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»....uuuund Action«

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Die Kamera läuft, der Bischof predigt, die Faktencheckerin widerspricht - was macht der Regisseur? © dpa

Es begab sich aber zu der Zeit, als Deichgraf Olaf gerade den Palast der ewigen Kaiserin eingenommen hatte, dass der Bischof die Kanzel des Doms erklomm, denn es war wieder Weihnacht. Und damit war die Zeit gekommen, in der dem Volk, das seit mehr als 2000 Jahren im Finstern wandelte, heimgeleuchtet werden sollte.

Traurig ließ der Bischof den Blick durch das prächtig herausgeputzte, doch leider leere Kirchenschiff schweifen, denn eine üble Pestilenz hatte das Land heimgesucht und wollte auch im zweiten Jahr nicht weichen. Drum hatte der Leib-Feldscher des Deichgrafen ein Gebot verfügt, dass alle Welt sich während des Fests daheim verberge, auf dass der Würgengel ihn nicht finden möge. Lediglich ein Fernseh-Team hatte sich vor der Kanzel des Bischofs versammelt, um dessen Worte hinaus zu den Menschen an den Endgeräten zu senden.

»Weihnachtspredigt 2021, die erste ... uuund Action«, sagte ein junger Mann, der zu des Bischofs Missfallen ein Gewand mit der Aufschrift »Bad Religion« trug, auch wenn sein Sekretär ihm versichert hatte, dass dies keineswegs ein Kommentar zur alleinseligmachenden christlichen Kirche sei, sondern vielmehr ein Ausdruck der Zuneigung für eine Kapelle, die ihre geneigte Zuhörerschaft mit sogenannter Punk-Musik erfreue.

Der Bischof aber sprach ins kalte Auge der Kamera die Worte: »Da machte sich Josef aus Galiläa aus der Stadt Nazareth auf in das jüdische Land zur Stadt Davids, die da heißt Bethlehem, weil er ...«

»Stohopp, Cut! Also nee, das können wir so nicht senden. Dass muss geändert werden.« Die junge Frau mit grünen Haaren, dezentem Ring in der Unterlippe und Laptop auf dem Schoß, war ihm von dem Punk-liebenden Regisseur als Lea-Sophie und Faktencheckerin des Senders vorgestellt worden. Jetzt dozierte sie »Bethlehem ist eine Stadt im Westjordanland mit 29 930 Einwohnern. Die Stadt gehört zu den palästinensischen Autonomiegebieten.« Sie schaute mitleidig auf den Bischof: »Wikipedia-Grundwissen!«

»Ja aber«, stammelte der Bischof, »das steht doch in der Bibel«. »Jaaah«, antwortete Lea-Sophie, »und das ist eine alte religiöse Schrift, die auf sehr dünner faktischer Grundlage steht, jedoch von der israelischen Regierung dazu benutzt wird, ihre völkerrechtlich nicht anerkannte Besetzung zu legitimieren.«

Sie wandte sich an den Regisseur: »Nee Torben, daaas geeeht gaaar nicht. Wenn ihr das sendet, haben wir ›nen Shitstorm im Web, der tobt von Heiligabend bis Silvester.« »Mmmh, also Herr Bischof, da könnwer nix machen. Wenn sie jetzt einfach weitermachen mit ihrem Text .... Weihnachtspredigt 2021, die zweite ... uuund Action!«

Mit zitternden Händen und gar nicht einverstanden blätterte der Bischof die Seiten der alten Lutherbibel um und las: »Und es waren Hirten in derselben Gegend auf dem Felde bei den Hürden, die hüteten des Nachts ihre Herde. » »Stohopp!«, schrillte wieder Lea Sophie. »Hab‹ das grade noch mal gegengecheckt. Kann so nicht stimmen. Also wenn dieses Jesus-Kind am 24. Dezember in den palästinensischen Autonomiegebieten geboren wurde, dann können bei den in dieser Region herrschenden Durchschnittstemperaturen im Dezember kaum subsistenzorientierte Formen extensiver Fernweidewirtschaft betrieben worden sein. Also, ich schlage vor, Ihr lasst diese Hirten weg, was dieser ohnehin schon sehr männerlastigen Story sowieso gut tun würde, aber das ist nur meine persönliche Meinung. Oder ihr verlegt den ganzen Plot in den Sommer.«

»Aber das steht doch net in der Bibel«, wimmerte eine schwache Stimme droben von der Kanzel. »Jaaah«, seufzte Lea Sophie, »Und darum glauben Sie, dass das nicht stimmt. By the way, das ist Ihre persönliche Meinung. In diesem Land hat zwar jeder das Recht auf eine eigene Meinung, aber nicht auf seine eigenen Fakten.«

Torben zuckte mit den Schultern und senkte seine Stimme, weil er sah, dass der Bischof leise weinte: »Also, Hochwürden, tun Sie uns allen einen Gefallen und überspringen Sie einfach die schwurbeligen Stellen, dann sind wir auch schneller fertig. Weihnachtspredigt, die dritte ... uuund Action!«

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