Veranstaltungsreihe der JLU befasst sich mit dem Thema "Die autoritäre Welle im Westen"

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GIESSEN - (ebp). Kurz vor den US-Präsidentschaftswahlen im vergangenen November hatten wohl die wenigsten Beobachter mit einem Sieg Donald Trumps gerechnet. So auch Christoph Bieber, Professor für Ethik in Politikmanagement und Gesellschaft an der Universität Duisburg-Essen: "Ich hatte eigentlich erwartet, ein Buch über Hillary Clinton zu schreiben."

Doch seine gerade erschienene Publikation "Nach Obama" ist kein Lesestoff über die erste Präsidentin der Vereinigten Staaten, sondern über Trump als neuen Chef im Weißen Haus. Auszüge aus dem zusammen mit Prof. Klaus Kamps verfassten Buch stellte Bieber nun zur Eröffnung der Veranstaltungsreihe "Die autoritäre Welle im Westen: USA, Frankreich und Deutschland. Wie stark ist der Nationalismus?" in der proppenvollen Aula der Justus-Liebig-Universität (JLU) vor.

Wasser fürs Publikum

Trump sei ein "Profi im Showbusiness, aber ein Neuling in der Politik", der unter den republikanischen Präsidentschaftsbewerbern zunächst als Außenseiter galt. Bieber blickte auf eine Wahlkampfveranstaltung zurück, bei der Trump sich über seinen Konkurrenten Marco Rubio lustig machte und Wasser ins Publikum spritzte "als sei es Spring Break in Florida". Für jeden anderen Kandidaten wäre ein derartiges Verhalten "toxisch" - von Trump dagegen würde man genau das erwarten.

Bevor Bieber auf das Verhältnis von Politik und Journalismus unter Präsident Trump einging, warf er zunächst einen Blick auf die polarisierte Medienlandschaft in den USA. Das amerikanische Mediensystem verlasse sich stark auf den Markt. Staats- und marktferne Medien, wie mit dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk in Deutschland, gebe es in den USA in dieser Menge nicht. Zwei Umfragen aus dem vergangenen Jahr hätten zudem ergeben, dass die Mehrheit der US-Amerikaner den klassischen Medien zwar mehr vertraut als Online-Medien, ihnen jedoch kein sehr starkes Vertrauen entgegenbringt. Trump-Wähler hätten zudem "FOX News" als ihre Hauptnachrichtenquelle angegeben. Bei den Anhängern der Demokraten hätten dies nur drei Prozent getan. "Man wendet sich seinen Medien zu und ignoriert andere" so Bieber. Ergänzt wird das Medienangebot in den USA durch das Online-Portal "Breitbart News", ein laut Bieber "nur schwer überschaubares Contentsammelsurium" mit einer "radikalen Positionierung am rechten oder rechtsradikalen Rand". Doch nicht immer sei die rechte Ausrichtung für jeden Leser erkennbar, da viele "Breitbart"-Artikel in sozialen Medien geteilt und so isoliert betrachtet würden. Mit Trumps Chefstrategen Steve Bannon arbeite der ehemalige "Breitbart"-Chef nun "als wichtiges Powercenter" im Weißen Haus.

Der derzeit allgegenwärtige Ausdruck "Fake News" sei dagegen keine neue Erfindung, sondern erstmalig im 19. Jahrhundert gebraucht worden. Doch "erst der unerwartete Ausgang der Wahl" habe dem Begriff zu neuer Präsenz verholfen. Dass es sich bei "Fake News" nicht um einen "harmlosen Spaß im digitalen Raum" handle, habe der "Pizzagate" gezeigt - eine Falschmeldung, die schließlich dazu führte, dass ein Mann mit einem Sturmgewehr eine Pizzeria stürmte. Auch die Amtseinführung Trumps führte zu einer Diskussion um absichtliche Falschmeldungen, nachdem der Pressesprecher des Weißen Hauses vom "größten Publikum aller Zeiten" gesprochen hatte, obwohl Luftaufnahmen aus Washington D.C. große Lücken innerhalb der Zuschauerreihen offenbarten. Medien hätten Sean Spicer daraufhin der Falschaussage bezichtigt, wohingegen Präsident Trump Journalisten wiederholt als "besonders unehrliche Menschen" betitelt habe, so Bieber.

"Enorme Reichweite"

Für Diskussionen sorgen auch regelmäßig die Tweets von Donald Trump. Mit über 28 Millionen Followern habe Trump bei Twitter "eine enorme Reichweite", auch wenn unter den Followern viele Bots - also computergesteuerte Accounts - seien. Doch Trump führe bei dem Kurznachrichtendienst ein "merkwürdiges Doppelleben", denn neben seinem privaten Profil verfüge er auch über den offiziellen Account des US-Präsidenten mit über 16 Millionen Abonnenten. Es sei dabei oft nur schwer nachzuvollziehen, ob es sich bei einem Tweet um ein Statement des privaten Donald Trumps oder um eine offizielle Meldung aus dem Weißen Haus handle, so Bieber. Die Mitteilsamkeit Trumps über Twitter freue dagegen dessen Gegner. Denn "zu jeder politischen Entscheidung, die Donald Trump heute trifft, gibt es mindestens einen Tweet, in dem er das Gegenteil behauptet".

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