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Unterwegs auf dem »Narrenschiff«

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Von: Thomas Wißner

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Mit anarchischem Witz: Maler Oleg Nekrasov (rechts) und Laudator Christof Schütz vor dem Werk »Windstille« . Foto: Wißner © Wißner

Gießen (twi). Fast 40 Arbeiten des Malers Oleg Nekrasov sind bis Weihnachten in der Gemeinschaftspraxis Dr. Bender und Bernhold in der Gartenstraße 18 zu sehen. In Anwesenheit des Künstlers führte Dr. Christof Schütz bei der mittlerweile 33. Vernissage in die Ausstellung mit dem Titel »Das Narrenschiff« ein.

Nekrasov zeigt in seinen Werken einen kritisch-ironischen Blick auf die Welt. Seine Arbeiten erinnern an surrealistische Bilder von Max Ernst oder Salvador Dali. Die Figuren wirken karikaturhaft und eröffnen einen Bild- und Erfahrungsraum, der auch Bezüge zur Ikonenmalerei aufweist. Der 1970 in Usbekistan geborene Autodidakt zeichnet seit seiner Kindheit.

Im Alter von 33 Jahren begann er Ölfarben zu verwenden. Nekrasovs »work in progress« zeige sich nach den Worten von Laudator Schütz bereits in der äußeren Form der Darstellung, in Gleichmaß und Auflösung, Präzision und Brechung, Organisation und Chaos. »In all seinen Bildern bleiben die Ränder frei, werden Malgrund und Leinwand erkennbar - und dies gibt den Arbeiten etwas Unabgeschlossenes, Provisorisches - wie es der Situation des Künstlers entspricht«, so Schütz weiter.

Auch der Verzicht einer Rahmung sei eine ästhetische Entscheidung. Deutlich werde somit auch die Flüchtigkeit der Situation, der Auflösung bestehender Gewissheiten. Gleichzeitig schaffe das Unfertige in seiner Regelmäßigkeit der äußeren Form eine neue innere Ordnung. »Könnte man die Stimmen der Bilder hören, es wäre wohl ein lustiges, teils kakophonisches Kauderwelsch und Durcheinander. Gleichzeitig entsteht optisch eine Rhythmik, die der Unruhe entgegenwirkt«, ging Schütz auf die im Mittelpunkt stehenden großen quadratischen Arbeiten ein.

Drei altmeisterliche Arbeiten in Öl finden sich in der Ausstellung. Wiederkehrende Motive sind Fische und Augen, zudem erscheinen religiöse Zeichen wie der Heiligenschein und das Kreuz. So werde deutlich: »Diesem Künstler ist nichts heilig.« Die kleineren Arbeiten zeichneten Witz und Satire aus. In ihnen sei nichts, was es scheint. Das Spiel mit eingefahrenen Sehgewohnheiten werde lebendig durch satirische Brechungen. »Da legt sich der Heilige eine Patience, da sitzt das Narrenschiff bei Windstille auf dem Trockenen, während der Schiffer mit seinem Ruder verwundert feststellt, dass es nicht vorwärts geht. Wenn man die Welt als das Narrenschiff betrachtet, das sie ist, könnte man verzweifeln, wenn es nicht die Anarchie des Witzes und der Satire gäbe«, befand der Laudator.

Zu entdecken sei in dieser Ausstellung ein beglückendes Element des Triumphes und ein Sieg über Perversion und Brutalität der Gegenwart. »Diese Beglückung verdanken wir der Kunst Oleg Nekrasovs.«

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