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Unerwarteter Glücksfall

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Brachte die Klangfarben der Eule-Orgel bestens zum Leuchten: Michael Vetter beim ersten Mittwochskonzert 2023 in der Kirche St. Bonifatius. Foto: Schultz © Schultz

Michael Vetter stellt in der Gießener Bonifatiuskirche Kompositionen von Bach und Messiaen gegenüber und entlockt der Eule-Orgel bunteste Klangfarben.

Gießen. Das erste Mittwochskonzert des Jahres in der Kirche St. Bonifatius erwies sich als unerwarteter Glücksfall: Michael Vetter aus Bautzen musizierte Werke von Bach und Messiaen und versetzte die Zuhörer in der sehr gut besuchten Kirche in exzellente Stimmung.

Der Bautzener Domorganist vermochte es ganz vorzüglich, die zahlreichen Klangfarben der Eule-Orgel zur Geltung zu bringen. Er tat dies sehr nachdenklich und mit größter handwerklicher Sicherheit. Unter dem Titel »Bilder im Weihnachtsfestkreis« stellte Vetter Kompositionen von Johann Sebastian Bach und Olivier Messiaen gegenüber.

Pfarrer Erik Wehner begrüßte die Gäste und wünschte ihnen »ein gutes Neues Jahr und hoffentlich auch irgendwie für die Welt«. Vetter (»Meinen Glückwunsch zu diesem herausragenden Instrument«) stellte eingangs kurz die ausgewählten Werke beider Komponisten gegenüber und erwähnte einige Aspekte seiner Auswahl und Interpretationen.

Er ließ Johann Sebastian Bachs Toccata und Fuge F-Dur BWV 540 mit einem ruhigen, fast besinnlichen Kreisen und sich Erheben beginnen, ließ es dabei geruhsam angehen. Langsam wurde das Klanggefühl entfaltet, die Dynamik allmählich intensiviert. Das geschah mit sehr guter Transparenz, die Stimmen waren schön deutlich. Vetter interpretierte zurückhaltend und mit unspektakulärer Prägnanz, einem Markenzeichen seiner Arbeit an diesem Abend. Dann wurde es eher choralartig, getragen, im Vorgriff aufs Finale auch größer. Es folgte überraschend ein fast bescheidener Abschluss.

Überraschende Kontraste

Oliver Messiaens »La verbe« machte mit seinem schrägen, sperrigen aber leisen Auftakt schon mal auf die bevorstehenden Kontraste aufmerksam, hier gab es kein Dahinschmelzen in wohligen Konsonanten. Dann ein mächtiger sonorer Ton obendrüber gesetzt. Danach musizierte Vetter wieder schräg und leise, das Muster wurde klar. Anschließend ein kleines klangliches Chaos, anwachsend. Es folgten gleichsam die Posaunen von Jericho: ein großer und mächtiger Klang. Das Prinzip wurde fortgesetzt in einer besinnlichen Stimmung, analytisch, nachdenklich, fragend - das regte intensiv zum Nachdenken an, fast wie eine Abhandlung. Das Ganze wirkte eher kurz, aber eindrücklich.

Mit Johann Sebastian Bachs Choralbearbeitungen aus dem Orgelbüchlein überraschte Vetter sein Publikum erneut mit ganz zurückhaltender, hoch differenzierter und aparter Klanggebung sowie transparenter Dynamik und schöner Tiefenzeichnung. Sehr erfreulich, wie deutlich dabei auch kleinste Nuancen hörbar wurden. Ein ungewohntes Choralerlebnis.

Oliver Messiaens »Les mages« führte ein sehr interessantes nachdenkliches Geschehen ins Konzert ein. Es ging nun fragend und zugleich dringlich zu, womöglich zweifelnd. Die Gedanken des Zuhörers veränderten sich, die musikalischen Ideen uferten sanft aus, mit der absteigenden Systematik stellte sich der Eindruck der Endlosigkeit ein. Hingetupfte kleine Akkorde verstärkten die meditative Wirkung noch. Eine Musik, die zum Hörer spricht, ihn einbezieht, die man keinesfalls an sich vorbeiziehen lassen wollte. Vetter realisierte das mit souveräner Sicherheit bis zum leisen Abschluss, der alles offen ließ.

Verspielte Intermezzi

Mit Johann Sebastian Bachs »Wie schön leuchtet der Morgenstern« erstrahlte ein Glanzlicht des Abends. Vetter wolle es »ganz still spielen«, hatte er angekündigt. Es wurde sanft entwickelt, und der Organist ließ in den kleinen Lautstärken eine wunderbare Vielfalt zur Geltung kommen und realisierte eine sehr reizvolle intellektuelle Note, gestaltete das Werk in aparter Schönheit.

Der tatsächlich krönende Abschluss kam mit Messiaens »Dieu parmi nous«. In dem machtvollen, ja unheimlichen, sogar drohenden Auftakt kommt Gott tatsächlich ungewohnt fetzig und keineswegs wohlgelaunt daher, meint man die Musik zu verstehen. Vetter arbeitete die dynamischen und nicht zuletzt die inhaltlichen Kontraste sehr klar heraus. Dabei erklangen hier auch die ungewohnten Harmonien, die aparten Wendungen, die man vom Komponisten kennt. Das war keineswegs ein Effektgewitter, sondern auch wieder eine Unterhaltung mit dem Hörer. Verspielte Intermezzi lockerten die kompositorische Strenge auf und machten das kontroverse Geschehen leichter konsumierbar. Motive umspielten einander, und die Unruhe gewann etwas an Schwung. Stete dissonante Akzente hielten die enorme Spannung aufrecht. Selbst im traditionellen dramatischen Duktus blieb die Unruhe erhalten.

Michael Vetter ließ virtuos die Klänge zuweilen im Hause umherwandern. Am Ende der absteigenden Thematik stand ein machtvoller, aparter Abschluss. Ein herausragend differenziertes Klangerlebnis in einem ungewöhnlich aussagekräftigen Konzert.

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