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»Unhaltbare Zustände«

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Das Fachwerkhaus mit der Hausnummer 6 steht unter Denkmalschutz. Foto: Jung © Jung

Der Allendorfer Ortsbeirat geht auf die Barrikaden wegen der Verwahrlosung des Anwesens in der Untergasse 4-6. Die Stadt Gießen zeigt Verständnis für die Verärgerung der Anwohner.

Gießen. Die Scherben der zerborstenen Fensterscheiben des Fachwerkhauses in der Untergasse liegen noch auf dem Bürgersteig. Niemand kümmert sich offenbar um die Hinterlassenschaften eines Wutausbruches eines ehemaligen Bewohners der Häuserzeile. Im Hof liegt verstreut Müll, die Briefkästen im hinteren Teil des Anwesens sind mit alten Zeitungen vollgestopft. Der Hof und die Häuser 4 bis 6 sind in einem miserablen Zustand. Heruntergekommen sieht es bis auf das linke der Gebäude aus. Durch die eingeschlagene Scheibe kann man in ein Zimmer des Fachwerkhauses schauen, das vor einigen Jahren liebevoll restauriert wurde - davon ist heute nichts mehr zu sehen. Nur Müll und Gerümpel finden sich dort, wo einst Menschen wohnten, denen gekündigt wurde. Alles ist zum Schandfleck geworden.

Nach dem Bericht eines Anwohners hat die Bauaufsicht vor einiger Zeit das Anwesen inspiziert, weil einige Ziegel vom Dach herunter zu stürzen drohten. Alles wurde fotografiert und festgehalten.

Der Ortsbeirat hat sich schon vor einiger Zeit mit dem Schandfleck mitten im Kleebachdorf beschäftigt. Auch bei der kürzlichen Verkehrsschau ging das Gremium mit Bürgermeister Alexander Wright und Vertretern der Ordnungspolizei und dem Tiefbauamt an dem Anwesen vorbei. Und vor der Sitzung am Dienstagabend trifft sich das Gremium in der Untergasse zur Besichtigung. Die Westend Projekt- und Steuerungsmanagement GmbH (WPS) in Frankfurt ist Eigentümer des Anwesens, Vertreter des Unternehmens waren am 7. September dieses Jahres in der Ortsbeiratssitzung anwesend und stellten ihr Projekt vor. Nicht ohne skeptische Rückfragen der Kommunalpolitiker und von Zuhörern.

Der Ortsbeirat ist es leid mit den Zuständen und handelt jetzt erneut: Mit einem Antrag in der Sitzung am 1. November. »So jedenfalls kann die Situation nicht bleiben«, formuliert SPD-Fraktionsvorsitzender Tobias Blöcher seinen Ärger über die Zustände am Anfang der Untergasse. Der Ortsbeirat fordert deshalb die Stadt auf, »alles in seiner Kompetenz und im Hinblick auf das Hessische Wohnaufsichtsgesetz Mögliche zu unternehmen«, um die Missstände auf dem Gelände zu beenden. Zudem soll die Verwaltung der Stadt auf das Unternehmen WPS Einfluss nehmen und auf eine rasche Umsetzung der Bebauung und Vermietung oder Verkauf der Wohnungen hinwirken.

»Hart abgemietet«

Im vergangenen Jahr habe WPS »recht hart abgemietet«, schreibt Blöcher in seinem Antrag. Zoll und Polizei hätten mehrfach das Gelände aufgesucht, durch den abgelagerten Müll auf dem Hof würden Ratten angelockt. »Das Gelände im Ortskern hat sich mittlerweile zu einem Schandfleck entwickelt und die Ortsgemeinschaft schämt sich dafür«, heißt es weiter im Antrag, den die Bürgervertreter in der Sitzung beraten wollen. Dabei könnte man aus dem Gelände so viel Gutes entwickeln wie Sozialen Wohnungsbau, Mehrgenerationenwohnen, Betreutes Wohnen oder studentisches Wohnen, ergänzt die Begründung.

Die Stadt zeigt Verständnis über den Ärger in Allendorf. Zu dem derzeit verwaisten Areal schreibt Sprecherin Claudia Boje auf Anfrage: »Entsprechende Bauanträge vom Sept. 2021 für die Gebäude 4a und 4b gelten seit Jan. 22 als fiktiv zurückgezogen«. Unter einer fiktiven Rücknahme ist zu verstehen, wenn ein Bauherr vom Bauordnungsamt nachgeforderte Unterlagen nicht fristgerecht vorlegt.

Die Stadt weiß nicht, wie es in der Untergasse weitergeht, was der Eigentümer mit dem Komplex vorhat. Es entstehe ein Dilemma, nämlich Leerstand. Wenn ein Eigentümer sein Gebäude leer stehen lässt, ist das nicht verboten. Eingreifen können Behörden nur dann, wenn tatsächlich Gefahren für die Sicherheit und Ordnung von der (fehlenden) Nutzung ausgehen. Das Haus Nummer 6 steht unter Denkmalschutz. Das Augenmerk muss die Stadt durch die Denkmalschutzbehörde wegen dieser Situation darauf haben, dass das Fachwerkhaus durch seinen Leerstand nicht in der Substanz gefährdet wird. So wie das auch bei prominenten städtischen Beispielen schon geschehen ist. Boje berichtet auch, der Grundstückseigentümer werde von der Stadt eine formlose Aufforderung zur Beseitigung des Abfalls bekommen. Wenn er nicht reagiert, kann eine entsprechende Verfügung mit Androhung durch ein Zwangsgeld oder Ersatzvornahme erlassen werden.

Die Westend Projekt- und Steuerungsmanagement GmbH äußerte sich auf schriftliche Anfrage dieser Zeitung. Sprecherin Janina Doll teilt mit, das Unternehmen sei als Teil der Wohnungswirtschaft durch die Pandemie und den Ukrainekrieg sehr stark betroffen worden. Es fehle das Personal und die Kosten explodierten. Daher sei es WPS nicht möglich gewesen, den neuen Bauantrag zu stellen. Die GmbH ist mit der städtischen Bauaufsicht in der Abstimmung und geht davon aus, dass sie den Bauantrag noch vor Ende dieses Jahres stellen wird. Die Sprecherin teilt mit, dass entgegen Gerüchten die Anzahl der Wohnungen nicht erhöht werden kann und weist das zurück. »Grundsätzlich können wir uns gegen Vandalismus nicht wehren und wenn die Polizei uns da auch nicht helfen kann, sind uns leider die Hände gebunden«, nimmt sie Stellung zur derzeitigen Situation auf dem Gelände. Der Hausmeisterdienst werde nochmals beauftragt, die Liegenschaften zu kontrollieren. Nach Rückfrage dieser Zeitung wurde ein Bauzaun aufgestellt und das Gelände gesichert. Nach der Baugenehmigung sei das Unternehmen in der Lage, mit einen Vorlauf von sechs bis acht Wochen mit den Arbeiten zu beginnen. Zu Maßnahmen in dem Fachwerkhaus warte man die Baugenehmigung ab. »Das Gebäude wird auf jeden Fall erhalten«.

Für Ortsvorsteher Thomas Euler (SPD) ist es wichtig, dass die Stadt nicht nur verwaltungsrechtlich, sondern auch politisch auf den SPD-Antrag reagiert, äußert er gegenüber dem Anzeiger. Und verweist auf Artikel 14 des Grundgesetzes: Eigentum verpflichtet. Wegen der vielen Studierenden und der Geflüchteten gebe es eine akute Wohnungsnot, auch deshalb sei der Leerstand unverantwortlich. Vor seiner Sitzung am Dienstag trifft sich der Ortsbeirat um 19.30 Uhr in der Untergasse.

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Der Innenhof ist vermüllt. Mittlerweile ist das Anwesen durch einen Bauzaun gesichert. Foto: Jung © Jung

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