Unvollständiges Ensemble

Zum Artikel »An Ria Deeg scheiden sich die Geister« vom 4. Dezember: Die Auseinandersetzung um die längst fällige Ehrung der Gießener Widerstandskämpferin Ria Deeg im Kulturausschuss endete wieder in peinlichem Gerangel. Schon einmal wurden alle Versuche abgeblockt mit der »Lex Ria Deeg«, die die Frist von Ehrungen von zehn auf 20 Jahre erhöhte. Das nun von OB Grabe-Bolz vorgelegte »Gutachten«, federführend erstellt von der früheren SPD-Stadtverordneten Krautheim, schildert Ria Deeg als integre, bewundernswerte Persönlichkeit, die sich für Menschlichkeit und Demokratie einsetzte.

Das politische Wirken der Kommunistin, die zeitlebens Mitglied der DKP war und bis ins hohe Alter gegen Faschismus und Krieg eintrat, fehlte. Falls das zur Milde bewegen sollte, hat es nichts genützt.

Die Ehrung mit einer Stele in der Plockstraße, wo bereits anderer Antifaschistinnen gedacht wird, ließen CDU, FDP und der eigene Koalitionspartner, die Grünen, nicht zu. Das war früher anders. Als 1987 Ria Deeg nach dem einstimmigen Beschluss des Stadtparlaments in einer Feierstunde vom damaligen OB Mutz die Goldene Ehrennadel, die höchste Auszeichnung der Stadt Gießen, überreicht wurde, würdigten Vertreter aller Parteien die mutige und konsequente Antifaschistin.

An der Maxime »Nie wieder Faschismus, nie wieder Krieg« hat Ria Deeg ihr Leben lang festgehalten. Nach dem Krieg und bis in die 80er Jahre war diese Maxime Konsens aller Demokraten in der BRD. Das änderte sich Ende der 90er Jahre, als die SPD/Grünen-Koalition erstmals wieder Krieg führte und mithalf, Serbien in die Steinzeit zurückzubomben. Heute geht es um »Werte« und »Menschenrechte«, und wieder sind es die Grünen, die am lautesten einen Krieg gegen Russland/China herbeireden. Und die FDP will passenderweise die Gießener Städtepartnerschaft mit Wenzou kündigen.

Wenn auch auf dieser Sitzung kein Beschluss gefasst wurde, bleibt es dabei: Ohne Ria Deeg, die sich in Gießen wie keine andere im Kampf gegen den Hitler-Faschismus eingesetzt hat und dafür Jahre ins Zuchthaus gesperrt wurde, ist dieses Ensemble unvollständig. Es ist gut, dass es noch Sozialdemokraten gibt, die nicht vergessen haben, dass Mitglieder ihrer Partei wie die der KPD gemeinsam in den KZs saßen und an der Losung »Nie wieder Faschismus, nie wieder Krieg« festhalten. Erika Beltz, Gießen

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