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Unruhe, Nervosität, Schlaflosigkeit

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Der Computerspielklassiker »Snake« - viel mehr Unterhaltung liefert das Ersatz-Handy nicht. © Mosel

Internet-Fasten im Selbstversuch: Prof. Rudolf Stark, Psychologe an der Uni Gießen, erklärt die Prozesse bei Verhaltenssüchten und wann die Alarmglocken angehen sollten.

Gießen. Immer schön den kleinen Punkt im Auge behalten, auch wenn der pixelige, sich stets im rechten Winkel bewegende Balken länger und länger wird. Ja, ich spiele »Snake«. Denn viel mehr bietet mein Handy aus dem Jahr 1999 nicht. Telefonieren, SMS und eben der Computerspielklassiker - das sind meine Top-Funktionen der vergangenen Woche. Okay, ein Highlight war auch, als ich im Nokia 5110 endlich die Möglichkeit entdeckt habe, die Uhrzeit anzuzeigen. Wie viele Funktionen mein Smartphone hat, weiß ich gar nicht. Ich will es auch nicht wissen, denn das Ding ist weg, eingeschlossen an einem mir unbekannten Ort. Bis Ostern will ich im privaten Bereich offline bleiben. Dass ich dieses Vorhaben nicht sofort wieder abgebrochen habe, wundert mich selbst.

Verschiedene Störungen

Auch nach einer Woche Abstinenz greife ich reflexartig neben mich, in die Hosen- oder Jackentasche und damit: ins Leere. Oder eben zu meinem Ersatz-Handy aus dem letzten Jahrtausend, das seinem Nach-Nach-Nach-Nach-Nach-Nach-Nachfolger (ich erinnere mich an alle Verflossenen) leider nicht annähernd das Wasser reichen kann.

Der Auftakt meines Fasten-Experiments bringt mir eine Reihe besorgter Kommentare ein. Meine ermittelte Bildschirmzeit sei schon bestürzend, sagt ein Kollege. Eine Freundin findet den Wert von über sieben Stunden an einzelnen Tagen ebenfalls sehr hoch. Um dann nach dem Blick in die eigene »Digital Balance« festzustellen, dass sie mit meiner Nutzungsfrequenz durchaus mithalten kann. »Wir sind von den Dingern abhängig«, meint ein Freund wenig überrascht zu meinen Online-Zeiten. Und so fühlt sich das für mich auch an. Tatsächlich ist die Internetsucht aber ein Überbegriff, der nicht zur Einordnung klinischer Störungen taugt, verdeutlicht Rudolf Stark, Professor für Psychotherapie und Systemneurowissenschaften an der Justus-Liebig-Universität (JLU). Von einem Medium kann man also gar nicht abhängig sein, sondern vielmehr von den Inhalten, die transportiert werden.

Bezogen auf das Internet gibt es demnach verschiedene inhaltlich definierte Störungen. Die bekannteste ist die »Gaming Disorder«, die Computerspielsucht. Die Social-Media-Abhängigkeit ist hingegen bislang am wenigsten in krankheitsbezogenen Begriffen verankert. »Wir gehen aber davon aus, dass auch hier eine Suchtform vorliegen kann«, sagt Stark. Um, auch im klinisch relevanten Sinn, von einer Abhängigkeit zu sprechen, müssen aber mehrere Kriterien erfüllt sein. »Das Entscheidende ist der selbsterlebte Kontrollverlust - sich vorzunehmen, weniger zu konsumieren, es aber regelmäßig nicht zu schaffen.« Die fehlende Kontrolle muss außerdem von »massiven negativen Konsequenzen« begleitet werden. Hierin liegt auch der Unterschied zur schlechten Gewohnheit. Stark nennt zum Beispiel fehlende Leistungsfähigkeit im Beruf, was zu einer Abmahnung führen kann. Mit der Etablierung von Smartphones konnten Psychologen eine weitere Entwicklung beobachten. »Das Internet in der Hosentasche zu haben, bedeutet ständige Verfügbarkeit«, konkretisiert der JLU-Professor. Damit stiegen auch die Probleme mit Krankheitswert.

Während ich meinen Selbstversuch zu Beginn noch witzig finde - schließlich bedient er auch den aktuellen Retro-Trend und erinnert mich an den grellen SMS-Standardton von vor knapp 25 Jahren - kippt in den Folgetagen die Stimmung. Eigentlich schaue ich nach dem Aufwachen zuerst auf die eingegangenen Push-Meldungen. Noch vor dem Frühstück checke ich ausgiebig News-Apps, Chats und Social-Media-Profile, höre dabei Musik oder einen Podcast. Abends dasselbe: Der Film oder der Serie kommt von einem der zahlreichen Streamingportale, währenddessen wird über das Smartphone weiter kommuniziert. Als das wegfällt, werde ich unruhig, nervös und weiß nichts mit mir anzufangen. Klar, ich könnte ein Buch lesen, Fenster putzen oder »normal« fernsehen, aber dennoch fehlt mir das Smartphone, dass ich sonst »nebenbei« benutze.

Für die Unfähigkeit, das Handy einfach mal beiseite zu legen sind Konditionierungsprozesse verantwortlich. »Ist es etwa eingespielte Routine, sich einen Kaffee einzuschenken und dann die eingegangenen Nachrichten auf dem Handy zu lesen, speichert das Gehirn diese Verbindung ziemlich schnell. Was über das Internet transportiert wird, zieht häufig eine Aufmerksamkeitsfokussierung nach sich, man fühlt sich gut. Im Gehirn wird also die Verbindung hergestellt: Wenn ich Kaffee trinke, ist es super, dabei auf’s Handy zu schauen«, verdeutlicht Stark. Wird diese Verhaltensweise unterbrochen, entsteht im Falle einer Suchtentwicklung das, was Psychologen »Craving« nennen, starker Suchtdruck und das Verlangen, wieder wie gewohnt zum Handy zu greifen.

Vorsicht geboten

Die empirische Forschung zeigt, dass die ablaufenden Prozesse bei Verhaltenssüchten ähnlich denen bei substanzbezogener Drogenabhängigkeit sind, auch wenn im Körper pharmakologisch etwas anderes passiert. »Über Entzugssymptome weiß man wenig, da es kaum Menschen gibt, die komplett auf ihr Smartphone verzichten. In der Regal wird weiter konsumiert«, so Stark. Die Unterbrechung des Automatismus könne sich allerdings in Unruhe, Nervosität und Schlaflosigkeit niederschlagen. »Was wir in der Therapie leisten müssen, ist, dass neues Verhalten aufgebaut wird.« Durch neue Verknüpfungen im Gehirn sollen so alte Muster ersetzt werden. Vorsicht ist dann geboten, wenn eine Tätigkeit immer mehr Raum im Leben einnimmt, etwa alte Hobbys an Wertigkeit verlieren, sich Automatismen einschleichen und »Social-Media-Kanäle abklappern« regelmäßig das Treffen mit Freunden ersetzt. »Das sind Punkte, wo Alarmglocken angehen sollten«, fasst der Psychologe zusammen.

Solche Warntöne liefert das Smartphone leider nicht. Dabei wäre das technisch wohl ohne weiteres möglich: »Hey, Du sitzt schon ganz schön lange drinnen. Geh´ mal wieder raus, schalt´ mich solange aus« - oder so ähnlich. Ich hätte jedenfalls Zeit.

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