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Im April diesen Jahres protestierten Aktivisten vor dem Lungenforschungszentrum gegen Tierversuche an der Universität. Mehrere tausend Kuscheltiere wurden als »Stellvertreter« im Aulweg freigelassen. Archivfoto: Mosel

Bericht vorgestellt

Uni Gießen: Weniger Tierversuche in der Lehre

Die Zahl der an der JLU zu Ausbildungszwecken verwendeten Tiere ist zurückgegangen. Der Trend geht zu Alternativmethoden, doch auch die Corona-Pandemie spielt eine Rolle.

Gießen. Die Corona-Pandemie zeigt auch Auswirkungen auf den Einsatz von Versuchstieren in der Ausbildung von Studierenden. Laut Hessischem Hochschulgesetz soll auf Tierversuche in der Lehre sowie auf die Verwendung von toten Tieren möglichst verzichtet werden. An der Justus-Liebig-Universität (JLU) geht der Trend in Richtung Alternativmethoden. Die Corona-geschuldete Zunahme digitaler Formate trägt ebenfalls ihren Teil zu dieser Entwicklung bei: Im Jahr 2020 sind mehr als 200 Wirbeltiere weniger in der Lehre eingesetzt worden als noch 2018. Insgesamt liegt die Zahl gemeldeter Versuchstiere im Rahmen der studentischen Ausbildung bei 270 (2018: 474) - darunter fallen etwa Pferde, Hunde, Katzen, Vögel, Mäuse und »andere kleine Säuger«. Die obligatorischen Berichte der Tierschutzbeauftragten standen nun im Senat auf der Tagesordnung.

Einsatz digitaler Simulationen

Der Hackerangriff auf die Server der JLU im Dezember 2019 und die Einschränkungen der kurz danach ausgerufenen Corona-Pandemie haben die Vorlage der eigentlich jährlich dokumentierten Zahlen verzögert. So wurden die zusammengetragenen Informationen der vergangenen drei Jahre nun gebündelt vorgestellt. »Generell ist festzustellen, dass in allen Bereichen versucht wird, auf tierersetzende Methoden umzusteigen«, sagt Alexander Goesmann, der Vizepräsident für wissenschaftliche Infrastruktur, in der Senatssitzung. Neben Computersimulationen kämen Filme und andere digitale Modelle zum Einsatz, was sich »an vielen Stellen bereits bewährt« habe. »Wir hoffen, dass sich dieser Trend durchsetzt«, betont Goesmann.

Für die Erstellung der Berichte wurden zwei Abfragetabellen an die tierexperimentell tätigen Fachbereiche der JLU versendet und die Rückantworten sowie die jährlich vorgeschriebene Versuchstiermeldung zugrunde gelegt. »Klassische Tierversuche« gibt demnach noch in der Biologie und der Veterinärmedizin, genannt werden allerdings auch allerhand »tierersetzende Methoden«. So werden etwa im Fachbereich Biologie seit Jahren Simulationen zur Herzphysiologie routinemäßig durchgeführt: »Somit konnte ein Tierversuch, beziehungsweise eine Tiertötung und anschließende Organentnahme zu Lehrzwecken, vollständig ersetzt werden.« Studierende der Biologie können außerdem den tierschutzgerechten Umgang mit wildlebenden Kleinsäugern erlernen. Die notwenigen Kenntnisse werden zunächst mittels »Stellvertretern, wie zum Beispiel Stofftieren « verfestigt.

Darüber hinaus werden im Biologie-Studium laut Rücklauf an die Tierschutzbeauftragten »die nötigen wissenschaftlichen Kenntnisse in Anatomie, Histologie und Physiologie an Organen und toten Tierkörpern vermittelt sowie stoffwechselphysiologische Beobachtungen an Fischen durchgeführt«. Studierende, die sich für eine Spezialisierung im Fach Immunologie entscheiden, lernen außerdem Techniken zur Präparation von Organen der Maus.

Konkret wurden im Fachbereich Biologie den Angaben im Bericht für 2020 zufolge 215 Tiere im Rahmen der Ausbildung verwendet; im Jahr 2018 waren es noch 389 Tiere. Insbesondere die Anzahl an Ratten (2018: 75) und Fischen (2018: 40) ist zurückgegangen. In der Tabelle für 2020 stehen beide Tierarten auf null.

Auch in der Veterinärmedizin erhalten inzwischen zahlreiche Alternativmethoden den Vorzug. Seit 2020 wird etwa auf die Übung zur Magen-Darm-Physiologie an Ratten verzichtet. Unter »Verwendung von Tieren« sind unter anderem praktische physiologische Übungen für die Diagnostik an Ziegen gelistet. Die Wirbeltiere in den Präparierkursen stammen aus der Pathologie oder sind von niedergelassenen Tierärzten aus Krankheitsgründen eingeschläfert worden.

»Kadavermaterial« in der Medizin

Zugekauft werden laut Bericht nur Schafe und Hühner, die aus Alters- und Krankheitsgründen aus landwirtschaftlichen Betrieben abgegeben wurden. Für den Praktikumsversuch werden laut der erhobenen Zahlen keine Tiere getötet. Die Pferde-Klinik setze auf »Schlachthofmaterial« zur Übung von Injektionen und Ultraschalluntersuchungen. Auf den Fachbereich entfallen für 2020 in Summe 55 zu Ausbildungszwecken verwendete Tiere (2018: 85), darunter vier Ziegen, sechs Katzen, 14 Hunde und 20 Vögel. Auch hier wurden 2020 keine Ratten mehr benutzt, 2018 waren es noch 16.

In den Agrarwissenschaften wird zu »Demonstrationszwecken« auf »Schlachthof- und Kadavermaterial« zurückgegriffen. Ebenso im Medizinstudium. Übungen, bei denen früher Tierversuche durchgeführt wurden - etwa zu Nerven, Muskulatur und Herz - sind durch digitale Simulationen ersetzt worden. Gleiches gilt hinsichtlich der »Mastzelldegranulation durch Arzneimittel«. Anstelle eines Tierversuchs wird seit 2018 »Filmmaterial zur Veranschaulichung« gezeigt.

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