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Ungeheuer moderner Beethoven

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Einer der interessantesten Köpfe der jungen Dirigentengeneration: Clemens Schuldt. © Marco Borggreve

Gießen. So schmissig, spannungsreich und energiegeladen bekommt man Beethoven selten zu hören, wie dies am Dienstagabend im Stadttheater der Fall war, wo die Sinfonie Nr. 4 B-Dur op. 60 auf dem Programm stand. Hier war alles derart genau auf den Punkt gebracht, dass es vor innerer Dramatik nur so knisterte. Zu verdanken hatten die Besucher des Sinfoniekonzerts dieses packende Musikerlebnis dem Gastdirigenten Clemens Schuldt, der das Philharmonische Orchester Gießen in prächtige Muszierlaune versetzte und in einer Atmosphäre höchster Konzentration einen frischen, ungeheuer modernen Beethoven servierte.

Was Wunder, dass der Applaus kein Ende nehmen wollte.

Der 39-jährige Schuldt ist derzeit Chefdirigent des Münchner Kammerorchesters und gilt international als einer der interessantesten Köpfe der jungen Dirigentengeneration. Über Ludwig van Beethoven (1770[-[1827) und Arnold Schönberg (1874[-[1951), den zweiten Komponisten des Abends, sagte er in der Pause: »Beide waren Visionäre und gleichzeitig in der Tradition verwurzelt. Zudem hat ihre Musik etwas Theatralisches, was sehr gut hierher passt.« Beethovens Vierte dirigierte er frei aus dem Kopf, und wenn man ihm zuschaute, wie elanvoll er agierte und mit welcher geradezu federnder Energie er die Einsätze gab, hatte man das Gefühl einer großen Leichtigkeit, die von diesem Mann ausging. Aber natürlich ist das vermeintlich Leichte in der Kunst immer das Schwerste.

Große Leichtigkeit

Beethovens Vierte bildet den Gegenpol zu seinen eher heroischen Werken und beeinflusste vor allem Mendelssohn und Schumann, der sie einmal als »eine griechisch schlanke Maid« bezeichnete. Der heitere, bisweilen liebliche Grundcharakter bezieht sich möglicherweise auf die Liebe des Komponisten zu Josephine Brunsvick, die von manchen Forschern als die geheimnisvolle »Unsterbliche Geliebte« identifiziert wird.

Jeder Dirigent steht bei diesem Werk vor der schwierigen Aufgabe, dem janusköpfigen Wesenszug der Musik, die sowohl klassische als auch bereits romantische Elemente aufweist, gerecht zu werden. Die kristallene Klarheit des Klangs, die Luftigkeit des 18. Jahrhunderts, will ebenso betont sein wie das Visionäre und die emotionsgeladene Kantilene, die zarte Empfindungen ausdrückt. Schuldt bewies hier einerseits sicheres Stilgefühl und legte andererseits größten Wert auf detailgenaues Musizieren.

Da war der erste Satz (Adagio - Allegro vivace) mit seiner langsamen, schattenhaften Einleitung. Vorsichtig tastete sich die Musik voran, durchschritt finstere Mollbereiche. Plötzlich löste sich die Totenstarre und die Musik erwacht zu hell leuchtendem Leben: Das vom Dirigenten angespornte Orchester zeigte, dass hier alles pulsierende Vitalität, geballte Lebenskraft ist. Kraftvoll schleuderten die Violinen dem Hörer rasende Melodiefetzen entgegen, die sich schnell zu einem klar konturierten Thema fügten. Gerade aus den Gegensätzen zog die ausgefeilte Darbietung ihre überwältigende Wirkung.

Glück und Wehmut

Im folgenden Adagio hat der Komponist ein Stück von ergreifender Schönheit geschaffen. Über einem klopfenden Rhythmus (womöglich das Klopfen des Herzens?) erhebt sich eine jener zauberhaften Melodien, die Glück, wenn auch mit einem leisen Hauch von Wehmut, ausstrahlen. In der Wiedergabe durch das Philharmonische Orchester war die romantische Stimmung sehr gut eingefangen, und in den Solopassagen der Klarinette (Anna Deyhle) lebten die schwärmerischen Gefühle des Liebenden auf.

Markige Rhythmik kennzeichnete den dritten Satz (Allegro vivace). Bei diesem wild wirbelnden böhmischen Tanz fühlte man sich als Hörer immer ein bisschen übertölpelt, weil man nie genau wusste, in welchem Takt man sich gerade befand. Das ständige Hin und Her zwischen den Taktarten verlieh auch dem rasanten und immer rasanteren Musizieren eine ungestüme Energie, die schließlich in den letzten Satz mündete, der in seiner Leichtfüßigkeit an die sprudelnden Sinfoniefinales Haydns oder Mozarts erinnert. Laut Schuldt hat sich der Komponist darin aber auch ein klein wenig über zeitgenössische Komponistenkollegen lustig gemacht. Wie dem auch sei: Punktgenau, wie es angefangen hatte, beendete das Orchester eine mitreißende Darbietung, die in der Erinnerung noch lange nachklingen wird.

Begonnen hatte der Abend mit der »Verklärten Nacht« op. 4 von Arnold Schönberg in der Fassung für Streichorchester, die den Erfinder der Zwölftontechnik von seiner romantischen Seite zeigt. In einer überbordenden Tonsprache, die zuweilen an die Grenzen der Tonalität geht, schöpfte der Komponist aus dem Vollen des 19. Jahrhunderts, und in der feinfühligen, subtil ausgeleuchteten Aufführung unter Clemens Schuldt war denn auch zu hören, wie es hier und da nach Wagner, Brahms oder Mahler klang.

Typisch Schönbergisch waren jedoch die Ausdehnung der Melodien und die motivische Verarbeitung der Themen. Dem fünfteiligen Aufbau liegt das gleichnamige Gedicht des Dichters Richard Dehmel, das die »sündige Liebe einer Frau« behandelt, zugrunde: Bei einem nächtlichen Spaziergang im Mondschein gesteht sie ihrem Mann, dass sie ein Kind von einem anderen erwartet. Wie er reagiert, wird an dieser Stelle nicht verraten, aber auch diese musikalische Darbietung endete im Stadttheater, wie sie begonnen hatte: im silbrig-hellen Mondlicht der Violinen.

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