivildienst und im Studium Erfahrung in der Altenpflege gesammelt, aber psychiatrische Pflege sei dann doch etwas ganz anderes, betonte der Geschäftsführer.

Der Montagmorgen beginne erst einmal mit der Aufarbeitung des Wochenendes und seinen meist weniger angenehmen Überraschungen, als da waren zwei ungeplante Patienten, die auf Station eingeliefert wurden und Krankmeldungen beim Personal, die in Zeiten des auch an der Vitos Klinik spürbaren Pflegenotstands doppelt schmerzen.

Der Personalschlüssel sieht pro Station für 20 bis 25 Patienten 13,42 Stellen vor, die sich in der Vitos-Klinik durch Teilzeit auf 18 Angestellte verteilen. Das klingt zwar viel, doch muss man diese Zahl durch drei teilen, weil in Psychiatrien rund um die Uhr in drei Schichten gearbeitet wird. Doch dieses Schichtmodell ist derzeit nicht immer umzusetzen.

»Den Fachkräftemangel, den merken wir hier auch«, sagt Heuchert, der Markt für Pflegekräfte sei leer gefegt: »Es kommt im Moment einfach keiner.« Mit Plakaten in der Stadt, Werbung auf Bussen und einer Social-Media-Kampagne hält Vitos dagegen. Auch bemüht man sich verstärkt, den eigenen Nachwuchs aus der Vitos-Krankenpflegeschule in Marburg zu halten.

Vielleicht wäre aber die beste Werbung für den Pflegeberuf, wenn Berufseinsteiger einmal mit Markus Kraft-Balkau, Krankenpfleger in der Psychiatrie und Qualitätsbeauftragter der Pflege an der Vitos, sprechen würden. Der 54-Jährige wollte eigentlich Kaufmann werden und hat nach dem Zivildienst seinem Leben eine andere Richtung gegeben. Seit 1989 ist er jetzt in der Pflege tätig und man spürt im Gespräch mit ihm, dass ihn noch immer ein ansteckendes Feuer brennt.

»Nur Menschen können Menschen retten«, lautet sein Credo. Man müsse zu jedem Patienten eine Beziehung aufbauen, denn ohne eine Beziehung könne man niemandem helfen. Und dafür müsse man Eigeninitiative entwickeln. Das mache für ihn die Pflege in der Psychiatrie so attraktiv.

Wachtherapie

Derzeit ein Alleinstellungsmerkmal der Vitos-Klinik sei die sogenannte Wachtherapie zur Aktivierung depressiver Menschen. Dabei werden Menschen gezielt und mit unterschiedlichsten Beschäftigungen wie Spazierengehen, Kegeln oder Computerspielen 48 Stunden wachgehalten, damit diese anschließend zum ersten Mal seit langem wieder durchschlafen könnten, Die meisten Depressiven litten aufgrund des Strukturverlustes im Alltagsleben unter Schlafstörungen, sagt der Pfleger. Bei 60 bis 70 Prozent sei - evidenzbasiert - nach der Wachtherapie eine deutliche Stimmungsaufhellung festzustellen. »Das ist noch nicht die Heilung aber die wichtige Erfahrung, dass die Lebensfreude noch in einem steckt«, betont der Pfleger.

Gerade seelisch Kranke Menschen litten besonders unter den Einschränkungen der Pandemie, ergänzt Heuchert. Gerade bei denen, denen es ohnehin schwer falle, soziale Kontakte aufzubauen, gingen diese durch Corona noch mehr verloren. Selbst einfache Aktivitäten wie ein Kinobesuch, seien in den vergangenen beiden Jahren nicht mehr uneingeschränkt möglich gewesen. Gleichzeitig musste die Klinik ihr Kapazitäten herunterfahren, weil die Raumgröße der einzelnen Stationen an das Hygienekonzept angepasst werden musste. Immerhin: Die für neue Patienten sehr belastende Isolation in der Corona-Quarantäne konnte durch die Anschaffung eines eigenen Geräts zur Auswertung von PCR-Tests deutlich reduziert werden. Jetzt wisse man binnen einer Stunde, ob der Patient zu den anderen auf Station dürfe, sagt Kraft-Balkau.

Wir sind ein Team

Eine weitere Belastung für Pfleger und Therapeuten ist die zudem die Aufnahme von Flüchtlingen aus der EAEH, aus der »in der Regel Notaufnahmen« betreut werden müssten, dabei werde man durch einen Dolmetscherdienst unterstützt. All das zu meistern schweiße aber auch die Belegschaft zusammen, betont Max Heuchert: »Wir sind ein Team.« Zu einem späteren Zeitpunkt ist der »Perspektivwechsel« übrigens auch in die andere Richtung geplant. Dann wird eine Pflegekraft einen Tag lang den Job des Vitos-Geschäftsführers übernehmen.

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