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Verfahren nach vier Jahren eingestellt

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Ein Verfahren gegen einen Gießener Buchhändler vor dem Amtsgericht Gießen wurde gestern wegen Geringfügigkeit und mangelnden öffentlichen Interesses eingestellt. Symbolfoto: Mattes © Ingo Berghöfer

50 Mal in die eigene Ladenkasse gegriffen haben soll ein Gießener Buchhändler. Das behauptet sein Ex-Kompagnon. Doch nach der Vernehmung der Zeugen stellte das Amtsgericht das Verfahren ein.

Gießen. Die Vorwürfe gegen einen Gießener Buchhändler wogen schwer und sie haben diesen bereits vor vier Jahren eine Reputation gekostet, die weit über Gießen hinausreichte. Untreue in 50 Fällen soll der 76-Jährige nach Ansicht der Staatsanwaltschaft begangen haben, die sich dabei vor allem auf die belastenden Aussagen des drei Jahre älteren früheren Kompagnons und Mitgesellschafters des Buchhändlers stützte.

Dass die Vorsitzende Richterin des Schöffengerichts, Sonja Robe, das Verfahren bereits am zweiten Verhandlungstag wegen der Geringfügigkeit der möglichen Schuld und dem fehlenden öffentlichen Interesse einstellte, lag aber nicht nur daran, dass ein Großteil der Vorfälle, die sich vor rund zehn Jahren zugetragen haben sollen, bereits verjährt ist. Ein erstes Verfahren war 2018 wegen der Erkrankung des Angeklagten vertagt worden.

Seit 2008 soll der Buchhändler ohne Wissen seines Mitgesellschafters rund 6600 Euro vom gemeinsamen Geschäftskonto abgehoben haben, um ältere Schulden zu begleichen. Zudem habe er den Arbeitnehmeranteil der Krankenversicherung einer Angestellten in Höhe von 1200 Euro nicht überwiesen.

Um Licht ins Dunkel dieser Vorwürfe zu bringen, hatte Robe gestern gleich sieben Zeugen geladen. Frühere Steuerberater, Buchhalter und Angestellte der Buchhandlung. Auch wenn alle Beteiligten sich nach mehr als zehn Jahren nicht mehr an jedes Detail erinnern konnten, wurde doch in allen Aussagen ein Muster deutlich. Übereinstimmend sagten alle aus, dass sich der Angeklagte überwiegend um die Buchhandlung gekümmert habe, während der Kompagnon für die Buchhaltung zuständig gewesen sei. »Ich kann mich nicht erinnern, den Angeklagten einmal am PC gesehen zu haben, sagte etwa eine frühere Buchhalterin, die damals zur Unterstützung eingestellt worden war .

Durch die Zeugen wurde deutlich, dass die Buchhandlung ab 2013 finanziell in immer größere Schieflage geriet. Immer häufiger war man in Verzug, nicht nur was die Zahlung von Rechnungen anging, sondern auch beim Eintreiben eigener Außenstände. Die Gesamtbilanzen der Buchhandlung habe sie aber trotz Nachfragen nie gesehen. Die habe allein der Kompagnon des Angeklagten auf seinem passwortgeschützten Rechner gespeichert, ihr aber nie gezeigt, sagte die Buchhalterin.

Das wachsende Chaos im Unternehmen war wohl auch die Ursache für die ausbleibenden Sozialbeiträge einer Mitarbeiterin. Die seien nach Rücksprache mit dem Arbeitgeber nachträglich überwiesen worden, sagte eine Mitarbeiterin dieser Krankenkasse aus, die offenbar auch nicht vor Chaos in der Verwaltung gefeit war: »Wir haben die Ausstände erst relativ spät moniert, weil bei uns zu dieser Zeit zwei unterschiedliche Datenbanken zusammengeführt wurden«

Die vom Ex-Geschäftspartner am ersten Verhandlungstag im Zeugenstand erneuerten Vorwürfe, dieser habe die Gehaltsauszahlung an Mitarbeiter einem von ihm installierten Steuerberater »als Teil des Betrugs« übertragen, hatte Richterin Robe bereits als Vermutung abgetan, weil keine Beweise für diese Anschuldigungen vorgelegt wurden.

Nach Rücksprache mit Staatsanwalt Matthias Rauch und Verteidiger Alexander Hauer, und einer kurzen Beratung mit den Schöffen stellte die Richterin das Verfahren gegen den Buchhändler ein, und gab diesem noch die Worte mit auf den Weg: »Es ist vorbei, fahren sie schnell nach Hause, damit sie zur Ruhe kommen, Alles Gute.«

Verteidiger Hauer sagte, nach der Verhandlung, dass sein Mandant lieber für einen Freispruch erster Klasse gekämpft hätte. Doch den Nachweis seiner Unschuld zu erbringen, sei nach über zehn Jahren kaum möglich.

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