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Herzprobleme und Lebererkrankung: »Idealerweise« wäre bei Nala eine Biopsie veranlasst worden. Symbolfoto: dpa

Tiermedizin

Vergebliche Hoffnung auf Überleben

Eine Hundehalterin ist mit ihrer Klage gegen die JLU Gießen gescheitert. Ihr Labrador musste eingeschläfert werden.

Gießen . Nala ist schon fast zehn Jahre lang tot. Wegen einer unheilbaren Erkrankung hatte sich die Familie dazu entschlossen, die Hündin einschläfern zu lassen. Dabei war die Hoffnung groß, dass der Labrador nach der Implantation eines Herzschrittmachers alsbald wieder fröhlich umherspringen kann. Zumal ein Spezialist der Justus-Liebig-Universität (JLU) gar prognostiziert hatte, dass Nala nach dem Eingriff wieder »ein normales Leben« führen könnte. Tatsächlich war die Operation im Juli 2011 gut verlaufen. Und nicht die Herzprobleme, sondern eine chronische Hepatitis galten als Grund für den miserablen Gesundheitszustand des Tieres. Erhöhte Leberenzymwerte waren bereits vom Haustierarzt festgestellt worden. In der Gießener Klinik für Kleintiere bestätigte sich dieser Befund nach der OP, war aber als Folge der kardiologischen Beschwerden bewertet worden. Als sich bei der üblichen Kontrolluntersuchung die Situation schließlich noch schlechter darstellte, wurde von den Veterinärmedizinern eine dringende Abklärung empfohlen. Für Nala kam dieser Ratschlag allerdings zu spät. Ihre Halterin fordert deshalb von der JLU, die rund 3100 Euro für das Einsetzen des Schrittmachers zu erstatten, Die Frau geht nämlich von der Verletzung der Aufklärungspflicht und einem Behandlungsfehler der Experten aus. Ihre Klage vom Dezember 2015 hat das Landgericht nun aber in zweiter Instanz zurückgewiesen und das Urteil des Amtsgerichts aus dem Juni 2020 bestätigt. Und da eine Revision nicht zugelassen wurde, zieht Justitia damit einen endgültigen Schlussstrich unter den jahrelangen Rechtsstreit.

Beachtliche finanzielle Folgen

Für die Frau aus Niedersachsen mit beachtlichen finanziellen Folgen, die weit über den verlangten 3100 Euro liegen dürften. Als Unterlegene muss sie nicht nur ihre, sondern auch die Kosten der Rechtsanwältin der JLU begleichen. Hinzu kommt das Honorar für den Sachverständigen, der schon vom Amtsgericht eingeschaltet und vom Landgericht nochmals ergänzend beauftragt worden war. Nicht zu vergessen die Gerichtskosten für beide Instanzen sowie die Fahrtkosten aus dem Landkreis Verden an der Aller zu den verschiedenen Verhandlungstagen nach Gießen.

Ausführlich hatte die Erste Zivilkammer Prof. Reinhard Mischke von der Tierärztlichen Hochschule Hannover als Gutachter befragt. Und entsprechend detailliert sind die mehrseitigen Entscheidungsgründe ausgefallen. Denn bei der Prüfung einer möglichen Verletzung der Aufklärungspflicht durch den ebenfalls beklagten Veterinär müssen - im Unterschied zu einer humanmedizinischen Behandlung - die wirtschaftlichen Interessen der Klägerin berücksichtigt werden, erläutert Richterin Elke Meschkat im Gespräch mit dem Anzeiger.

»Wenn der Kardiologe erkannt hätte, dass noch eine zweite lebensbedrohliche Erkrankung vorliegt, hätte er darauf hinweisen müssen, damit die Halterin eine Abwägung treffen kann.« Zwischen dem Risiko weiterer Behandlungskosten im Vergleich zum »Wert des Tieres«. Die Besitzerin von Nala hatte im Prozess versichert, dass sie das Einsetzen des Schrittmachers nicht in Auftrag gegeben hätte, wenn sie über die andere, auf Dauer recht teure »Baustelle« informiert gewesen wäre. Immerhin habe sie - mangels OP-Versicherung - schon damals das Geld zusammenkratzen müssen. Konsequenz: Nala wäre unmittelbar an dem Herzleiden verstorben. Ganz willkürlich darf indes über das Leben des Hundes nicht entschieden werden. Grundsätzlich besteht ein Verbot zur Tötung von Tieren. Es sei denn, es liegt ein »vernünftiger Grund« vor. Und es sei durchaus fraglich, ob ein solcher existiere, wenn sich der Halter die Kosten nicht leisten kann oder will. Das sei ethisch und moralisch nicht zu rechtfertigen. Denn es ist unstreitig, dass die Operation erfolgreich war und den Labrador gerettet hat. »Da die Leber zu diesem Zeitpunkt keine klinischen Symptome verursacht hat, war eine Euthanasie allein aus Kostengründen bei völlig ungewissem Ausgang der Abklärung der Leberwerte auch nicht naheliegend«, heißt es in der Urteilsbegründung.

Erhöhte Leberwerte durchaus bekannt

Der Kardiologe der Gießener Veterinärmedizin wiederum hatte vehement behauptet, dass die vom Haustierarzt mehrfach gemessene Erhöhung der Leberenzymwerte den JLU-Experten nicht mitgeteilt worden sei. In den vorgelegten Unterlagen habe sich dazu kein Vermerk oder ein entsprechendes Blutbild gefunden. Laut Prozessakte waren dem Veterinär diese Diagnose durchaus bekannt. Darin finde sich insbesondere die Notiz, dass die Leberwerte »weiterhin erhöht« seien. Obendrein habe die Besitzerin von Nala noch mitgeteilt, dass der Labrador eine »inhomogene« Leber - eine unregelmäßige Struktur - besitze. Zur Sicherheit sei deshalb in der Frankfurter Straße eine zusätzliche Ultraschallaufnahme angefertigt worden - ohne diese Diagnose allerdings zu bestätigen.

»Es kann dem Operateur eben nicht zum Vorwurf gemacht werden, dass er eine andere lebensverkürzende Erkrankung hätte erkennen oder darauf hinweisen müssen«, betont Elke Meschkat. Wenngleich Anzeichen für eine zweite Erkrankung vorgelegen haben, hätten diese nach Ansicht der Zivilkammer tatsächlich auch eine harmlosere Ursache haben können. Die Gießener Tierärzte waren davon ausgegangen, dass die erhöhten Leberwerte auf die Herzerkrankung zurückzuführen seien. Und das sei laut dem Gutachter auch nicht völlig ausgeschlossen.

Zwar hatte Reinhard Mischke betont, dass »idealerweise« eine feingewebliche Untersuchung des inneren Organs in Auftrag gegeben worden wäre. Diese hätte jedoch wegen des Narkoserisikos nicht vor dem kardiologischen Eingriff erfolgen können. Ohne diese Abklärung hätte der JLU-Veterinär indes keine verlässliche Lebensprognose des Labradors treffen können. »Die Aussage, Nala werde nach der OP ein normales Leben führen können, hätte deshalb vorsichtiger getroffen werden müssen«, erläutert die Juristin. Und fügt hinzu, dass sich diese Vorhersage für den »Empfängerhorizont erkennbar vornehmlich auf die kardiologische Prognose bezogen hat«.

»Professionelle« Behandlung

Von einem auf Herzerkrankungen spezialisierten Tiermediziner könnten die speziellen Kenntnisse zur chronischen Hepatitis beim Labrador nicht unbedingt erwartet werden. »Geschuldet war vielmehr eine Beratung in Bezug auf den geplanten Eingriff, auf dessen Erfolgsaussichten und Risiken.« Die dafür erforderliche Aufklärungspflicht sei erfüllt worden, und Nala hat nach Einschätzung des Sachverständigen in der Kardiologie eine »professionelle« Behandlung erhalten.

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