1. Startseite
  2. Stadt Gießen

Verkehrsversuch: Planer hat Bedenken

Erstellt:

giloka_0406_verkehrsvers_4c_1
Am Beispiel Südanlage in Höhe des Fina-Parkhauses kritisiert Stadtplaner Norbert Fischer-Schlemm die favorisierte Variante für den Verkehrsversuch auf dem Anlagenring. Es würden neue Risiken für Radfahrer verursacht und Busse ausgebremst. Bürgermeister Alexander Wright kann die meisten seiner Kritikpunkte allerdings nicht nachvollziehen. Archivfoto: Berghöfer © Ingo Berghöfer

Die Kritik am Verkehrsversuch auf dem Anlagenring in Gießen reißt nicht ab. Stadtplaner Norbert Fischer-Schlemm befürchtet ein höheres Risiko und hohe Kosten. Der Bürgermeister widerspricht.

Gießen. Zwar steht noch nicht einmal fest, wann genau der Verkehrsversuch auf dem Anlagenring beginnen soll, doch die Kritik daran reißt nicht ab. Nun übt auch der Gießener Verkehrsplaner Norbert Fischer-Schlemm deutliche Kritik an der vom beauftragten Planungsbüro favorisierten Variante. Bürgermeister Alexander Wright (Grüne) teilt die Bedenken nicht und argumentiert dagegen.

Nach Fischer-Schlemms Einschätzung ist jene Variante, die weiterverfolgt werden soll und in der die beiden inneren Spuren in beide Richtungen für Radfahrer sowie in einer Richtung für Busse reserviert werden sollen mit erheblichen Beeinträchtigungen und Gefährdungen der Radfahrer und der Linienbusse verbunden. Der Planer verweist unter anderem auf eine Einschätzung der Bundesanstalt für Straßenwesen, nach der eine Freigabe innerörtlicher Radwege in Gegenrichtung nur in Ausnahmefällen erwogen werden sollte, da sie zu einem erhöhten Unfallrisiko führe.

»Bei dem Verkehrsversuch handelt es sich nicht um einen innerörtlichen Radweg in Gegenrichtung, sondern um eine Fahrradstraße mit entsprechender Breite«, kontert Wright. Die Schwierigkeit bei innerörtlichen Zweirichtungsradwegen seien vielmehr Zufahrten sowie ein- und abbiegende Fahrzeuge. »Wir haben in diesem Fall allerdings nur sehr wenige Grundstückszufahrten zu beachten.« Zudem werde man »bedingt verträgliche Abbieger« signaltechnisch nahezu ausschließen. Die Ampeln würden auch nachts nicht abgeschaltet. Die Kritik und der Vergleich mit innerörtlichen Zweirichtungsradwegen trage somit nicht.

»Unfallrisiko wird steigen«

Am Beispiel Südanlage/Fina-Parkhaus moniert Fischer-Schlemm wiederum, dass Radfahrer, die Richtung Berliner Platz unterwegs sind, künftig zahlreiche zusätzliche Ampelanlagen passieren müssten. Das führe entweder zu längeren Wartezeiten oder verführe zu verkehrswidrigen Fahrmanövern. Wrights Gegenargument: »Beim Verkehrsversuch geht es doch gar nicht darum, die Geschwindigkeit des Radverkehrs zu erhöhen, sondern die Sicherheit.« Norbert Fischer-Schlemm vermutet jedenfalls, dass ein Teil der Radfahrer wegen dieser Zwangspausen auch auf parallel verlaufende Straßen wie die Ludwigstraße ausweichen wird. Da diese aber im Fall der Realisierung des Verkehrsversuchs bereits stärker von Autos befahren würden, steige hier das Unfallrisiko.

Diese Einschätzung teilt Wright nicht. Das sei auch unlogisch, zum einen wäre eine Fahrt durch die Ludwigstraße ein Umweg und somit die Fahrtzeit länger. Zum anderen gebe es mit der Löberstraße oder der Lonystraße Parallelstraßen, die sicherer seien.

Kritiker Fischer-Schlemm rechnet ferner damit, dass die Fahrzeiten der Linienbusse deutlich ansteigen werden, da sie künftig vom Tempo vorausfahrender Radfahrer abhängig seien und diese unter Berücksichtigung des Mindestabstands von 1,50 Metern zu den Fahrrädern - in beiden Richtungen - kaum noch überholen könnten. Dieses Thema hätten die Planer im Ausschuss auch angesprochen, räumt der Bürgermeister ein. Es werde zu Verzögerungen kommen. Allerdings wolle die Stadt gleichzeitig das Thema Busbeschleunigung angehen, um diese Verzögerungen auszugleichen. »Die Problematik von unvorhersehbaren Verspätungen haben wir derzeit ja auch, beispielsweise in der Neuen Bäue, aber auch dann, wenn fünf Menschen an einer Haltestelle gleichzeitig einen Einzelfahrschein ziehen. Daher würde uns die Busbeschleunigung hier helfen«, so der Verkehrsdezernent. Dazu stehe man im engen Austausch mit den Stadtwerken Gießen (SWG) und der Verkehrsgesellschaft Oberhessen (VGO).

Auf der Rodheimer Brücke habe die Stadt das früher durch Markierungen geförderte Radfahren auf der linken Seite verboten, weil so das Unfallrisiko erhöht worden sei, kritisiert Fischer-Schlemm weiter. Daher verstehe er nicht, warum die Stadt durch den Verkehrsversuch auf dem Anlagenring solche Gefahren jetzt in größerem Maßstab provoziere.

»Der ursprünglich gemeinsame Geh-/Radweg auf der nördlichen Brückenkappe stellte aus zwei Gründen eine besondere Gefährdung dar«, erläutert Wright. Zum einen habe es erhebliche Konflikte mit dem starken Fußgängerverkehr gerade im Begegnungsfall von aufeinander zu fahrenden Radlern gegeben. Zum anderen sei im Einmündungsbereich der Bootshausstraße der stadteinwärts fahrende Radverkehr von rechts einbiegenden Fahrzeugen oft übersehen worden, da deren Lenker beim Einbiegen nur nach links geschaut hätten. »Diese Situation kann nicht als Vergleich für die Fahrradstraße am Anlagenring herangezogen werden, zumal die Fahrradstraße ohne Fußgängerverkehr betrieben werden soll.«

»Berechnungen sind übertrieben«

Fischer-Schlemm hat darüber hinaus ausgerechnet, dass der überwiegende Teil der vom Anlagenring verdrängten Fahrzeuge in der Größenordnung von rund 3000 bis 4000 Kraftfahrzeugen pro Tag über die Ringallee fahren und dort die Lärm- und Schadstoffbelastungen erhöhen werde. In ähnlicher Größenordnung würden Kraftfahrzeuge von der Grünberger Straße in Richtung Frankfurter Straße und Westanlage zumeist auf die Ludwigstraße ausweichen. Dadurch erhöhten sich in dieser Straße die Gefahren für Fußgänger, die Gymnasiasten der Liebigschule sowie Radfahrer im Längs- und Querverkehr spürbar.

Diese Rechnungen kann der Bürgermeister ebenfalls nicht nachvollziehen. »Die Planungen gehen im Bereich Ringallee von maximal 1000 Fahrzeuge pro Tag aus. Die Grünberger Straße erfährt eher eine Entlastung von 1000 Fahrzeugen pro Tag. Die Gutachter gehen von einer hohen Verlagerung auf den Gießener Ring aus.« Der Bürgermeister merkt aber an, dass die Grundlage für die Berechnung des Planungsteams eine Simulation sei. »In der realen Welt können sich Abweichungen ergeben.«

Nach Fischer-Schlemms Einschätzung werden sich die Kosten für den Verkehrsversuch auf über sieben Millionen Euro summieren. Wright hält diese Zahl für überzogen, zumal sich die Tiefbaumaßnahmen in einem engen Rahmen halten würden. Da die Ampelanlagen am Anlagenring veraltet seien, müssten sie ohnehin ausgetauscht werden. Die Programmierung der neuen Phasen sei allerdings mit einem hohen Aufwand verbunden. »Wenn man den Verkehrsversuch mit den Kosten einer klassischen Neuaufteilung des Verkehrsraums mit dann erforderlicher, grundhafter Erneuerung vergleicht, spart die Stadt möglicherweise genau diese Millionen. Denn diese bauliche Neuaufteilung wäre die Alternative zum Verkehrsversuch«, bilanziert Alexander Wright.

Auch interessant