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»Unredliche Praxis« in Sommerferien

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Es kommt immer wieder vor, dass befristet angestellte Lehrkräfte in den Sommerferien nicht bezahlt werden. Im Zuständigkeitsbereich des Staatlichen Schulamtes für den Landkreis Gießen und den Vogelsbergkreis seien davon aber nur wenige Pädagoginnen und Pädagogen betroffen. Woran liegt das? Symbolfoto: dpa © Red

Lehrerarbeitslosigkeit in den Sommerferien sei in Hessen ein Problem, kritisiert die SPD-Landtagsabgeordnete Nina Heidt-Sommer. Gießen steht aber offenbar besser da. Woran liegt das?

Gießen. Alle Sommerferien wieder dürfen sich Schülerinnen und Schüler darauf freuen, sechs Wochen durchzuschnaufen. Gleichzeitig droht befristet angestellten Lehrkräften, nicht bezahlt und in die Arbeitslosigkeit geschickt zu werden. Das sei zwar »gängige Praxis in allen Bundesländern«, so die heimische SPD-Landtagsabgeordnete und Bildungspolitikerin Nina Heidt-Sommer, »aber Hessen gehört zu den Ländern, die diese unredliche Praxis besonders intensiv anwenden«. Häufig seien davon junge Kolleginnen und Kollegen betroffen, die nach abgeschlossenem Referendariat lediglich mit befristeten Verträgen ausgestattet würden.

Das Problem existiert jedoch offenbar nicht überall in gleichem Maße - und spiele »im Zuständigkeitsbereich des Staatlichen Schulamts für den Landkreis Gießen und den Vogelsbergkreis keine große Rolle«, versichert dessen Leiter Norbert Kissel auf Anfrage des Anzeigers. Diesen Eindruck bestätigen auch Nina Heidt-Sommer und Susanne Arends, Vorsitzende des Kreisverbandes der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW). »Dass in Gießen keine oder wenige Lehrkräfte, die im vergangenen Schuljahr als Lehrerinnen und Lehrer gearbeitet haben, über die Sommerferien arbeitslos sind, ist eine gute Nachricht für unsere Region und spricht für die handelnden Personen im Schulamt«, erklärt die Sozialdemokratin. Hessenweit sehe die Situation anders aus.

»Sachlicher Grund für die Befristung«

Per Erlass ist geregelt, dass befristete Arbeitsverträge mit Vertretungslehrkräften den Zeitraum der Sommerferien berücksichtigen müssen, »wenn sich der Einsatz der Vertretungslehrkraft im Unterricht unmittelbar bis zum Beginn der Sommerferien erstrecken soll, die zu vertretende Lehrkraft nach der bei Vertragsschluss zu stellenden Prognose darüber hinaus auch während der gesamten Sommerferien ausfällt und die Gesamtvertragsdauer einschließlich der Sommerferien mindestens 35 Kalenderwochen beträgt«, erläutert Norbert Kissel. In diesen Fällen sei davon auszugehen, dass der »sachliche Grund für die Befristung« auch während der Sommerferien gegeben ist, weil die Lehrkräfte außer in ihrem Erholungsurlaub »nicht von ihrer Arbeitspflicht freigestellt sind« und »ihre Arbeitsleistung grundsätzlich jederzeit vom Arbeitgeber abgerufen werden kann«. Beispielsweise falle die Vor- und Nachbereitung des Schuljahres an, ebenso könnten Konferenzen stattfinden.

Warum aber steht der Großraum Gießen-Vogelsberg nun möglicherweise besser da als der Rest des Bundeslandes? »Der Hauptgrund dafür liegt darin, dass bei uns die Quote bei der Besetzung von Stellen für Lehrerinnen und Lehrer sehr hoch ist«, betont Norbert Kissel. Dabei sei zweifelsohne die Nähe zur Justus-Liebig-Universität und zum Studienseminar als Ausbildungsorte von Bedeutung. »Die jungen Leute, die hier ihre Ausbildung abschließen, möchten sehr häufig auch im Zuständigkeitsbereich unseres Amtes tätig werden, weil sich für sie vor allem der Raum Gießen als Wohnort und Arbeitsplatz als attraktiv erweist«, meint der Schulamtsleiter. Der Vorteil: Für die hiesigen Schulen stünden sie als qualifizierte Lehrkräfte zur Verfügung.

Hinzu komme jedes Jahr eine Vielzahl an Versetzungsanträgen. »Die Leute wollen gerne zu uns. Darüber sind wir verständlicherweise sehr froh und bemühen uns nach besten Kräften, längerfristige Beschäftigungen zu ermöglichen.« Aus all dem resultiere, dass nur in sehr wenigen Einzelfällen der Vertrag mit dem Schuljahr auslaufe und die Sommerferien nicht vergütet werden. Konkrete Zahlen nannte Norbert Kissel nicht.

Einstellung erst drei Tage vor Unterrichtsbeginn

Alles in Ordnung sei in Gießen allerdings auch nicht, wendet wiederum Nina Heidt-Sommer ein und verweist auf jene Lehrkräfte, die den Vorbereitungsdienst gerade frisch absolviert haben. Sie werden nämlich erst drei Tage vor Unterrichtsbeginn im neuen Schuljahr eingestellt, das wäre diesmal also der 2. September. In der Regel beenden Referendarinnen und Referendare ihr Dienstverhältnis zum 31. Juli. Kolleginnen und Kollegen, »die auf eine anstrengende Zeit und eine erfolgreiche zweite Staatsprüfung zurückblicken«, seien somit zunächst eine »längere Zeit ohne Beschäftigung«, kritisiert die Landtagsabgeordnete. Und fügt hinzu: »Das sind unsere Fachkräfte der Zukunft. Lehrkräfte im Vorbereitungsdienst verdienen nicht viel und können keine Rücklagen bilden. Sie brauchen jetzt Urlaub und können vor ihrem ersten Schuljahr als Lehrerinnen und Lehrer nicht jobben gehen. Das Land Hessen sollte die Leute, die ab dem kommenden Schuljahr als Lehrkräfte arbeiten, besser behandeln.« Nina Heidt-Sommer plädiert dafür, eine Einstellung schon zum Schuljahresbeginn am 1. August zu vollziehen.

Nach Darstellung von Norbert Kissel ist die Anzahl der Personen, die im August keine Bezüge erhalten, ebenfalls gering. Und die Formulierung »längere Zeit ohne Beschäftigung« relativiere sich im Übrigen dadurch, »dass diese jungen Leute in unserem Zuständigkeitsbereich bereits ab September in ein Beamtenverhältnis eintreten können«.

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