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»Unter jedem Dach ein Ach«

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Das herrschaftliche Anwesen in der Wilhelmstraße/Ecke Rothohl gehörte einst dem Zigarrenfabrikanten Ferdinand Gail, später der Familie Ludwig Rinn aus Heuchelheim. Heute ist dort das Institut für Ernährungswissenschaften der Universität Gießens untergebracht. © Czernek

Die Stadtführung mit Dr. Jutta Failing durch das Gießener Villenviertel offenbart den interessierten Teilnehmern Lustiges und Trauriges aus längst vergangenen Tagen.

Gießen. Gießen verfügt über viele keine architektonische Schatzkästchen, die viel zu oft übersehen werden. Somit hat Gießen irgendwann einmal den Stempel der Hässlichkeit aufgedrückt bekommen. Gegen diesen Makel kämpft die Tourist-Information seit Jahren mit ihren kreativen Stadtführungen an. Neu im Programm aufgenommen wurde ein Rundgang durch das Südviertel Gießens mit dem Namen »Villen, Gärten, Dienstboten - Der Gießener Millionärshügel«, fachkundig geführt von Dr. Jutta Failing.

»Es ist ein tolles Viertel und zu fast jedem Haus findet sich eine bemerkenswerte Geschichte«, erzählte die Stadtführerin zu Beginn und sie sollte recht behalten: Dank ihrer gewissenhaften Recherche konnte sie viele Häuser berühmten Bewohnern oder Besitzern zuordnen. So konnte sie den Teilnehmern zeigen, in welchen Haus Margarete Bieber einmal gewohnt hatte oder welches Haus der Gießener »Gallensteinpapst« Peter Poppert einst bauen und einrichten ließ.

Bemerkenswert ist die Vielseitigkeit der unterschiedlichen Baustile in dem Bereich von Wilhelm- und Liebigstraße: Da findet sich ein Anwesen im Klassizismus neben einem Jugendstilhaus und daneben, gekrönt mit einem falschem Fachwerkaufbau, ein Haus im Landhausstil. »Vieles an den Dekoren ist hier noch im Original erhalten«, darauf wies sie gerne hin. Es lohnt sich also seinen Blick nach oben zu richten, gerade in diesem Karee. Dort stehen prächtige Häuser und Villen, die alle ab Mitte des 19. Jahrhunderts entstanden. Gießen erlebte in dieser Zeit einen enormen wirtschaftlichen Aufschwung und.

Ausgehend von dem neu errichteten Universitätshauptgebäude siedelten sich Professoren und Beamte rundherum an und auch die neue Klinik auf dem Seltersberg war ein entsprechender Anziehungspunkt. Schließlich war die Luft dort oben weitaus besser als in der stickigen Altstadt. Später kamen Kaufleute und Industrielle dazu, die sich wie selbstverständlich in der »Belle Etage« Gießens, am oberen Teil der Ludwigstraße, ansiedelten. »Allerdings fehlte der Adel, den gab es hier nicht«, erläuterte Jutta Failing. In den alten Adressbüchern sind klingende Namen wie Gail, Bänninger oder Heyligenstaedt zu finden. Diese Industriellen kamen von außerhalb Gießens, gründeten ihre Firmen und hatten ihre Häuser natürlich auf der Anhöhe. Man genoss den herrschaftlichen Blick über die Stadt und das Tal. So wurde die Frankfurter Straße als Prachtstraße angelegt und auch Wilhelm- und die Liebigstraße entsprechend großbürgerlich geplant.

»An den Häusern und ihrer Ausstattung wurde nicht gespart. Man zeigte bewusst, was man hatte und holte sich gern bekannte Architekten für den Bau oder zur Anlage der Gärten ins Haus«, berichtete die Führerin. Die Häuser waren großzügig und modern, die Gärten gepflegt und für alles hatte man Personal. Damit alles sittsam und geregelt ablief, gab eine eigene Gießener Gesindeordnung: Die sofortige Kündigung erfolgte bei Schwangerschaft, bei der Weigerung der Abgabe des Dienstbuches oder wer länger als 14 Tage krank war. Wer es mehr als 50 Jahre bei einer Familie ausgehalten hatte, der hatte ein Anrecht auf den Orden für Dienstmädchen, der von 1895 bis 1918 verliehen wurde - ein selten hässliches Teil, das Jutta Failing den Teilnehmern zeigte.

In Failings Erläuterungen kamen viele kleine Marotten und einige Kuriositäten zu Tage, mal lustig, mal traurig, denn auch ein noch so prachtvolles Gebäude kann vor Leid nicht schützen. »Unter jedem Dach ein Ach«. So war Max Bänninger, einer der Söhne des Firmengründers, ein leidenschaftlicher Käfersammler. Peter Wilson, ein aus Schottland stammende Ingenieur, war im Gießener Bergbau erfolgreich tätig. Sein Haus stand in der Wilhelmstraße/Ecke Rodthohl. Er hielt sich in seinem Anwesen eine eigene Kuh und lief bei Regen auf Kinderstelzen zu seiner Arbeit in den heutigen Bergwerkswald. Von dem ehemals prachtvollen Gebäude ist nur sind nur noch zwei Mauern des Eingangstores erhalten.

Eigentümer und Erbauer der Prachtbauten sind längst verstorben und die wenigsten Häuser sind noch im Besitz der einstigen Familien. Die kurzweiligen Geschichten, die durch Erzählungen einiger Teilnehmer noch ergänzt und ausgeschmückt wurden, machte die Führung zu einem rundum gelungenen Erlebnis, sodass man kaum merkte, dass sie gut zwei Stunden dauerte. »Wir hätten ihnen noch weitere zwei Stunden zuhören können«, war der Tenor

Da es rein zu Fuß durch die Straßen geht und es kaum Sitzgelegenheiten gibt, ist diese Führung nur für Leute zu empfehlen, die über ein entsprechendes Durchhaltevermögen verfügen. Es gibt noch weitere Termine, die über die Tourist-Information (tourist@giessen.de) zu buchen sind. Jutta Failing bietet auf Wunsch auch Gruppenführungen an (jutta.failing@glueckshaut.de).

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Unterhaltsam präsentierte Dr. Jutta Failing viel Wissenswertes über Gebäude und ihre einstigen Bewohner. © Czernek

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