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Ungewöhnliche Kunst am Bau

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giloka_2608_jcs_Hochschu_4c © Dagmar Klein

In Gießen wurden ab 1955 bis in die 1970er Jahre zahlreiche Gebäude des Landes neu erbaut, für die Universität und andere Institutionen. Einiges von dieser Kunst ist im Außenraum gut sichtbar.

Gießen . Als der Neubau der Kleintier- und Vogelklinik 2018 in der Frankfurter Straße 114 eröffnet wurde, sprach niemand von der Kunst-Installation im Innenhof. Die Bauverzögerungen und Kostenerhöhungen waren schlagzeilenträchtiger. Doch ist dort ungewöhnliche Kunst entstanden, die bewusste Aufmerksamkeit verdient.

Vogelhäuser in luftiger Höhe

Das Warten für Tierbesitzer auf den Sitzbänken im Innenhof ist begleitet von deutlichem Vogelgezwitscher. Die akustische Naturanmutung wird optisch verstärkt durch Vogelhäuser, die in luftiger Höhe in einem Stangengeflecht hängen. Goldfarben, lichtdurchflutet und scheinbar selbstleuchtend wurde hier eine künstliche Vogelwelt mit künstlerischen Mitteln gestaltet. Erdacht hat es das Künstler-Duo Anklam & Henninger aus Berlin, das sein Auftragswerk »Eden« nennt - eine Assoziation an die paradiesischen Zustände im biblischen Garten Eden also. Sie thematisieren die Rolle des Tieres in unserer Gesellschaft, indem sie einen künstlichen Sehnsuchtsort des Menschen erschaffen.

Axel Anklam und Thomas Henninger kooperierten seit 2015, schufen gemeinsam etliche Entwürfe im Bereich Kunst am Bau. Zuletzt wurde August 2021 im Neubau der Universitätsbibliothek Marburg ihr Werk »Lichtung« eröffnet. Anfang Januar 2022 starb Axel Anklam nach langer Krankheit. Bei öffentlichen Neubauten des Landes Hessen wird bis heute aus einem Sonderbaufonds Kunst am Bau beauftragt, mit Ausschreibung und Entscheidung durch eine Kommission. Begonnen hat es in der Bauboom-Phase nach dem Zweiten Weltkrieg, als notleidende Künstler unterstützt werden sollten. Eine kaum bekannt gewordene Gemälde-Ausstellung im Finanzministerium hat 2016 an diese Künstlergeneration erinnert, dazu erschien ein schmaler Katalog mit dem Titel »Verehrt … fast vergessen«.

In Gießen wurden ab 1955 bis in die 1970er Jahre zahlreiche Gebäude des Landes neu erbaut, für die Universität und andere Institutionen. Einiges von dieser Kunst ist im Außenraum gut sichtbar, jedoch ist ein großer Teil in Foyers und Treppenhäuser angebracht, d. h., sie ist nur den Nutzern bekannt. Sofern die Gebäude noch in Gebrauch sind und bei Renovierungen keine tiefgreifenden Änderungen vorgenommen wurden, ist diese Kunst noch vorhanden. Nicht immer wird sie als solche wahrgenommen und wertgeschätzt, manches ist der Nutzung im Weg und wird zugestellt oder komplett übermalt.

Ein in dieser Beziehung unbekanntes Areal sind die Veterinärkliniken der Universität Gießen. Dieser Beitrag wurde möglich dank der begleitenden Hausmeister, die Türen aufschlossen, mitsuchten und fragten, den Blick Verstellendes wegräumten. Die Werke und ihre Künstler werden vorgestellt in der chronologischen Reihenfolge ihres Entstehens.

1957 Veterinär-Geburtshilfe, Frankfurter Straße 106: Gleich beim Betreten der geburtshilflichen Klinik gerät das riesige Schieferrelief in den Blick, das fast die gesamte Wandbreite und -höhe der großen Eingangshalle einnimmt. Obwohl es dunkel-anthrazitgrau ist, ist das geritzte Motiv gut zu erkennen, da die Halle mit einer über drei Etagen reichenden Fensterfront gut durchlichtet ist. Auf den Schieferplatten ist ein geburtshilfliches Motiv zu sehen: Mit wenigen abstrahierenden Strichen hat der Künstler die Gebärsituation bei einer Kuh dargestellt. Zu beiden Seiten stehen je zwei Menschen, die offenbar bereit sind für Hilfeleistung. Im Zentrum des Bildes liegt das Kälbchen im Bauch der Mutterkuh.

Der Künstler war Helmut Brinckmann (1912-1994) aus Darmstadt. Der gebürtige Berliner hatte zunächst das Graveurhandwerk gelernt, arbeitete nach Kriegsdienst und Gefangenschaft in Oberammergau als Holzbildhauer. 1950 zog er nach Darmstadt, wo er später die Malerin Ute Brinckmann-Schmolling heiratete, von der es ein Wandbild in der abgerissenen Kinderklinik gab. Brinckmann war 1951-1974 Berater der hessischen Staatsbauverwaltung für das Kunst-am-Bau-Förderprojekt. Ab 1982 unterrichtete er als Dozent an der FH Darmstadt im Fachbereich Architektur. Er ist mit zahlreichen Werken, auch freistehende Skulpturen, im öffentlichen Raum diverser Städte vertreten.

1957 Veterinär-Physikalisches Institut, Frankfurter Straße 100: Auch das Gebäude des Physikalischen Instituts hat eine große Treppenhalle, die jedoch schmaler ist. Entlang des Treppenaufgangs erstreckt sich an einer Wand ein helles Sgrafitto, das von schräglaufenden Linien dominiert ist. Farbigkeit ist sparsam eingesetzt, mal ein helles Gelb bei Dreiecken, Hellrot bei etwas breiteren Linien, helle Grau- und Blautöne schwingen bei größeren Flächen an den Seiten in die Höhe. Gegenüber dieser Wand befindet sich der Vorlesungssaal, dessen Frontwand vom selben Künstler gestaltet wurde. Die Farbwahl ist in gedeckten Braun-Beige-Tönen, die zum Holzinterieur passen. Auf einigen Partien sind Motive antiker Mythologie erkennbar, zwei Kentauren (Mischwesen Pferd-Mensch) und ein sitzender Pan.

Ein weiteres Wandbild dieses Künstlers befindet sich in der alten Medizinischen Klinik der Universität (1954), es war Günter Heinemann (1914-1999) aus Willingshausen. Er hatte Marianne Viehmann geheiratet, Tochter des bekannten Malers Wilhelm Viehmann, Kopf der Malerkolonie Willingshausen. Heinemann stammte aus Kassel, wo er seine künstlerische Ausbildung im Stil der Neuen Sachlichkeit erhalten hatte. Kriegseinsatz und fünf Jahre Gefangenschaft gehören auch zu seiner Vita. In den 50er Jahren erhielt er diverse Kunst-am-Bau-Aufträge in ganz Hessen. Der Willingshäuser Traditionsmalerei schloss er sich nicht an. Doch gründete er gemeinsam mit seiner Frau 1972 die Willingshäuser Sommermalkurse, die sie mehr als 20 Jahre organisierten.

1964 Veterinär-Anatomie, Frankfurter Straße 98: Die Wandmalerei in der Eingangshalle der Veterinär-Anatomie wurde schon vor Jahren bei einer Renovierung übermalt. Es war eine wuchtig-dominante Malerei mit geometrischen Mustern in Schwarz-Weiß-Rot, wie alte Fotos zeigen. Der 60er Jahre-Malstil stammte von Heinz Nickel (1919-2003) aus Kassel. Bis 1937 hatte dieser eine Malerlehre absolviert, nach dem Kriegseinsatz studierte er Kunst in Kassel, unter anderen bei Arnold Bode. 1957 wurde er dort selbst Dozent für Druckgrafik, ab 1963 zählte er zu Gruppe der »Kasseler Konkreten«. 1979-85 war er Professor an der GHK.

1967 Alte Kleintierklinik, Frankfurter Straße 126: Der frühere Eingangsbereich der Kleintierklinik ist heute ein Durchgangsflur mit einer netten Sitznische von Vitrinen flankiert. Die Nischenwand ist komplett mit einem beeindruckenden Keramikrelief gestaltet. Die Fliesen haben unterschiedliche Größen, der mauerartige Verlauf ist weiß unterlegt, wandert mit Verschiebungen von Blau-Schwarz an der linken Seite über Beigebraun zu Blau-Grau rechts. Über die gesamte Fläche aufgebracht sind einzelne Keramikelemente in Rotbrauntönen, die von Halbkreisen über Halbringe und Stäbe bis zu Würfelchen reichen. Die Gestaltung wirkt dynamisch und ausgeglichen.

Walter Popp (1913-1977) kam ebenfalls aus Kassel, ist bekannt als Gründer der Kasseler Schule für Keramik. Zunächst machte er in den 30er Jahren die Ausbildung zum Fotografen in Bunzlau, studierte dann in München gestaltende Fotografie. Auch er wurde zum Kriegseinsatz eingezogen. Ab 1948 führten er und seine Frau Veronika die keramische Familienwerkstatt Dresler im Töpferort Dießen am Ammersee weiter. 1954 wurde Walter Popp an die Kunsthochschule Kassel geholt und entwickelte sich zum höchst innovativen Lehrer für Keramik. Durch eine Anfrage aus Karlsruhe wurde erst vor wenigen Jahren bekannt, dass die Keramikfliesen für die Uni Gießen von der traditionsreichen Majolika Manufaktur in Karlsruhe hergestellt wurde. Das Gießener Wandbild ist nun auf deren Website zu bewundern.

1967 Veterinär-Demonstrationshalle, Frankfurter Straße 124: Das eingeschossige Gebäude mit dem großen Demonstrationssaal für Vorlesungen wirkt unscheinbar, auch die Eingangssituation ist schmal. Das Sgrafitto direkt gegenüber der Eingangstür ist kaum sichtbar, da die Wandnische für Automaten genutzt wird. Die Malerei hat dadurch Kratzer erlitten. Auf den flüchtigen ersten Blick scheint das in Schwarz-, Grau- und Beigetönen gehaltene Bild rein abstrakt zu sein. Bei genauer Betrachtung ist links eine menschliche Figur zu erkennen, den Kopf geneigt und die Hand erhoben, um den aufmerksam sitzenden Hund zu instruieren. In weiteren Formen lassen sich fragmentarisch andere Tiere erkennen. Durch Kontaktaufnahme mit den Nachfahren, die dieses Werk bis vor Kurzem nicht kannten, konnte eine Entwurfszeichnung zugeordnet werden. Das Gebäude steht auf der Abrissliste der JLU.

Der Künstler Vincent Burek (1920-1975) lebte in Ziegenhain. Er stammte aus Breslau, wo er vor dem Krieg Kunst studiert hatte. Auch er durchlebte Kriegseinsatz und russische Gefangenschaft. Er kam bereits 1947 in die Schwalm nach Ziegenhain, wo er 1951 gemeinsam mit Günter Heinemann (Nr.2 in diesem Beitrag) die Gruppe »neue schwalm« gründete. Zwischen 1955 und 1970 erhielt er zahlreiche Aufträge für Wandgestaltungen. Er fertigte auch Entwürfe für Glasfenster, unter anderem 1957 für den Verbindungsbau zwischen dem wiederaufgebauten Universitäts-Hauptgebäude und der Aula. Heute ist es der Senatssaal mit der Professorengalerie. Außerdem schuf er Industriedesign und Werbegrafik. Im Museum der Schwalm wird er gewürdigt.

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giloka_2608_jcs_Hochschu_4c_3 © Dagmar Klein
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giloka_2608_jcs_Hochschu_4c_1 © Dagmar Klein
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giloka_2608_jcs_Hochschu_4c_2 © Dagmar Klein

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