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Für die Klägerin hängt vom Ausgang des am Landgericht verhandelten Falles viel ab.

Schmerzensgeld

Unfall hat Leben radikal verändert

Nachdem sie mit ihrem Kopf mit dem Außenspiegel eines Gießener Stadtbusses kollidiert war, fordert eine gehörlose junge Frau von der Mit.Bus GmbH eine fünfstellige Summe.

Gießen . Wie an so vielen anderen Tagen wartete die damals 16-jährige Schülerin auch am 5. April 2012 am Marktplatz auf ihren Bus. Plötzlich spürte sie einen heftigen Schlag, der die junge Frau förmlich umriss. Ihr Kopf war mit dem Außenspiegel eines der Stadtbusse kollidiert. Für die seit ihrer Geburt gehörlose Schülerin war dieser Unfall nicht nur sehr schmerzvoll, sondern auch folgenreich. Aufgrund der erlittenen Verletzungen konnte sie fortan nicht mehr ihr Cochlea-Implantat - eine bis ins Innenohr reichende technische Hörhilfe - nutzen. Sie musste die Schule wechseln, schaffte es nicht, eine Ausbildungsstelle zu finden, und litt obendrein noch unter Depressionen. Bis heute hat sich der gesundheitliche Gesamtzustand der mittlerweile 25-Jährigen kaum gebessert. Daher macht sie am Landgericht Schmerzensgeldansprüche in fünfstelliger Höhe gegen den Betreiber, das Stadtwerke-Tochterunternehmen Mit.Bus GmbH, geltend.

Finanzielle Vorstellungen weit auseinander

Schon früh zeichnete sich bei der letztlich gescheiterten Güteverhandlung am Mittwoch ab, dass die finanziellen Vorstellungen beider Seiten zu weit auseinanderliegen. Nachdem das Unternehmen vor wenigen Jahren bereits 6000 Euro Schmerzensgeld bezahlt hatte, forderte der Anwalt der Klägerin nun zunächst weitere 34 000 Euro. Die Mit.Bus GmbH wollte jedoch ihre bereits zugesagte zusätzliche Summe von 14 000 Euro nicht erhöhen, wie der Rechtsanwalt der Beklagten deutlich machte. Überdies besteht man auf eine Erledigungsklausel, um etwaigen künftigen Schmerzgeldansprüchen vorzubeugen. Da Richterin Bastian erst den 6. April als Verkündungstermin ihres Urteils festlegte, haben beide Seiten bis dahin Gelegenheit, bei ihren Geldvorstellungen aufeinanderzuzugehen und sich auf einen Vergleich zu einigen.

Das Leben der Klägerin hat sich durch den Unfall radikal verändert. Wie sie auf Nachfragen der Richterin mithilfe einer Gebärdendolmetscherin schilderte, habe sie ihr Cochlea-Implantat aufgrund der Kopfverletzungen und anhaltender Druck- und Nervenschmerzen - die auf einer Zehnerskala bei sieben bis acht gelegen hätten - nicht mehr tragen können. Da ihr Tabletten bald nicht mehr halfen, hoffte sie, von ihren Ärzten Opiate gegen die Schmerzen verschrieben zu bekommen, was diese aber ablehnten.

Nachdem die junge Frau an ihrer vorherigen Schule gut integriert gewesen war und eine Ausbildung zur Gesundheits- und Krankenpflegerin angestrebt hatte, musste sie sich beruflich umorientieren. Und so besuchte sie eine Fachoberschule für Erziehung und Soziales, wo sie allerdings aufgrund ihres gesundheitlichen Zustands wiederholt fehlte. Die anschließende Suche nach einem Ausbildungsplatz sei ihr dann wegen der anhaltenden Probleme bis heute nicht möglich gewesen. Seitdem ist sie arbeitsunfähig geschrieben und bezieht Sozialleistungen. Weiterhin berichtete die Frau, schlecht zu schlafen und immer wieder vom damaligen Unfallgeschehen zu träumen. Die dauerhafte Schmerzbelastung habe darüber hinaus zu Depressionen geführt. Zudem wurde bei ihr eine Posttraumatische Belastungsstörung diagnostiziert. Dabei habe sie besonders belastet, dass sie nach dem Unfall nur noch schlecht mit ihrer Familie kommunizieren konnte, führte die Klägerin aus.

Inzwischen sei es ihr möglich, das Cochlea-Implantat zumindest stundenweise zu tragen, bis die Schmerzen zu stark werden. Wie auch ihr Anwalt bestätigte, lasse sich derzeit nicht voraussagen, wie sich ihr gesundheitlicher Zustand weiterentwickeln wird.

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