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»Unsicherheit bremst Firmen aus«

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Bei der IHK-Vollversammlung in Gießen wurden unter anderem die Folgen von Ukraine-Krieg, Corona-Pandemie und maroden Autobahnbrücken erörtert und Resolutionen verabschiedet.

Gießen . Auswirkungen durch Ukraine-Krieg und Corona-Pandemie sowie Klimawandel, Menschenrechte, nachhaltige Lieferketten und marode Autobahnbrücken: Die Tagesordnung bei der Vollversammlung der Industrie- und Handelskammer (IHK) Gießen-Friedberg am späten Dienstagnachmittag ähnelte zumindest von den Themen her schon fast einer Sitzung der Vereinten Nationen (UN). Wie auf globaler Ebene wurden auch bei der IHK gleich mehrere Resolutionen verabschiedet, und das in allen Fällen einstimmig, was man der UN wiederum voraus hat. Die wohl bedeutendste Abstimmung des Tages betraf den Angriffskrieg Russlands gegen die Ukraine. Durch diesen »werden Menschenrechte brutal missachtet«, »als IHK setzen wir uns für Völkerverständigung und ein friedvolles Miteinander ein« lauten zwei der wichtigsten Passagen daraus. Während in anderen die »Solidarität« für die Ukraine und ihre Bevölkerung betont und auf die durch den Konflikt entstandene »Unsicherheit, die Unternehmen deutlich ausbremst«, hingewiesen wird. »Wir hatten Sehnsucht nach Normalität nach der Corona-Krise. Stattdessen sehen wir nun Szenarien zwischen Kaltem Krieg 2.0 und Drittem Weltkrieg«, brachte IHK-Präsident Rainer Schwarz die derzeitige Stimmungslage auf den Punkt.

Resolution zu A45

Umso schwerer fiel es allen Anwesenden im nach langer Zwangspause wieder einmal gut gefüllten Sitzungssaal danach, zur Tagesordnung überzugehen. Doch durfte man gespannt sein, was die jüngste Standortumfrage zu Auswirkungen der Corona-Krise bei Unternehmen ergeben hat, für die erneut Prof. Stefan Hennemann vom Bereich Wirtschaftsgeographie des Instituts für Geographie der Justus-Liebig-Universität (JLU) verantwortlich zeichnete. 389 Firmen, die laut Hennemann ein Fünftel aller Beschäftigten des IHK-Bezirks repräsentieren, waren zu 37 Standortkriterien befragt worden. Dabei fand es der Wissenschaftler »sehr bemerkenswert«, dass »die Unternehmen des Kammerbezirks sehr gut durch die Krise gekommen sind«. Allerdings war die Befragung noch vor Beginn des Ukraine-Kriegs erfolgt. Doch hätten die Firmen gerade während der Corona-Pandemie gelernt, wie sehr es »auf die weichen Standortfaktoren ankommt«, sagte Hennemann. So findet sich bei den genannten Handlungsprioritäten neben der Verfügbarkeit von Fachkräften, der Breitbandanbindung und dem Dauerbrenner kommunale Steuern und Abgaben auch das Standortmarketing durch die Gemeinden. Insbesondere die Digitalisierung von Serviceangeboten der Verwaltung sei »ein Thema, das viel ernster genommen werden muss«, mahnte Hennemann.

Große Sorgen bereitet der IHK und ihren Mitgliedsfirmen der schlechte bauliche Zustand vieler Autobahnbrücken. Spielen Transportwege doch eine entscheidende Rolle für Geschäftserfolg und Wettbewerbsfähigkeit. Welch hohe Kosten hier drohen, verdeutlichte Hauptgeschäftsführer Dr. Matthias Leder am Beispiel der Rahmede-Talbrücke der A45. Durch die jahrelange Sperrung mit Umleitung wegen der Brückenerneuerung seien allein hier rund 1,8 Milliarden Euro an wirtschaftlichen Schäden zu erwarten. Da sich von den bundesweit 27 000 Autobahnbrücken sogar 3000 in schlechtem Zustand befinden, und davon viele im Kammerbezirk, haben sich die IHKs Gießen-Friedberg, Lahn-Dill und Limburg für die Resolution »Für eine funktionsfähige A45 - Reparatur jetzt!« zusammengetan, in der die Politik unter anderem dazu aufgefordert wird, die nötigen Finanzmittel und Planungskapazitäten für den Erhalt der Verkehrsinfrastruktur bereitzustellen und Versäumnisse letzter Jahrzehnte nachzuholen.

Genauso einstimmig wie das vorherige verabschiedet wurde das Positionspapier »Nachhaltiges Wirtschaften - wie das Spannungsfeld zwischen Ökologie, Ökonomie und Soziales gelebt werden kann«. In elf Punkten geht es der IHK Gießen-Friedberg darin vor allem um Maßnahmen gegen die Folgen des Klimawandels sowie Wege zur Erreichung von mehr Nachhaltigkeit in verschiedenen gesellschaftlichen Bereichen.

Seine Schatten bereits voraus wirft das Lieferkettensorgfaltspflichtengesetz, kurz LkSG. Es verlangt auch von mittelhessischen Unternehmen, bei ihren Lieferketten stärker darauf zu achten, dass Menschenrechte und Umweltstandards eingehalten werden. Ab 2023 gilt das LkSG zunächst für Firmen ab 3000 Mitarbeitern, ab 2024 dann für Unternehmen mit 1000 Beschäftigten oder mehr. Ein Gesetzesentwurf der Europäischen Union (EU) zur selben Thematik geht sogar noch einen Schritt weiter. Demnach sollen bereits Firmen ab 250 Mitarbeitern und einem Jahresumsatz von über 40 Millionen Euro einbezogen werden. In beiden Fällen können Unternehmen bei Verstößen haftbar gemacht werden.

Lieferketten & Infos

Beim LkSG sei »die gesamte Wertschöpfungskette«, inklusive Rohstoffgewinnung, betroffen, machte Tim Müller, stellvertretender Leiter des IHK-Geschäftsbereichs International, das Ausmaß deutlich. Bei der folgenden Onlinediskussion, zu der Paul Nemitz von der Europäischen Kommission und Philipp Nüßlein vom Deutschen Industrie- und Handelskammertag (DIHK) zugeschaltet waren, trafen Pro- auf Contra-Argumente aufeinander. In einem war man sich jedoch einig: Firmen, die ihre Sorgfaltspflicht bei Lieferketten, auch vom und ins Ausland, nicht ernst genug nehmen, »werden nicht wettbewerbsfähig sein«, so Nüßlein.

Erst seit Dienstagabend auf der IHK-Homepage (giessen-friedberg.ihk.de) online ist ein 28 Minuten langes Video mit einem Interview mit Prof. Ferdinand Kirchhof. Der frühere Vizepräsident des Bundesverfassungsgerichts stellt sich darin den Fragen von Matthias Leder zu den Aufgaben der »IHK von morgen«.

Ebenfalls neu ist die Infobroschüre »Was habe ich davon?«, die kompakt zusammenfasst, welche Leistungen die Industrie- und Handelskammer für den Mitgliedsbeitrag bietet. Schließlich ermöglicht die Homepage noch einen Überblick all der Veranstaltungen und Aktionen, die im Rahmen des 150-jährigen Jubiläums bis hin zum Herbst anstehen.

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