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Vermeiden statt beseitigen

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Die Einmalaschenbecher sind besonders beliebt: Finn Weber und Margarita Olenberg sorgen als »Müllscouts« dafür, dass der Abfall nicht einfach in der Natur landet. Foto: Pfeiffer © Pfeiffer

»Müllscouts« sind wieder in Gießen unterwegs: Besonders viel zu tun haben sie im Stadtpark Wieseckaue und an der Lahn.

Gießen . »Heute sieht es besonders schlimm aus«, sagt Finn Weber und blickt auf die Wege und Wiesen rund um die Skateanlage im Stadtpark Wieseckaue. Zigarettenstummel, ausgespuckte Kaugummis und weggeworfene Verpackungen zeugen von der regen Nutzung - und der Achtlosigkeit, mit der manche Besucher im Stadtpark unterwegs sind. Wenn das Wetter in den kommenden Wochen mitspielt, lässt der Müll an diesem Mittwochmittag erahnen, dass auf Finn Weber und seine Mitstreiter viel Arbeit zukommen wird. Der Abiturient ist einer von rund zehn »Müllscouts«, die bis September im Stadtpark, an den Lahnwiesen und im Theaterpark im Einsatz sein werden. Ihr Ziel: Die Gießener dafür zu sensibilisieren, dass ihr Abfall nicht in die Natur gehört.

Gift in der Kippe

Im vergangenen Jahr hat die Stadt Gießen das Projekt erstmals umgesetzt. Die Idee dazu kommt aus Mainz, die dreivorzwölf Marketing GmbH übernimmt auch für Gießen die Rekrutierung der Scouts. »Restriktionen und Verbote sind kontraproduktiv«, findet Geschäftsführer Stefan Degreif. Die »Müllscouts« sind daher weder mit erhobenem Zeigefinger unterwegs, noch verhängen sie Bußgelder. Ziel sei es, im persönlichen Gespräch und auf Augenhöhe ein Bewusstsein dafür zu schaffen, dass selbst Kleinigkeiten wie die Zigarettenkippe negative Auswirkungen auf die Umwelt haben. Schließlich sind in den Stummeln giftige Substanzen wie beispielsweise Arsen, Blei oder Chrom enthalten.

Die »Müllscouts« sind immer freitags und samstags zwischen 17 und 21 Uhr und stets in Zweiergruppen unterwegs. Mit ihren roten Westen mit dem Slogan »Bleib sauber« sind sie schon von Weitem gut zu erkennen. Vor allem, wenn sie auf größere Gruppen stoßen, suchen sie das Gespräch, erzählt Margarita Olenberg, die zusammen mit Finn Weber ein Team bildet. Die beiden Abiturienten haben Mülltüten im Gepäck, die sie beispielsweise anbieten, wenn jemand Essen und Trinken dabei hat.

Aber auch Einmalaschenbecher - kleine Pappkästchen, nur etwas größer als eine Streichholzschachtel - verteilen die »Müllscouts«. Und gerade die sind offenbar sehr begehrt und nicht nur für Raucher, sondern auch für Kaugummikauer gut geeignet. Wer die Scouts bereits kennt, frage sogar explizit nach den Schächtelchen. »Die Leute reagieren eigentlich immer sehr freundlich auf uns«, erzählt Olenberg.

Wenn sie merken, dass grundsätzlich Gesprächsbereitschaft besteht, informieren die Scouts auch umfangreicher über die Auswirkungen des achtlos weggeworfenen Mülls. Hierfür wurden sie um Vorfeld geschult, außerdem haben sie Infomaterial dabei. Aufzwingen wolle man aber niemandem etwas, betont Olenberg.

Während ihrer vierstündigen Touren machen die Scouts zudem Fotos von besonders frequentierten Bereichen oder größeren Verschmutzungen. Außerdem fertigen sie einen Bericht an, den die dreivorzwölf GmbH auswertet.

»Die Hinweise der ›Müllscouts‹ sind sehr wertvoll für uns«, betont Richard Schnecking, Abteilungsleiter Grünanlagen beim Gartenamt der Stadt. Durch deren präventive Arbeit hofft man im Gartenamt, langfristig keine Müllbeseitigung am Wochenende mehr durchführen lassen zu müssen. Derzeit ist hierfür für vier Stunden pro Tag eine externe Firma beauftragt, in der Vergangenheit waren es sogar acht Stunden täglich. »Wir wollen das noch weiter zurückschrauben.«

Dass die Scouts alleine das Abfallproblem in Gießen lösen können, das erwartet man im Rathaus allerdings nicht. »Sauberkeitspaten«, »Müllscouts« oder die »Clean Up Walks« seien »viele Mosaiksteinchen«, die dafür sorgen, dass Gießen sauberer wird. »Wenn die nicht wären, wäre es noch viel schlimmer«, verdeutlicht Stadträtin Gerda Weigel-Greilich (Grüne). Überquellende Abfalleimer und Müll auf den Grünflächen seien jedoch kein singuläres Gießener Problem. Man wolle den jungen Menschen das Feiern im Freien nicht verbieten, angesichts des Mülls werde man aber auch »nicht kapitulieren«. Langfristig müsse aber das Ziel sein, den Müll nicht nur nicht in der Natur zu entsorgen, sondern überhaupt weniger zu produzieren.

Hausmüll entsorgt

Einfach mehr oder größere Abfalleimer aufzustellen, löse das unschöne Problem aber nicht, findet Angelika Nailor, Geschäftsführerin vom Verein Ehrenamt Gießen. Von den »Sauberkeitspaten« wisse sie, dass umso mehr Fremdmüll entsorgt werde, je mehr Abfalleimer in der Stadt aufgestellt sind. Da lande dann neben dem Einweg-Kaffeebecher auch gerne mal der Haus- oder Sperrmüll im Eimer.

Das sieht man auch im Gartenamt so: »Wo ein Mülleimer ist, kommt immer auch Müll hin, der dort nicht hingehört«, verdeutlicht Richard Schnecking. In den Sommermonaten stelle man aber durchaus auch temporäre oder größere Abfalleimer an stark frequentierten Plätzen auf. Und wenn die Entsorgungsmöglichkeit bereits überquillt? Ein fehlender oder voller Eimer sei keine Legitimation dafür, den Abfall einfach in der Gegend zu entsorgen, betont Stadträtin Weigel-Greilich. »Was man in den Park mitbringen kann, kann man beim Gehen auch wieder mitnehmen.«

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